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von Thomas Speckmann |
| Lesezeit: 5 Minuten

Kampf der politischen Kulturen

Was bedeutet es, Nachbar Moskaus zu sein? Oliver Jens Schmitt gibt Antworten vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer, vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart – eine Verflechtungsgeschichte Europas mit Blick von Nord nach Süd

Geschichte ist immer auch Geografie. Nicht zuletzt deshalb kehrt sie mehr in Mustern wieder, weniger in Details. Bei Oliver Jens Schmitt wird das erneut deutlich – gerade weil der Professor für Geschichte Südosteuropas an der Universität Wien den Blickwinkel verändert: nicht, wie in Westeuropa meist üblich, von West nach Ost, sondern von Nord nach Süd, vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer.

Dazu motiviert scheint Schmitt durch eine Nord-Süd-Dynamik in Europa, die sich durch Russlands Vollinvasion der Ukraine vor nunmehr vier Jahren zeigte: Die russischen Anrainer – Norwegen, Finnland, Schweden, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien und die Republik Moldau – reagierten auch nach Schmitts Beobachtung auf Moskaus Aggression anders als Staaten, die weiter im Westen des Kontinents liegen. Sie alle hätten sich unmittelbar betroffen gefühlt und die Gefahr, die nicht nur der Ukraine, sondern auch ihnen und ganz Europa drohte, deutlich besser verstanden als die Gesellschaften in der Mitte und im Westen des Kontinents.

Furcht und Faszination

Schmitt erinnert daran, dass Schweden und Finnland ihre Neutralität aufgegeben hätten und dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis beigetreten seien. Balten und Polen würden zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine zählen, ebenso Norwegen und Dänemark. Die Republik Moldau strebe in die Europäische Union. Rumänien besitze eine entscheidende strategische Bedeutung am Schwarzen Meer. All diese Staaten rücken in der Wahrnehmung von Schmitt enger zusammen und bilden eine Interessengemeinschaft zumeist innerhalb der EU und der Nato.

Woher stammt dieses Verhalten? Allein aus der allerjüngsten Vergangenheit heraus dürfte es nicht zu erklären sein. Vielmehr dürften es historische Erfahrungen sein, die dafür ausschlaggebend sind. Hier setzt Schmitt an, indem er die Geschichte des östlichen Europas aus einer Perspektive löst, die sich auf Moskau konzentriert: Der von ihm betrachtete Raum sei in Berlin, Paris, London und Rom im Zweifelsfall übersehen worden. Für ihn stellt der gegenwärtige Krieg in Europas Osten gleichsam den Lackmustest für seine Beobachtung dar: Während die französische, italienische oder spanische Öffentlichkeit kaum ein klareres Bild von Finnland, Schweden, Estland oder der Republik Moldau besitze, herrsche in Deutschland, das geschichtlich viel engere Bezüge zu diesen Staaten aufweise, ein Blick nach Osten vor, der zwischen Berlin und Moskau kaum etwas oder bisweilen gar nichts sehe oder sehen wolle. Weite Teile der deutschen Öffentlichkeit schauten mit Furcht, Faszination und Bewunderung auf Moskau. Die historischen Erfahrungen von Finnen, Skandinaviern, Balten, Polen, Belarussen, Ukrainern und Moldauern hingegen zählten in weiten Kreisen immer noch wenig.

Beziehungsgeschichte seit dem Mittelalter

Umso größer ist das Verdienst von Schmitt, einen Raum zu beleuchten, der im Geschichtsdenken im Westen und der Mitte des Kontinents außerhalb enger Zirkel von Intellektuellen und Wissenschaftlern kaum klare Umrisse besitzen dürfte, wie er selbst treffend bemerkt. Dem stellt er ein Bild gegenüber, das den Betrachtungsraum vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer als politische Verflechtungsgeschichte erfasst. Es geht ihm dabei um die Momente, in denen eine Gesellschaft in engere Beziehung zu Moskau trat: Das war nach seiner Darstellung in Finnland, dem Baltikum und Litauen schon im Mittelalter der Fall, im Fürstentum Moldau hingegen erst um 1650, wobei grundsätzlich zu beobachten sei, dass die Verflechtungen mit dem Voranschreiten der Zeit, vom Mittelalter bis in die Gegenwart, deutlich zunahmen.

Oliver Jens Schmitt

Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen MeerKlett-Cotta Verlag 2025, 476 Seiten, 32 Euro

Foto: PR

Über die Jahrhunderte wird bei Schmitt sichtbar, dass die westlichen Nachbarn Moskaus sich von diesem nicht in erster Linie in Sprache und Konfession unterschieden, gerade bei orthodoxen Ukrainern und Belarussen wäre dies in seinen Augen eine unsinnige Behauptung, sondern durch die politische Kultur. Damit grenzt er sich wohltuend ab von kulturalistischen Modellen, die der Orthodoxie kaum Potenzial zu demokratischer Entwicklung zugestehen oder dies nur dem Raum der heutigen westlichen Ukraine zubilligen, da die Orthodoxie einen eigenen, vom Westen unterschiedenen Kulturkreis darstelle.

Politische Kultur wird dabei von Schmitt defi-niert auf Grundlage seiner Beobachtung, dass von Schweden – zu dem bis 1809 Finnland gehörte – über Livland – das heutige Estland und Lettland – sowie Polen-Litauen und die Ukraine bis in die Moldau über lange Zeiträume, wenn auch mit erheblichen regional unterschiedlichen Ausprägungen, eine politische Mitbestimmung größerer Bevölkerungsgruppen in klar umrissenen Institutionen sowie politische Konzepte, nicht zuletzt von Freiheit und Recht, zu beobachten seien, die sich in dieser nachhaltigen Form in Moskau nie hätten entwickeln können.

Bittere Erfahrungen von Moskaus Nachbarn

Moskau wiederum steht bei Schmitt für ein politisches und gesellschaftliches System, das sich von dem seiner Nachbarn deutlich unterscheide. Es ist für ihn Chiffre für ein System und einen Staat, der nicht nur anders gewesen sei als seine westlichen Anrainer, sondern über lange Strecken auch anders habe sein wollen und immer noch wolle. Dieses System bestimmte sich nach Schmitts Analyse nicht nur im Unterschied zu den Kerngebieten Europas, sondern besonders gegenüber seinen unmittelbaren westlichen Nachbarn, denen es bald als Bedrohung, bald als Ziel eigener Eroberungen, bald als Teil des eigenen Reiches begegnet sei.

Schmitt arbeitet klar heraus, wie alt die Grundstrukturen der Auseinandersetzung Moskaus mit seinen westlichen Nachbarn sind, wie weit sie zurückreichen ins Mittelalter und in die Frühe Neuzeit. Ereignisse, die nahe zur Gegenwart stehen, werden von ihm verständlich gemacht, indem er zeigt, wie stark sie von jahrhundertealten Konstellationen bedingt sind. Daher werden bei ihm auch nicht der Zweite Weltkrieg, sondern die ersten Angriffskriege Moskaus gegen Schweden und Livland im 15. und 16. Jahrhundert detaillierter geschildert. So wird vieles, was im 20. und 21. Jahrhundert als besonders und einzigartig wahrgenommen wird, von Schmitt in Grundzügen bereits ein halbes Jahrtausend zuvor beobachtet. Und diese lange Dauer ist es dann auch, die seine Erzählung prägt: die vielen Jahrhunderte ganz überwiegend bitterer und gewaltsamer Erfahrungen, die Moskaus westliche Nachbarn sammeln mussten und immer noch sammeln müssen.

Dr. Thomas Speckmann

ist Historiker und Politikwissenschaftler und hat Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Münster, Potsdam und der FU Berlin wahrgenommen.

Foto: Laurence Chaperon
Thomas Speckmann