Fünf

Deutschland strauchelt. Wenn es fällt, muss es aufstehen, damit es weitergeht. Eine Parabel über die Kunst des Scheiterns
Das ist verdammt noch mal ein schlecht gemaltes Bild!“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite und betrachtete den Mann, der das gesagt hatte. Er blickte angestrengt auf jenes Gemälde, das er soeben auf solch unverblümte Weise herabgewürdigt hatte. Dabei gewahrte ich seinen Ausdruck, der etwas von einem zerbrochenen Spiegel an sich hatte, eine Verfremdung.
Das Gemälde, das der Mann meinte und vor dem wir beide standen, zeigte eine Vase, nichts anderes, nur diese Vase. Aber wie! Noch nie war eine Vase so gemalt worden. Es stammte wie alle anderen Werke in diesem neu eröffneten Museumsraum von ein und demselben Künstler, war jedoch wesentlich kleiner als die anderen, die alle ins Monumentale wuchsen. Und doch war es so platziert, dass es wie der zentrale Punkt in diesem Raum wirkte.
Ich wollte dem Mann, der unverschämterweise über das Bild lästerte, so wie er sich unverschämterweise neben mich gestellt hatte – gewissermaßen in die Lufthülle, die für einen einzelnen Betrachter reserviert war –, etwas entgegnen, mich über seine Impertinenz beklagen. Tat es aber nicht. Denn ich erkannte nun, dass es sich bei ihm um genau jene Person handelte, der dieser Raum gewidmet war: nicht der Sammler, der die Bilder gestiftet hatte, sondern der Maler, der sie gemalt hatte. Ich hätte ihn so oder so erkannt, aber zudem hing ein lebensgroßes Fotoporträt von ihm – dramatisches Schwarz-Weiß – draußen vor dem Eingang zum Saal. Ja, keine Frage, er selbst war es, der sich so despektierlich über diese nach meinem Verständnis genial gemalte Vase erregte.
Endlich fand ich meine Sprache wieder und erklärte, ich wisse natürlich genau, wer er sei, denke aber, dass dieses Bild einer Vase ein absolutes Meisterwerk darstelle.
„Unsinn!“, sagte er. „Das glauben Sie nur darum, weil es hier hängt. In Wirklichkeit ist es eines meiner Fünfer-Bilder.“
„Fünfer-Bilder?“, fragte ich ihn und wandte mich nun gänzlich zu ihm hin und er zu mir. Die splitterartigen Risse in seinem Gesicht verschmolzen nach und nach, sodass die Falten in seinem Antlitz wieder klar und eindeutig und ohne die Störung unfreundlicher Sprünge hervortraten. Ein in seinem Altsein schönes Gesicht.
Ohne Regen kein Sonnenschein
Etwas schien ihn besänftigt zu haben, denn er erklärte mir nun, an einem bestimmten frühen Punkt in seinem Leben begriffen zu haben, wie nötig es sei, immer wieder eine Anzahl schlechter Bilder zu malen, bevor es gelingen konnte, ein gutes zu malen. Das sei unabwendbar und an dieser Unabwendbarkeit habe sich auch im Laufe der Jahre und im Laufe gesteigerter Erfahrung und größeren Könnens nichts geändert.
„Warum aber fünf?“, fragte ich. „Wegen der Schulnote?“
„Nein, das ist bloß eine statistische Größe“, antwortete er. Manchmal seien es zwei schlechte Bilder, manchmal sieben, das wisse man vorher eben nicht, sondern nur, dass der Umweg unvermeidbar ist.
„Und wenn man die schlechten Bilder einfach überspringt“, gab ich mich naiv und meinte, man könne doch eine Pause machen, in der man halt mal nicht malt und also die schlechten Bilder ungemalt lässt.
„Sie wissen“, sagte er, „dass das nicht funktioniert. Die schlechten Bilder müssen in die Welt kommen wie die guten.“
Ich meinte mich zu erinnern, dass das schon ein anderer berühmter Künstler so oder so ähnlich ausgedrückt hatte und irgendwer zustimmend gemeint hatte, ein Elfmeterschütze könne auch nicht seine verschossenen Elfmeter einfach auslassen.
„Aber woher wollen Sie so genau wissen, wann ein Bild …?“ wandte ich ein.
„Man spürt es“, sagte er, „so wie man weiß, wenn man ungerecht, gierig und diebisch ist, und wie man weiß, wenn man großmütig, verständnisvoll und hilfsbereit ist.“
„Faktum ist aber“, sagte ich, „dass dieses angeblich schlecht gemalte Bild hier an diesem würdigen Ort ausgestellt wird und – ich schätze mal – einen Versicherungswert von ein, zwei Millionen aufweist. Nicht übel für ein Scheitern.“
„In der Tat, das ist verrückt“, sagte er, „ich könnte es mir nicht leisten, wollte ich es zurückkaufen.“
„So arm sind Sie nicht“, behauptete ich.
„Aber so reich auch nicht“, erwiderte er, der wohl ein paar Investitionen getätigt hatte, die im Unterschied zu seiner Malerei ohne jegliche eigene Leistung erfolgt waren – als würde man ein Blatt Papier aus dem Fenster werfen und hoffen, dass der Wind es nach einiger Zeit in einem vergoldeten Zustand wieder hereinweht. Was ja erstaunlicherweise mitunter passiert. Mitunter ist es aber allein die Asche verbrannter Papiere, die der ungnädige Wind zurück ins Zimmer bläst. Und der Wind schien eine ganze Menge Asche in das Zimmer des Malers geweht zu haben. Was er selbst einmal als „Strafe“ bezeichnet hatte, die er mehr als verdiene.
Jedenfalls erklärte er, dass es freilich nicht ohne Reiz sei, dass dieses missglückte Bild einer Vase hier hänge und damit eben auch die Notwendigkeit schlechter Bilder dokumentiere, die zu malen einfach nötig sei, wolle man irgendwann ein gutes Bild gemalt haben.
Ich wollte ihn erneut fragen, woran eigentlich das Misslingen zu erkennen sei, begriff aber, dass es sich nach seiner Anschauung aus der Notwendigkeit einer Abfolge von Scheitern und Gelingen ergab. Und um das wirklich nachvollziehen zu können, man sämtliche Bilder dieser sogenannten Fünfer-Serie jetzt hätte sehen müssen, beziehungsweise jenes gelungene Werk, das das Scheitern beendete.
„Wie gesagt“, meinte der Maler, „manchmal müssen es nicht fünf sein, manchmal sind es zwei, und manchmal erlebt man das Glück einer lückenlosen Folge gut gemalter Bilder, man weiß es aber vorher nicht. Und noch einmal, der entscheidende Punkt ist: Man kann die schlechten Bilder nicht überspringen. Sie stellen interessanterweise die eigentliche Energie für das Gelingen dar.“
Aufstehen, Krone richten, weitergehen
Es erinnerte mich daran, selbst einmal Maler gewesen zu sein, es aber aufgegeben zu haben. Ich hatte wohl nicht die Geduld, war vielleicht auch von vielen Misserfolgen müde, erkannte aber vor allem, viel besser darin zu sein, Bilder zu beschreiben, als sie zu malen. Obwohl ich im Moment vielleicht den Irrtum beging, diese gemalte Vase für ein Meisterwerk zu halten, welche möglicherweise nur ein energiegeladenes Scheitern darstellte: ein Hinfallen. Ein Hinfallen, das jedoch in weiterer Folge, praktisch im Aufstehen begriffen, dann tatsächlich zu einem Meisterwerk geführt hatte.
Blieb der Umstand, dass der hohe Preis dieser „Vase“ eine absurde, ungerechte, verrückte Welt widerspiegelte, in welcher Tucholskys flehender Spruch „Macht die Bücher billiger!“ sich auch auf Dinge wie Kunstwerke und Wohnungen übertragen ließ. Blieb allerdings ebenso der Umstand, dass dieses Gemälde einer Vase hier an diesem Ort hing, in aller Öffentlichkeit, im Besitz eines jeden Betrachters und einer jeden Betrachterin, die somit die Freiheit hatten, ein Gelingen oder Misslingen festzustellen, in jedem Fall ein „energetisches Reich“ zu spüren, das tiefe Glück des Schauens zu erfahren.
Gleich am nächsten Tag würde ich mir die Freiheit nehmen, diese so großartig misslungene Vase in einer Weise zu beschreiben, wie bisher noch nie eine Vase beschrieben wurde. Mal sehen, wie oft ich scheitern musste.
Heinrich Steinfest
geboren 1961 in Albury/Australien, aufgewachsen in Wien. Nach 25 Jahren in Stuttgart lebt er derzeit nahe Heidelberg. Er ist Autor von Romanen, zuletzt erschien „Das schwarze Manuskript“ (Piper 2025, 241 Seiten, 23 Euro)
Foto: Robert Markus Klump





