Gegen die Barbarei Hitlers - Thomas Mann und Rotary

Thomas Mann in Sanary-sur-Mer, 1933 © Wikimedia

17.09.2013

Gegen die Barbarei Hitlers 

Thomas Mann und Rotary

Erwin Bischof

Thomas Mann war als Nobelpreisträger nicht nur einer der bekanntesten Rotarier weltweit. Als engagierter Intellektueller war er außerdem ein beredter Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus, den er öffentlich kritisierte. Nach der Machtergreifung Hitlers Anfang 1933 spitzte sich die Lage zu, auch in seinem Rotary Club München. Nach vier glanzvollen Jahren der Mitgliedschaft kam das grosse Elend der Intrigen und des Ausschlusses aus dem Club. Die Nazis schritten zur Gleichschaltung privater Vereine und Clubs und verfolgten den Nobelpreisträger. Sein Schicksal war das Exil in der Schweiz und in den USA. Heute, 80 Jahre nach dem Schicksalsjahr 1933, stellt sich die Frage, welche Schlüsse daraus für unsere Zeit und die Zukunft zu ziehen sind.

Im November des Jahres 1928 wurde der Rotary Club München als einer der ersten in Deutschland gegründet, Paten waren die Rotary Clubs von Wien und St. Gallen. Ein Mitrotarier schildert Thomas Mann wie folgt: «Er war ein sehr aktiver und überzeugter Rotarier, der im Club in den nächsten Monaten noch mehrere Vorträge gehalten hatte.»

Ein Jahr nach der Clubgründung im Dezember 1929 erhielt der damals 54-jährige Thomas Mann in Stockholm den Nobelpreis für Literatur,insbesondere für «Buddenbrooks». Viele Rotarier empfanden den Preis auch als eine Auszeichnung der weltweiten Rotary-Bewegung.

Sein Club in München gab einen Festempfang, zu dem zahlreiche illustre Gäste eingeladen waren. Thomas Mann bekannte sich in seiner Ansprache zum ersten Mal voll zum ethischen Gedankengut von Rotary: «Welches ist denn seine innerste Verfassung? (des Rotary Clubs, der Verf.) Welches ist das geistige Fundament, auf dem sein Bau ruht? Ist es nicht eben dieser Ideenkomplex bürgerlicher Humanität, in dessen Zeichen er sich konstituiert hat und der ihn beseelt, diese Ideeneinheit von Freiheit, Bildung, Menschlichkeit, Duldsamkeit, Hilfsbereitschaft und Sympathie, die das Wesen der Humanität, der höheren Bürgerlichkeit ausmacht? In diesem Lichte sehe ich unsere Gemeinschaft. » …

Der Clubpräsident Felix Sobotka ehrte ihn: «Wir Münchner Rotarier begrüßen Sie als unseren Freund, auf den wir stolz sind und den wir mit und ohne Nobelpreis als noblen Geist und noble Seele und wahrhaften Rotarier lieben.»

Kommunismus und Faschismus als große Bedrohung

Thomas Mann definierte die Bedeutung Rotarys wie folgt: Die übernationale Idee Rotarys als Gegenstück zu einem übertriebenen Nationalismus und Totalitarismus in einem freiheitsfeindlichen und die Menschenrechte verachtenden «totalen Staat», wie ihn die faschistischen und kommunistischen Bewegungen mit immer grösserem Erfolg propagierten: Mussolini in Italien und Hitler in Deutschland, Lenin, Stalin in der Sowjetunion und in Osteuropa. Mao in China, wo Rotary heute noch verboten ist.

Dies ist das eigentliche Vermächtnis von Thomas Mann in politischer Hinsicht. Seine Charakterisierung des Ethos von Rotary gehört in dem über hundertjährigen Bestehen von Rotary International zum Besten, was weltweit darüber geschrieben wurde.

Diese Zeit von Ruhm und Ehre sollte nicht lange dauern. Politisch gab es große Unruhen in den Städten Deutschlands, die extremistischen Parteien zur Rechten und zur Linken bekämpften sich offen. Hitlers Putsch in München 1923 scheiterte, er publizierte in dieser Stadt im Jahre 1925 seine Hetzschrift «Mein Kampf» und gewann in den Wahlen ab 1930 immer mehr Stimmen der verunsicherten Protestwähler in Deutschland.

In einer öffentlichen Rede in Berlin im Oktober 1930 kritisierte Thomas Mann die Barbarei Hitlers mit scharfen Worten. Nun war klar: Thomas Mann war einer der bedeutendsten und redegewaltigsten Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus. Das erforderte großen Mut und konnte für ihn nicht ohne Folgen bleiben.

Die politischen Verhältnisse verschlechterten sich nun sehr rasch: Am 30. Januar 1933 kam Hitler als Reichskanzler an die Macht, bereits am 28. Februar 1933, nach dem Brand des Reichstages, setzte er alle wichtigen Grundrechte und Freiheiten der Bürger außer Kraft (Pressefreiheit, Meinungsäußerungsfreiheit) und erlaubte Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen des privaten Eigentums. Thomas Mann weilte zu dieser Zeit mit seiner Frau Katja auf einer Vortragsreise im Ausland, von der er nicht nach Deutschland zurückkehrte: Sein hartes Schicksal war das Exil. Es führte ihn über Sanary-sur- Mer in Frankreich nach Küsnacht bei Zürich und von 1938 bis 1949 in die USA. Erst 1949 besuchte er Deutschland wieder.

Kaum bestimmten die Nazis die Politik, so verstärkte sich auch der Druck auf den Rotary Club. Es erschienen in den Dreißigerjahren zahlreiche Hetzartikel und Schmähschriften gegen Rotary. Am primitivsten waren die Angriffe des «Kampfblattes der Deutschen Aktion», der «Blitz» genannt. Dieses Blatt warf Rotary staatsfeindliche und staatsgefährdende Strukturen vor: die Rotarier seien «Judengenossen und Marxisten», «halbjüdische Demokratenhäuptlinge », «landesverräterische Schweinemörder».

Thomas Mann: am Pranger und ausgestoßen

Die politische Lage spitzte sich in den ersten Monaten des Jahres 1933 stark zu. Der Präsident des Rotary Clubs München, Wilhelm Arendts, der Sympathien für die Nationalsozialisten zeigte, versandte am 4. April einen Brief an Thomas Mann und andere Mitglieder, dass sie aus der Mitgliederliste des Clubs gestrichen werden.

Damit fand die glanzvolle Mitgliedschaft des berühmten Dichters nach vier Jahren ein unrühmliches Ende. Die katastrophalen politischen Entwicklungen in seinem Heimatlande beschäftigten ihn sehr. Doch Thomas Mann war nicht der Einzige, denn bis Juni 1933 hat der Club München insgesamt 26 Mitglieder ausgeschlossen, also 40 Prozent des Bestandes. Nicht alle Clubs gingen aber so rigoros und eindeutig gegen Mitglieder vor, einige wehrten sich dagegen, die Juden zu diskriminieren. Anfang April 1933 gab es somit noch keine Mehrheit der deutschen Clubs, die sich gegen die Mitgliedschaft der Juden ausgesprochen hätte. Leider konnte sich diese Standkraft nicht überall durchsetzen.

Die Vertreter der Clubs diskutierten mit Governor Hugo Grille in Berlin die ausweglose Situation, wichen der unerträglichen Gewalt und erklärten einstimmig die Auflösung der Clubs zum 15.10.1937. Damit war das Urteil über Rotary Deutschland gesprochen.

Das Regime hatte seinen Hausrat und seine Villa in München beschlagnahmt, und – eine besondere Kränkung für den Dichter – dort eine SS-Organisation einquartiert. Golo Mann gelang es noch, die Tagebücher seines Vaters in die Schweiz zu schmuggeln. Sein deutscher Pass wurde nicht verlängert.

Im Jahre 1938 verließ Mann die Schweiz und zog in die USA an die Westküste nach Pacific Palisades in der Nähe von Los Angeles um. Hier war er sehr willkommen: «Wo ich bin, ist Deutschland», war seine selbstbewusste Botschaft. Nach dem Krieg kehrte er wieder zurück in die Schweiz, wo er 1955 in Kilchberg bei Zürich starb. Kontakte zum RC Zürich sind keine aktenkundig.

Welche Lehren sind zu ziehen?

Es sind Lehren auf zwei Ebenen zu ziehen: einerseits auf der Ebene der Politik, die Unvereinbarkeit von totalitären Systemen mit den Zielsetzungen von Rotary, andererseits auf der Ebene des menschlichen Versagens in extremen Situationen.

Die jahrelangen Bestrebungen um Kompromisse mit dem braunen Regime waren somit von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wo Menschenrechtsverletzungen und Massenmorde zum System gehören, gibt es kein Entgegenkommen.

Aus der Aufarbeitung von Glanz und Elend der Rotary-Mitgliedschaft von Thomas Mann lassen sich aber auch Schlussfolgerungen betreffend die Natur des Menschen ableiten. Wie ist es zu erklären, dass ein hoch gelobter und weltberühmter Dichter von Rotary-Freunden bei veränderter politischer Lage plötzlich mit Intrigen öffentlich bekämpft und von einem Tag auf den andern mit einem dürren Brief aus dem Rotary Club ausgeschlossen wurde, ohne ein Wort des Bedauerns und Dankes.

Die bekannten vier rotarischen Fragen richten sich nach der «Humanitätsregel », drei davon fordern die Reziprozität nach dem Motto: «Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.»

Es ist klar, dass diese Regeln uralte bewährte Werte darstellen und menschliche Verhaltensweisen fordern wie Gewaltlosigkeit (Toleranz), Ehrlichkeit (Wahrhaftigkeit), Solidarität (Gerechtigkeit), Partnerschaftlichkeit (Gleichberechtigung). Die Mitgliedschaft bei Rotary ist jedoch noch keine Garantie gegen die dunklen Seiten des Menschseins, wenn nicht jeder Einzelne in dessen guten, wahrlich humanen Seiten persönlich fest gegründet ist.

Aufstieg und Fall von Thomas Mann im Deutschland der Dreißigerjahre und im Rotary Club München zeigen auf anschauliche Weise, dass die Humanität des Menschen nicht nur das Gute, sondern auch das Böse und die Feigheit einschließt.


Erwin Bischof: Thomas Mann und Rotary. Wie der deutsche Dichter gegen die Barbarei des Nationalsozialismus kämpfte. Interforum Verlag, Bern 2013. 16 Euro, e-book, 9,99 Euro. Das Buch ist bei beispielsweise hier erhältlich. 

Erwin Bischof
Erwin Bischof (16.10.1940) ist Historiker, Publizist und seit 30 Jahren Rotary-Mitglied, erst im RC Bern Muri, seit 16 Jahren im RC Bern Christoffel (Gru?ndungsmitglied). Er wurde zum Governor 2014/15 des D 1990 gewählt.

Rotary Magazin 12/2016

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