18.10.2014

Kafka 

Das lange Warten auf einen ordentlichen »Prozeß«

Christian Eschweiler

Im August 1914 begann Franz Kafka mit der Niederschrift seines epochalen Werks, das ihm nach der postumen Erstveröffentlichung sofort zu seinem Weltruhm verhalf. In sechs Monaten hatte er den großartigen Entwurf ausgearbeitet, der künstlerisch als Ablauf eines Jahres gestaltet ist, dem bewusst die letzte Nacht fehlt.

Am Morgen seines 30. Geburtstages widerfährt dem bisher unbescholtenen, hoch angesehenen und erfolgreichen Josef K. ein überraschendes Szenario, das seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung aufzwingt. Obwohl er sich zunächst vehement, aber vergeblich dagegen auflehnt, bleibt er zunehmend in das Geschehen verstrickt, das ihn tiefgründig als Prozess bis an sein Lebensende begleitet. Im Endkapitel wiederholt sich augenscheinlich das Anfangsszenario, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass Josef K. nun nicht mehr überrascht werden kann. Vorbereitet erwartet er seine Besucher auch ohne Ankündigung, weiß um ihre Bestimmung und übernimmt selbstbewusst und zielstrebig die Führung des Geschehens. Dieses überlegene Verhalten ist das erfahrungs- und erkenntnisreiche Ergebnis der immerwährenden Sinnsuche im Lebenskampf Josef Ks. Formal veranschaulichen also diese beiden Kapitel bereits den Anfang und das Ende einer erfolgreichen Entwicklung, die den geistbezogenen Menschen trotz aller Ablenkungen, Verirrungen und Verfehlungen sein höheres Selbst erkennen und den sinnerfüllten Weg seines Lebens finden lässt.

Obwohl sich der wunderbare Gesamtentwurf eines modernen Menschenbildes klar abzeichnet, bleiben leider einige Teilstücke unvollendet, andere sind zur nochmaligen Überarbeitung und Verbesserung sogar gestrichen, ein Kapitel über einen vielversprechenden Helfer „Wolfahrt“ ist nicht einmal begonnen. Aber dafür hat Kafka, der an seine Dichtung die allerhöchsten Ansprüche stellte, zwei Episoden seines Romans noch zu seinen Lebzeiten selbst veröffentlicht. Das unterstreicht ihre außergewöhnliche Bedeutung. Das eine Kleinod ist das berühmte Gleichnis „Vor dem Gesetz“. Es wird Josef K. als abschreckendes Beispiel für sein bisheriges Fehlverhalten erzählt. Obwohl er sich zunächst noch gegen ein Einsehen wehrt, zeigt der ganze zweite Teil des Romans die fortschreitende Wirkung, endlich auf dem richtigen Weg zu sein.

KAMPF UM DIE SELBSTFINDUNG

Der führt schließlich zuletzt zu dem zweiten Kleinod, dem kurzen Kapitel „Ein Traum“. In ihm träumt Josef K. von seinem richtigen Verhalten beim eigenen Tod, der dadurch das Leben als sinnerfüllt verklärt. Doch diese beglückende Hoffnung gestaltet Kafka nur im Traum. In Wirklichkeit überlässt sich der sterbende Josef K. untätig seinem Tod. Sein Körper verendet wie der jeglicher Kreatur. Doch mit diesem Vergleich versündigt er sich wieder an der Auszeichnung des Menschen, die ihn über die Tiere erhebt. Deshalb nimmt er ihn durch seine Scham sofort zurück. Das letzte Wort des Romans heißt „überleben“. Aber die volle Wahrheit bleibt dem Menschen auch in seinem Ende verborgen. Kafka taucht sie in das undurchdringliche Geheimnis der Dunkelheit der bewusst ausgesparten letzten Nacht des einjährigen „Prozesses“, in dem formal der Kampf um die Selbstfindung des heutigen Menschen gestaltet ist.

Warum aber bleiben dieses großartige Weltbild des modernen Menschen und seine künstlerische Gestaltung in einem überzeugenden, nachvollziehbaren Entwicklungsgeschehen noch immer dem Verständnis verschlossen? Max Brod beklagt bereit 1937 in seiner Biographie, dass der Weltruhm Kafkas nicht gerade dazu geführt habe, ihn auch zu verstehen. Dem besten Kenner der geistigen Welt seines Freundes darf man das wohl glauben. Aber leider war er, allerdings verständlicherweise, nicht auch der beste Interpret der Kunstwerke des Dichters und trägt deshalb an deren Missverständnis sogar den größten Anteil. Kafka hatte ihm 1920 das in einzelne Kapitel zerlegte „Prozeß“-Manuskript als großes Papierbündel überlassen. Als Brod es 1925 als erstes Werk aus dem Nachlass veröffentlichte, musste er die Kapitel, wie er selbst gestand, „nach dem Gefühl“ ordnen. Leider sind ihm dabei die schwersten Fehler unterlaufen. Weil wohl die Handschrift verloren gegangen war, erscheint das Kapitel „Ein Traum“ gar nicht. Noch verhängnisvoller ist jedoch die falsche Platzierung des Gleichnisses „Vor dem Gesetz“ unmittelbar vor dem Endkapitel, weil es dadurch als Ursache hinter seinen folgerichtigen und sinnvollen Wirkungen im zweiten Teil des Romans steht, in dessen Zentrum es als Achsenkapitel und Wendepunkt gehört.

Es ist unglaublich, dass die amtliche Germanistik trotz einiger Hinweise nicht nur noch immer an diesem nicht nachvollziehbaren Durcheinander festhält, sondern auch für die scheinbar wissenschaftliche Erkenntnis, dass bei Kafka „der Sinn eigentlich Sinnlosigkeit ist“, Martin Walser 1951 den Doktortitel verlieh. Der in vielerlei Hinsicht verdiente Marcel Reich-Ranicki behauptete bis zu seinem Tod, dass der von ihm bewunderte Kafka zwar „gedanklich spürbar“, aber nicht zu verstehen, geschweige denn zu erklären sei. Es ist erschreckend, wie die Fehldiagnose vermeintlicher Kompetenz nicht nur die Medienwelt, sondern sogar die Wissenschaft zu lähmen vermag, so dass in der jüngsten Forschung „gerade in der Nichtstimmigkeit“ Kafkas „seine unglaubliche Modernität“ gesehen wird. Er selbst hatte dagegen gefordert: „Erst in der geordneten Welt beginnt der Dichter“.

Ist in der heutigen Welt die Affinität zum Chaos tatsächlich anziehender als die zum Kosmos? Zweifellos erfordert eine sinnvolle Ordnung wesentlich mehr Arbeit und Engagement, aber ist die Belohnung dafür nicht auch weitaus schöner und erfüllender? Und kann eine verantwortungsbewusste Pädagogik eine andere Zielvorstellung haben, als dem jungen Menschen eine lebensbejahende Perspektive zu vermitteln? Die oberste Schulbehörde hat im Leistungsfach Deutsch für das Zentralabitur 2015 Kafkas Roman „Der Prozess“ zur Pflichtlektüre bestimmt. Alle Textempfehlungen beruhen aber auf der fehlerhaften und daher unverständlichen Erstveröffentlichung Brods, die ein sinnstiftendes Ordnungsgefüge notwendig ausschließt. Weil das aber nicht sein muss, entsteht akuter Handlungsbedarf und zwar jetzt, für das Zentralabitur 2015!

Der französische Dichter Charles Baudelaire hat einmal spöttisch gemeint, nicht verstanden zu werden, sei eine günstige Voraussetzung für Ruhm. Kafka wurde diese fragwürdige Ehre hinlänglich zuteil. Er hätte allmählich etwas Besseres verdient! Richtungsweisend sollte dabei die Bemerkung des englischen Schriftstellers Wystan Hugh Auden sein: „Wenn man nicht fragt, welcher Dichter im Sinne der Beziehung Dantes, Shakespeares, Goethes zu ihrer Zeit der unsrigen am nächsten steht, muss man in erster Linie Kafka nennen. Er ist so wichtig für uns, weil seine Probleme die Probleme des heutigen Menschen sind.“
In seiner Neuausgabe des „Prozesses“ ordnet Christian Eschweiler die traditierte Kapitelfolge und weist allen ursprünglich in den Anhang verbannten Teilstücken ihren sinnvollen Platz zu. Der Roman offenbart nun das keineswegs hoffnungslose, sondern durchaus sinnvolle Weltbild des Dichters.


Buchtipp
Ein Klassiker neu sortiert
In seiner Neuausgabe des „Prozesses“ ordnet Christian Eschweiler die traditierte Kapitelfolge und weist allen ursprünglich in den Anhang verbannten Teilstücken ihren sinnvollen Platz zu. Der Roman offenbart nun das keineswegs hoffnungslose, sondern durchaus sinnvolle Weltbild des Dichters.
Franz Kafka: Der Prozess. Neu geordnet, ergänzt, erläutert von Christian Eschweiler
Verlag Landpresse, ISBN 978-3-941037-40-3, 15 Euro

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Christian Eschweiler
Dr. Christian Eschweiler (RC Euskirchen-Burgfey) war von 1970 bis zu seiner Pensionierung Studiendirektor am Jesuitenkolleg in Bad Godesberg. Zeit seines Lebens befasste er sich mit dem Werk Franz Kafkas, u.a. in „Der verborgene Hintergrund in Kafkas ‚Der Prozeß’“ (Bouvier 1990). 2009 erschien eine von ihm geordnete, ergänzte und erläuterte Fassung des „Prozesses“. (Landpresse). www.christian-eschweiler.com

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