Globales NetzwerkRotary Aktuell
von Clara Germani |
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Kann man Frieden messen?

Globales Netzwerk: Eine Forschungsgruppe, die von einer Rotary-Friedensstipendiatin mitgegründet wurde, versucht genau das zu tun

Das Leben der 20-jährigen Kolumbianerin Yuliana Andrea David Hidalgo ist geprägt vom jahrzehntelangen Krieg zwischen Regierung und Rebellen, der durch die Gewalt von Drogenkartellen und kriminellen Banden noch verschärft wird. Obwohl seit 2016 ein Friedensabkommen in Kraft ist, zählt ihr Land nach wie vor zu den unbefriedetsten Orten der Welt, auch nach dem Global Peace Index 2025 des Institute for Economics and Peace. Dieser Index basiert auf landesweiten Indikatoren wie der Zahl der Todesfälle durch Konflikte, Inhaftierungsraten, Militärausgaben und der öffentlichen Wahrnehmung von Kriminalität.

Und doch gibt es, wenn man Yuliana und anderen in ihrem Dorf Las Cruces zuhört, unmittelbare, alltägliche Möglichkeiten, Frieden zu messen. Etwa Kinder, die sich verstecken. „Früher, wenn man Schüsse hörte, rannten alle los, um sich unterm Bett oder an einem anderen Ort im Haus zu verstecken“, sagt sie. „Heute verstecken sich Kinder unter dem Bett oder an sicheren Orten, weil sie Verstecken spielen.“ Ihre Nachbarn und Landsleute haben ähnliche Anzeichen für die Rückkehr von Stabilität und Frieden wahrgenommen, wie beispielsweise die Möglichkeit, eine traditionelle mehrtägige Beerdigung sicher abzuhalten, und die Tatsache, dass man nicht mehr mit Schuhen schlafen geht, was früher eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme für den Fall einer notwendigen schnellen Flucht war.

Ansatz zur Friedensförderung

Ein innovativer neuer Ansatz zur Messung und Förderung des Friedens basiert auf der Erkenntnis, dass solche alltäglichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen ebenso viel – vielleicht sogar mehr – über die Friedfertigkeit eines Ortes aussagen können als offizielle Statistiken über Kriminalitätsraten und Waffenimporte.

Everyday Peace Indicators (EPI) hat als eine wegwei­sen­de gemeinnützige Organisation damit begonnen, Hunderte dieser scheinbar unauffälligen Daten zu sammeln, um schwer messbare Konzepte wie Frieden, Versöhnung und Regierungsführung in Konfliktgebieten besser erfassen zu können. Mit diesem umfassenderen Bild des Friedens auf lokaler Ebene hofft die Gruppe, dass die Regierenden bessere Entscheidungen treffen können. „Wir sehen uns als Vermittler, die den Politikern und Entscheidungsträgern die Prioritäten der einfachen Menschen vermitteln“, erklärt Pamina Firchow, Gründungsdirektorin von EPI und Associate Professor an der Brandeis University. Sie und Professor Roger Mac Ginty von der Durham University entwickelten das EPI-Konzept, nachdem Firchow 2005 ein Rotary Peace Fellowship absolviert hatte.

Firchow erkannte die Notwendigkeit von EPI schon früh in ihrer Karriere, als sie weit entfernt vom Einsatzgebiet im Bereich der Rüstungskontrollpolitik arbeitete und frustriert war. Sie erklärt, dass beispielsweise in einigen Programmen zur Entwaffnung, Demobilisierung und Wieder-eingliederung ehemalige Kämpfer nur kaputte Waffen zurückgaben und funktionierende Waffen behielten, aber dennoch Leistungen erhielten.

Anstatt externe Experten über die Bedingungen des Friedens entscheiden zu lassen, wäre es besser, die Menschen in den von Konflikten betroffenen Gebieten zu fragen, wie sie sich Frieden vorstellen, so Firchow. In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat sie – oft in Zusammenarbeit mit anderen Rotary-Friedensstipendiaten – genau das getan und diesen Ansatz des „alltäglichen Friedens“ der Bewertung auf Regionalebene in Länder wie Kolumbien, Sri Lanka, Bosnien und Herzegowina, Südafrika, Uganda, Südsudan, Simbabwe und Afghanistan gebracht.

Die Arbeit des EPI kann Geldgebern dabei helfen, die von den Gemeinwesen definierten Bedürfnisse in Bezug auf Sicherheit und sozialen Zusammenhalt zu ermitteln.

Clara Germani