15.05.2015

Die Bedeutung der Kultur in Deutschland und die Aufgaben der deutschen Kulturpolitik 

Das geistige Band der Nation

Monika Grütters

Das Humboldt-Forum im neuen Berliner Schloss ist gegenwärtig das be­deutendste Bauprojekt Deutschlands. Welche Aussage trifft ein Land, wenn es ein derart markantes Vorhaben in seiner politischen Mitte den Kulturen der Welt widmet? Und was folgt daraus für den kulturellen Föderalismus? Diesen und weiteren Fragen zur Rolle der Kultur widmen sich die Beiträge dieses Titelthemas.

Von dem wunderbaren, gelegentlich ein wenig zur Satire neigenden Mark Twain stammt der Satz: „Kultur ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar ausgegeben ist.“ In der Tat, Mark Twain hat Recht: Kultur ist mehr als alles andere ein Wert an sich. Geld ist nicht alles, aber ohne Dollars und Euros geht es auch nicht. Deshalb haben Bundestag und Bundesregierung in den letzten Jahren deutlich Flagge gezeigt und den Kultur-etat kontinuierlich erhöht.

Gerade in Zeiten ökonomischer Krisen, wie wir sie nicht nur in Europa sondern weltweit seit Jahren erleben, wird die Wertegemeinschaft, wird das, was wir „Kulturprojekt Europa“ nennen, immer wichtiger. Und wo, wenn nicht in der Kultur, können Antworten gesucht werden auf die Frage, was es ist, das uns zusammen hält. Welche Werte – gerade bei so intensiven Gedenkjahren wie 2014 und 2015 – erkennen wir als gemeinsame Fundamente an? Eine Kulturnation wie Deutschland, die in ihren Traditionen so reich und in ihren Brüchen radikaler ist als alle anderen, muss sich mehr denn je nach ihrer Rolle im heutigen und im zukünftigen Europa fragen.

Ein Blick auf diese, unsere so sperrige Geschichte macht deutlich, dass die Kultur in den vergangenen Jahrhunderten in Deutschland immer eine besondere Rolle gespielt hat. Sie war und ist das geistige Band, das uns zusammenhält. Deutschland war eben zuerst eine Kultur-, dann eine politische Nation. Nationale Identität wächst eben auch zu allererst aus dem Kulturleben eines Landes. Es waren die Zusammenbrüche unserer Geschichte mit zwei Diktaturen in einem Jahrhundert, aus denen wir eine Lehre gezogen haben: Bereits im Artikel 5 Abs. 3 unseres Grundgesetzes heißt es: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Das ist der oberste Grundsatz jeder verantwortlichen Kulturpolitik. Denn frei sein können Kunst und Wissenschaft nur, wenn der Staat ihre Freiheiten schützt.

Diese staatliche Fürsorge für die Kultur, ihre Freiheit, die mit dem Mut zum Experiment auch immer das Risiko des Scheiterns in Kauf nimmt, dafür aber auch immer wieder weltweit beachtete Leistungen ermöglicht hat, dieses hartnäckige Engagement für die Künste hat entscheidenden Anteil am mittlerweile wieder hohen Ansehen Deutschlands in der Welt. Eine solche Kultur ist eben nicht das Ergebnis des Wirtschaftswachstums, sondern sie ist dessen Voraussetzung. Kulturelle Existenz in Deutschland ist keine Ausstattung, die eine Nation sich leistet, sondern sie ist eine Vorleistung, die allen zugute kommt. Eine so verstandene Kultur ist kein dekorativer Luxus, sondern sie ist Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses, nicht allein Standortfaktor, sondern Ausdruck von Humanität.

Kulturpolitische Agenda

Deshalb ist es mir besonders wichtig, neben der Fürsorge für unser kulturelles Erbe, also für die Institutionen, auch ein besonderes Augenmerk auf die Künstler, auf die Kreativen zu legen; auf die Rahmenbedingungen, in denen sie leben. Denn diese Künstler sorgen für immer wieder herausragende Leistungen, für eine Kultur, die auch einmal wehtun und unbequem sein darf. Und: Eine vitale Gesellschaft braucht das kritische Korrektiv, auch und gerade wenn es uns zum Nachdenken und zur Kritik herausfordert. Ein solches Verständnis von Kultur verbietet ein staatliches Kriterienkorsett. Künstler brauchen keine autoritativen Vorgaben. Was sie brauchen, sind Inspirationen und Anstöße und den Diskurs.

Zu unseren großen Verantwortungen gehört es, uns den Folgen unserer Geschichte zu stellen und das geschehene Unrecht nicht fortdauern zu lassen. Gemeinsam mit den Kulturministerinnen und -ministern der Länder und den Vertretern der kommunalen Spitzenverbände habe ich daher das „Deutsches Zentrum Kulturgutverluste“ gegründet. Das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ wird national und international der zentrale Ansprechpartner in Deutschland zu Fragen der Umsetzung der „Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“ (Washingtoner Prinzipien) und der „Gemeinsamen Erklärung“ der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Umsetzung dieser Prinzipien sein. Deutschland darf im Interesse der Überlebenden des NS-Regimes und ihrer Nachkommen nicht länger zögern. Es geht um mehr als um Kunstobjekte – es geht um großes Unrecht, geraubte Identität und den Verlust von Erinnerung an geliebte Menschen! Bei der Restitution geht es auch nicht in erster Linie um materielle Werte, sondern die Opfer möchten als Opfer anerkannt werden. Es ist unsere moralische Pflicht, genau das zu leisten. Eines ist klar: Künftig werden die deutschen Museen nicht nur an ihrer Ankaufs- und Ausstellungspolitik gemessen werden, sondern auch daran, wie sie ihre Geschichte und die ihrer Sammlungen aufarbeiten.

Weil das nur gemeinsam gelingt, rangiert für mich die intensive Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen ganz oben auf meiner Agenda. Ich habe bereits mit der Kultusministerkonferenz vereinbart, dass es zukünftig zweimal im Jahr ein Treffen mit den Länderkulturministern geben soll, und zwar abwechselnd von Bund und Ländern organisiert. Es ist mir ganz besonders wichtig, dass wir dann ausdrücklich auch die Vertreter der kommunalen Spitzenverbände zum Austausch einladen. Immerhin stehen die Städte und Gemeinden mit 44 Prozent für den größten Anteil am öffentlichen Gesamthaushalt für die Kultur ein. Deshalb werden wir gemeinsam Strategien entwickeln, wie wir unsere kulturelle Infrastruktur in einer sich demographisch und ethnisch gründlich verändernden Gesellschaft entwickeln können.

Die Rolle der Hauptstadt

Lassen Sie mich als Münsteranerin in Berlin und als Berlinerin in diesem Amt ein Wort zu Berlin sagen: Berlin ist die Hauptstadt. Was in der Hauptstadt kulturell gelingt, wird in den Augen der Welt dem ganzen Land gutgeschrieben. Was dort misslingt, dafür wird, von außen jedenfalls, das ganze Land verantwortlich gemacht. Kulturpolitik in Berlin ist also, ob sie es will oder nicht, auch Bundespolitik. Und die Bundes-Kulturpolitik in und für Berlin ist Ausdruck der Anerkennung der besonderen Rolle der Hauptstadt für die Nation.

In der Kulturpolitik muss den Ländern klar gemacht werden, dass Berlin kein konkurrierendes Bundesland ist, sondern unser aller dienender Mittelpunkt. Berlin selbst muss dem Bund klarmachen, dass er außenpolitisch als erster von einer Kulturblüte seiner Hauptstadt profitiert. Ich würde mich schon freuen, wenn Berlin einfach nur erkennen ließe, dass Hauptstadt sein auch eine dienende Funktion ist …

Gönnen Sie mir zum Schluss ein Wort zum größten Kulturprojekt Europas. Das entsteht in Deutschlands Mitte, auf dem zentralen Platz der Republik. Das Humboldt-Forum ist schon lange kein Luftschloss mehr, sondern fest verankert. Der Rohbau steht, und in wenigen Wochen feiern wir Richtfest. Soeben konnte ich den britischen Kunsthistoriker und renommierten Museumsexperten Neil MacGregor zum Leiter der Gründungsintendanz berufen.

In 10 einfachen Sätzen will ich versuchen auszudrücken, warum ich so eine leidenschaftliche Verfechterin des Humboldt-Forums bin:

  1. Deutschland hat als einzige Nation der Welt die historische Chance, den zentralen Platz der Republik am Beginn des 21. Jahrhundert neu zu definieren.
  2.  In einer einzigartigen Verbindung werden die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Zentral- und Landesbibliothek das Humboldt-Forum in der Mitte der Hauptstadt beherbergen.
  3. Hier sollen sich die außereuropäischen Kulturen selbstbewusst und in eigener Regie präsentieren.
  4. Die Neugier auf das Fremde, das Andere soll im stadträumlichen Bezug zu den Zeugnissen unserer europäischen Kunst- und Kulturgeschichte gegenüber der Museumsinsel Gestalt annehmen.
  5. Es soll um die Betrachtungen der großen Menschheitsthemen wie die Grenzen des Lebens, also Geburt und Tod, wie Gott und die Bedeutung der Religionen, wie Identität und Migration gehen. Hier erfahren wir das, was wir alle über unser Leben wissen wollen.
  6. Wir alle erleben immer wieder, was es heißt, einer Minderheit anzugehören, aber gerade kosmopolitische Städte sind die Zukunft. Vor allem in Museen kann man das sichtbar machen. Hier müssen wir zeigen: Alle Menschen sind gleich, die Unterschiede sind kleiner als die Gemeinsamkeiten.
  7. Es muss endlich eine Vision für Berlin, die Hauptstadt, und für Deutschland als einer der bedeutendsten Kulturnationen der Welt formuliert werden. Dies kann ihren Ausdruck in aufregenden Kunstpräsentationen finden.
  8. Wir wollen interdisziplinär und auf hohem Niveau mit unseren Weltklasse-Sammlungen über Europa und die Welt diskutieren.
  9. Berlin ist der Sehnsuchtsort, Deutschland ein attraktives Land für die Jugend der Welt – das Humboldt-Forum lädt sie alle ein – denn dort sprechen wir eine neue junge Sprache.
  10. Die mit dem Humboldt-Forum verbundene Idee ist einzigartig. Es geht dabei nicht um ein „besseres Völkerkundemuseum“, nicht um eine pragmatische Lösung für die weltberühmten Sammlungen außereuropäischer Kunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es geht vielmehr um neuartige Kunst- und Kulturerfahrungen, um das Wissen über gleichberechtigte Weltkulturen und um neue Kompetenzen im Weltverständnis.

Damit dies gelingt, müssen wir nicht nur das bauliche Entstehen begleiten, sondern vor allem verstärkt die inhaltliche Gestaltung angehen. Damit dieses Haus auch inhaltlich und künstlerisch ein klares Profil entwickeln kann, habe ich schon weit vor der Eröffnung eine Gründungsintendanz eingesetzt.

Der Name Humboldt-Forum steht für die Traditionen der Aufklärung, für die weltoffene und selbstbewusste Annäherung und für das Ideal eines friedlichen Dialogs der Völker. Für diese Ideen müssen wir werben – sie sind von grundlegender Bedeutung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft!

Kultur ist ein Modus des Zusammenlebens. Kultur darf, ja, sie muss zuweilen Zumutung sein. Wenn sie darüber hinaus auch noch unterhält – umso besser. Wenn wir dafür Sorge tragen, dann bleibt sie uns – selbst wenn der letzte Dollar ausgegeben ist.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Monika Grütters

Prof. Monika Grütters (RC Berlin-Nord) ist Staatsministerin für Kultur und Medien.


www.monika-gruetters.de

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