Im Westen viel Neues

Salon Möller: Ohne Zweifel ist Heinrich August Winkler einer der bedeutendsten Historiker des Landes. Das ändert aber nichts daran, dass sein neues Buch die Zeichen der Zeit übersieht
Wohl kaum ein anderes Lebenswerk eines deutschen Historikers ist von den aktuellen weltpolitischen Entwicklungen derart bedrängt worden wie das des Berliner Emeritus Heinrich August Winkler mit seiner Meistererzählung vom „langen Weg“ der deutschen Geschichte nach Westen. Darüber hat er ein frühes, fast programmatisches Buch geschrieben, das mittlerweile zum Standardwerk geworden ist. Seine überwölbende Idee von der normativen Bewegung der westlichen Geschichte auf die großen Fluchtpunkte der Menschenrechte zu, auf ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion und die großen atlantischen Revolutionen der Moderne, hat er dann noch einmal in einer monumentalen vierbändigen Gesamtdarstellung zur Geschichte des Westen entfaltet, deren enorme „Arbeits- und Integrationsleistung“ seine Kollegen beeindruckt haben. Sie hat ihm aber auch den Vorwurf eingebracht, die „Vergangenheit geglättet, ihre fundamentalen Brüche ignoriert und eine einzige Handlungslinie gegenüber der Vielfalt erlebter Geschichten privilegiert“ zu haben.
Dessen ungeachtet wurde Winkler zum Großerklärer der alten Bundesrepublik, deren Westbindung er als logische Konsequenz aus der deutschen Geschichte und als deren nationale Selbsterfüllung sah, womit er sich den entschiedenen Widerstand eines Jürgen Habermas einhandelte, der auf seinem postnationalen Standpunkt beharrte. Für Winkler stand die Wiedervereinigung daher auch nicht im Gegensatz zum Selbstverständnis der alten Bundesrepublik, sondern erschien ihm als nachholende Bestätigung. Auch die Menschen in den ehemaligen kommunistischen Staaten drängten nach Westen, wobei er die Anpassungsschwierigkeiten im Osten an die westlichen Werte keineswegs ignorierte. Die alte Bundesrepublik wurde aus seiner Sicht dadurch nicht östlicher, vielmehr begann sich die sozialistische Gesellschaft der DDR in atemberaubender Geschwindigkeit zu verwestlichen. Wobei es für Winklers genauen Blick auf die sich dramatisch wandelnden Verhältnisse spricht, dass er die Bedeutung der osteuropäischen Freiheitsbewegungen für den Fall der Mauer nicht unterschätzte. Wie auch die Kritik an der zweiten, auf die deutsche Situation konzentrierten Phase der von Willy Brandt und Egon Bahr betriebenen Ostpolitik zu den stärksten Passagen seines hier anzuzeigenden Buches zählt.
Licht und Schatten
Dass die politische Entwicklung im vereinten Deutschland am Ende doch anders verlief, hat Winkler wohl weniger irritiert als die Sorge, dass die westliche Wertegemeinschaft und damit überhaupt die Idee des Westens allen seinen Überzeugungen zum Trotz womöglich doch wieder zerbrechen könnte. Noch im Erscheinungsjahr des letzten Bandes seiner Geschichte des Westens, 2015, publizierte er daher ein Buch unter dem Titel Zerreißproben. Zwei Jahre später, angesichts der Krisen in den USA und Europa, stellte er sich und der Öffentlichkeit die bange Frage: Zerbricht der Westen?
Aber selbst diese Zweifel und die nicht mehr zu übersehenden Verwerfungen innerhalb der westlichen Welt scheinen ihn nicht von seiner Grundüberzeugung abgebracht zu haben, dass der westliche Weg am Ende doch der Königsweg in die aufgeklärte Moderne war.
Davon zeugt dieses gerade erschienene autobiografische Buch, das schon im Titel verrät, dass der Autor immer noch sehr genau weiß, „warum es so gekommen ist“, erst recht was den Werdegang der eigenen Person betrifft. Wollte man spöttisch sein, so könnte man von einer Selbstteleologisierung des Autors sprechen, in dessen Leben sich selbst unerwartete Begegnungen zu einem sinnvollen Ganzen fügen. Denn dass er einmal Historiker werden würde, schien ihm schon bei seiner Geburt klar gewesen zu sein. Schließlich war ihm diese Profession durch die Eltern quasi in die Wiege gelegt worden.
Heinrich August Winkler: Warum es so gekommen ist – Erinnerungen eines Historikers
C. H. Beck 2025, 288 Seiten, 30 Euro
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Es ist dieser Ton der rhetorischen Selbstvergewisserung, der schon um die Antworten weiß, bevor die Fragen überhaupt gestellt wurden, der das Buch etwas beschwerlich macht. Denn viele der Episoden und Begegnungen ergeben überhaupt nur einen Zusammenhang, weil sie dem Autor im Laufe seines Lebens widerfahren sind. Was aber leider nur in wenigen Fällen dann auch zu einer intellektuellen Autobiografie zusammenwächst, die womöglich von Zweifeln, Enttäuschungen und Weggabelungen spricht und sich nicht mit bloßem Namedropping begnügt, deren Bedeutung für die Lebensstationen des Autors sich dem nichtakademischen Leser kaum erschließt. Außer dass deutlich wird, dass sich Winkler immer als ein öffentlicher Lehrer verstand, der auf das politische Geschehen Einfluss nehmen wollte und fast jeder wichtigen Person begegnete, die zu seiner Hochzeit etwas zu sagen hatte.
Man wird ihm diese Form der Selbstschmeichelung gerne nachsehen, wenn man auf die lange Liste seiner Veröffentlichungen blickt, von denen einige längst zu kanonischen Werken unserer historischen Selbstvergewisserung geworden sind. Man hätte sich in diesem Buch, in dem Winkler die Bilanz seines Gelehrtenlebens zu ziehen versucht, aber doch eine gründlichere Auseinandersetzung mit den jüngsten Tendenzen gewünscht, unser Verständnis vom Westen zu dekonstruieren. Der beiläufige Hinweis auf postkoloniale Debatten reicht da nicht aus. Denn unsere landläufige Vorstellung, dass so etwas wie der „Westen“ existiert und es einen welthistorisch determinierten Weg dorthin gibt, ist in letzter Zeit von verschiedenen Seiten arg unter Druck geraten. Wobei wir den offensichtlichsten machtpolitischen Erschütterungen gerade beiwohnen, wenn wir erleben, wie das westliche Bündnis und unsere regelbasierte westliche Weltordnung zerbrechen.
Ein letztes Aufflackern
Die Dekonstruktion unserer Vorstellung vom Westen ist jedoch nicht nur eine Folge geopolitischer Verschiebungen. Dieser geläufige Westen wird zunehmend auch als ein kulturelles Konstrukt gesehen, das weder den Sichtweisen des globalen Südens noch unserem eigenen kulturellen Erbe entspricht. So kommen die gravierenden Einwände eben nicht nur vonseiten postkolonialer Kritiker, die neben dem transatlantischen Kernraum des aufgeklärten Westens plötzlich auch jenen südlicheren „Schwarzen Atlantik“ entdecken, dessen Bedeutung für die globale Moderne wir erst allmählich begreifen.
Mindestens so schwer wiegen die Einwände der Althistoriker, die seit Langem ein völlig anderes Bild unserer vertrauten Antike entwerfen, das mit der alten gymnasialen Vorstellung nichts mehr zu tun hat, wir hätten uns von den Griechen über die Römer und der Reichsidee des Mittelalters in einen geschlossenen Bildungskosmos bewegt.
Ohne Winklers kleines Buch überbewerten zu wollen, so hat es doch Anklänge an einen Schwanengesang. Da hält ein bedeutender Historiker noch einmal die Fahne seines Lebenswerks in die Höhe und ignoriert, dass sie inzwischen schon leicht verschlissen ist.
Johann Michael Möller
RC Berlin-Brandenburger Tor, ist Publizist und Herausgeber des Rotary Magazins. Unseren Autor erreichen Sie unter
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