Geld: Looman!Forum
von Volker Looman |
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Die großen Sorgen kleiner Millionäre

Geld: Looman! Volker Looman macht keine halben Sachen. Der langjährige FAZ-Autor spricht Missstände klar an und rechnet vor, wie es besser geht – in der einzigen Finanzkolumne für Best Ager. Nur hier im Rotary Magazin

Wie fühlen Sie sich im Ruhestand, liebe Rotarier? Sind Sie glücklich und zufrieden, endlich nicht mehr arbeiten zu müssen? Oder langweilen Sie sich zu Tode und machen sich obendrein auch noch Sorgen um Ihr liebes Geld? Sollte das der Fall sein, dann lesen Sie bitte die folgende Geschichte über ein Ehepaar, das ich vor einigen Monaten kennengelernt habe.

Der 67 Jahre alte Mann hat sein Berufsleben in der Automobilindustrie verbracht. Der Ingenieur hat prächtig verdient, zuletzt 180.000 Euro im Jahr. Mit dem hohen Einkommen konnte der Vater dreier Söhne vor 32 Jahren ein schmuckes Eigenheim bauen und sämtliche Kredite tilgen.

Die heutige Staatsrente von 2500 Euro pro Monat mag auf den ersten Blick bescheiden aussehen, doch es wäre Jammerei auf hohem Niveau, über die Versorgung der Familie zu klagen. Die Ehefrau ist 66 Jahre jung und bezieht eine monatliche Rente von 1100 Euro. So kommen 3600 Euro im Monat  zusammen, die bei einem Zinssatz von drei Prozent pro Jahr insgesamt 611.000 Euro wert sind, wenn die Ehepartner jeweils 85 Jahre alt werden.

Auf dem Girokonto des Mannes liegen 66.000 Euro, bei der Frau sind es 30.000 Euro. Die Pfandbriefe des Mannes sind 300.000 Euro wert, und der Sparbrief der Frau bringt 60.000 Euro auf die Waage. Das gemeinsame Eigenheim könnte für 900.000 Euro verkauft werden, sodass auf jeden Partner genau 450.000 Euro entfallen. Die beiden Eigentumswohnungen gehören dem Mann, sind 500.000 Euro wert und werfen im Monat rund 1000 Euro ab. Abgerundet wird das Vermögen durch Aktien im Wert von 200.000 Euro, die der Ehemann besitzt. Das führt zu einem Gesamtvermögen von 2.667.000 Euro.

Bitte schütteln Sie jetzt nicht den Kopf, liebe Leser, das seien Zahlen vom Mond. Ich weiß aus Erfahrung, dass Sie mehr verdienen, als Sie verdienen. Und viele von Ihnen sind reicher, als sie denken. Ein großer Teil von Ihnen lebt in bonfortionösen Verhältnissen, wie es in Sachsen heißt, doch nur ein kleiner Teil von Ihnen weiß mit diesem Wohlstand richtig umzugehen, wenn ich das so sagen darf.

Sie schimpfen über die Politik, klagen über den Klimawandel und haben das Gefühl, dass Abgaben und Inflation das Vermögen auffressen. Damit liegen Sie richtig, werte Rotarier, doch darf ich Ihnen die Klage von Konrad Adenauer ins Gedächtnis rufen, der schon vor Jahrzehnten zu Protokoll gegeben hat, die Lage sei nie so ernst gewesen wie im Augenblick. Was soll ich dazu sagen? Sorgen verkürzen das Leben, und wenn Sie noch eine Weile leben wollen, dann wäre es zweckmäßig, die Kirche im Dorf stehen zu lassen, weil nichts so heiß gegessen wird, wie es zuvor gekocht worden ist.

Garten, Golf und Reisen mögen eine Zeit lang für Abwechslung sorgen, bieten auf Dauer aber keine Erfüllung. Da müssen Sie andere Dinge suchen

 

Bitte ziehen Sie einfach Bilanz, wie ich es in groben Zügen getan habe, und wenn bei Ihnen „nur“ zweieinhalb Millionen zusammenkommen, sollten Sie sich trotzdem Champagner gönnen, nicht zu viel, aber den allerbesten! Dann sind die Testamente an der Reihe, weil Sie nicht wissen, wann Ihre letzte Stunde schlagen wird. Ohne die Renten besitzt der Mann ein Vermögen von 1.516.000 Euro, und der Frau gehören 540.000 Euro. Wenn das Ehepaar keine Testamente macht, gilt die gesetzliche Erbfolge. Die eine Hälfte des jeweiligen Vermögens geht an den Ehepartner, und die andere Hälfte wird auf die drei Kinder verteilt. Falls Ihnen das gefällt, müssen Sie nichts unternehmen, doch wenn Sie das Gefühl haben, dass Erbengemeinschaften auch bei Ihnen zu Mord und Totschlag führen könnten, dann sollten Sie umgehend zu Papier und Tinte greifen und Ihren letzten Willen von einem Notar beurkunden lassen.

Kommen wir zur finanziellen Gestaltung des Ruhestandes: Das Ehepaar bezieht Renten und hat Mieteinnahmen von insgesamt 4600 Euro. Dagegen stehen Ausgaben für Autos, Eigenheim, Freizeit, Kleidung, Urlaube, Verpflegung und Versicherungen von 8000 Euro zu Buche. Das heißt in Zahlen, dass monatlich 3400 Euro fehlen. Sie sind freilich kein Grund zur Sorge, weil entsprechendes Vermögen vorhanden ist. Nur sollte bekannt sein, wie viel Geld mindestens angelegt werden muss, um diese „Versorgungslücke“ bis zum Lebensende schließen zu können.

Ich gehe davon aus, dass Sie für „sichere“ Geldanlagen im Augenblick und in Zukunft etwa drei Prozent pro Jahr bekommen werden. Davon ist die Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent abzuziehen, sodass pro Jahr noch 2,21 Prozent übrig bleiben. Und wenn Sie wie ich der Meinung sind, dass die Inflation im Schnitt bei zwei Prozent pro Jahr liegt, dann müssen Sie in naher Zukunft mindestens 715.000 Euro anlegen, um in Zukunft 216 zusätzliche Renten zu erhalten, die bei 3400 Euro beginnen und jedes Jahr um zwei Prozent steigen.

Die Vorgabe wird im vorliegenden Fall knapp verfehlt, weil das „flüssige“ Vermögen – Bargeld, Anleihen und Aktien – lediglich 656.000 Euro beträgt. Das veranlasst mich zu der Empfehlung, die beiden Wohnungen zu verkaufen. Der Anteil aller Immobilien am Gesamtvermögen liegt bei 52 Prozent, und die Verzinsung der vermieteten Objekte beträgt nur 2,4 Prozent pro Jahr. Mit dem Verkauf der Wohnungen ließen sich beide „Mängel“ auf einen Schlag beheben.

Nun könnte das Ehepaar insgesamt 1.156.000 Euro anlegen. Außerdem könnte der Mann seiner Frau für ihre Verdienste um Haus und Kinder steuerfrei 500.000 Euro schenken. Wenn die Eltern ihre Vermögen zu drei Prozent im Jahr anlegen, würden die 1.156.000 Euro monatliche Zusatzrenten von jeweils 5500 Euro bescheren, die jedes Jahr um zwei Prozent steigen. So hätte das Ehepaar jeden Monat insgesamt 9100 Euro zur Verfügung, und da kann man doch nicht meckern – oder doch? Ich würde das Geld zu gleichen Teilen in Anleihen und Aktien investieren, um die Rendite zu steigern, und mich dann der Frage aller Fragen zuwenden: Wie gestalte ich meinen Ruhestand, was ist mir wichtig, worauf kann ich verzichten?

Sie mögen über diesen Hinweis den Kopf schütteln, liebe Rotarier, doch ich kann Ihnen nur sagen, dass diese Frage der wunde Punkt (fast) aller Rentner ist. Garten, Golf und Reisen mögen eine Zeit lang für Abwechslung sorgen, bieten auf Dauer aber keine Erfüllung. Da müssen Sie andere Dinge suchen und finden. Das kann Jahre dauern und mit herben Enttäuschungen verbunden sein. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie bald wissen, was Sie richtig erfüllt – zum Beispiel die aktive Mitarbeit in Ihrem geliebten Rotary Club!

Zur Person: Volker Looman

Jahrgang 1955, ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Berlin. Er hat 35 Jahre für die FAZ gearbeitet. Nun schildert er im Rotary Magazin jeden Monat, wie der (Un-)Ruhestand vermögender Pensionäre und Rentner in finanzieller Hinsicht einfach, rentabel und sicher gestaltet werden kann.

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