Rotary Aktuell
von Ralf Thiel |
| Lesezeit: 6 Minuten

„Wir leben in einem Plastikzeitalter“

Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper – über Gesundheitsrisiken und Prävention

Plastik ist aus unserer modernen Welt nicht mehr wegzudenken – wir leben in einem Plastikzeitalter. Von Verpackungen über Textilien bis hin zu Medizinprodukten bestimmt es unseren Alltag – stabil, leicht, vielseitig einsetzbar. Gleichzeitig hat der weltweite Plastikkonsum eine ökologische und medizinische Entwicklung angestoßen, deren Ausmaß wir erst beginnen zu verstehen. Seit den 1950er Jahren wurden mehr als acht Milliarden Tonnen der verschiedensten Kunststoffe produziert, und ein Großteil davon befindet sich bis heute in der Umwelt und auch in den Weltmeeren. Hochrechnungen der Ellen MacArthur Foundation besagen, dass wir – wenn es so weitergeht – im Jahr 2050 mehr Plastik als Fische in den Ozeanen haben.

In der Umwelt wird Plastik als künstliches Polymer-Material nicht biologisch abgebaut, sondern bricht langsam in immer kleinere Fragmente auf – Mikro- und Nanoplastik –, ein Prozess, der 50 bis 500 Jahre dauern kann. Diese kleinen Partikel gelangen über Luft, Wasser und Nahrung in den menschlichen Körper und können dort folgenreiche biologische Effekte entfalten, wie erst seit Kurzem bekannt ist.

Entstehung von Mikro- und Nanoplastik

Plastik zerfällt durch mechanische Belastung, UV-Strahlung, Temperaturwechsel und mikrobiellen Einfluss. Während Mikroplastik Partikel von 1 µm bis 5 mm umfasst, liegt Nanoplastik im submikroskopischen Bereich (<1 µm) und kann dadurch überall hingelangen, nicht ausgefiltert werden und biologische Barrieren leichter überwinden. Die zunehmende Fragmentierung führt dazu, dass sich Kunststoffpartikel überall anreichern – in Böden, Flüssen, Kläranlagen, der Atmosphäre (in Luft und Niederschlägen) und letztlich in der Nahrungskette.

Wesentliche Quellen mikroplastischer Partikel sind Verpackungen, Reifenabrieb (je nach Region 30 bis 90 Prozent), synthetische Textilien, Abrieb aus Waschmaschinen oder Windrädern, kosmetische Produkte und die allgemeine Zersetzung von Kunststoffabfällen in der Umwelt. Auch industrielle Prozesse und die Landwirtschaft tragen erheblich zur Freisetzung bei. Da Nanoplastik methodenbedingt noch deutlich weniger erforscht ist, gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass wir die tatsächliche Belastung eher unterschätzen als überschätzen.

Wie gelangen diese Partikel in den menschlichen Körper?

Die Aufnahmewege sind vielfältig. Der bedeutendste Pfad ist die orale Aufnahme über Lebensmittel und Trinkwasser (und alles, was daraus hergestellt wird). Besonders Meeresfrüchte, Salz und Getränke aus PET- und Glasflaschen stehen im Fokus, aber auch Leitungswasser enthält messbare Mengen. Letztlich wurde Mikro- und Nanoplastik in allen Getränken in unterschiedlicher Konzentration nachgewiesen, am wenigsten in Wein-, am meisten in Bierflaschen aus Glas. Entgegen der allgemeinen Vermutung enthielten Analysen von Glasflaschen sogar mehr Plastikpartikel als PET-Flaschen – am ehesten aufgrund der kunststoffbeschichteten Deckel und Kronkorken.

Über die Inhalation erreicht Nanoplastik tiefe Lungenabschnitte und gelangt auch so in den Körper. In Innenräumen stammen diese Partikel oft aus Abrieb von Textilien, Teppichen und Haushaltsstaub. Der dritte Weg ist der Hautkontakt, etwa über Pflegeprodukte oder Kleidung.

Ein durchschnittlicher Erwachsener nimmt nach aktuellen Schätzungen zwischen 0,1 und >1 Gramm Mikroplastik pro Woche hauptsächlich durch die Nahrung auf. Noch wichtiger als die Menge ist jedoch die biologische Aktivität: Nanoplastik kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und sich tief in verschiedenen Organen und Zellen anreichern. Aufgrund chemischer Ähnlichkeiten mit körpereigenen Stoffen, vor allem Hormonen, sind multiple Auswirkungen auf den Stoffwechsel möglich und bereits beschrieben worden.

Nachweise im menschlichen Körper

Zahlreiche Untersuchungen haben Mikro- und Nanoplastik in praktisch allen untersuchten Körperkompartimenten identifiziert: im Magen-Darm-Trakt, im Blut, in Plazenten, in Muttermilch, in der Leber, in Nieren, Hoden, in arteriosklerotischen Gefäßplaques und sogar im Gehirn. Diese Befunde zeigen, dass Mikroplastik keine theoretische Umweltgefahr ist, sondern ein gegenwärtiges, messbares medizinisches Problem.

Was sagt die aktuelle Forschung zu den gesundheitlichen Folgen?

In den vergangenen drei bis fünf Jahren hat die Forschung eine Vielzahl neuer Erkenntnisse geliefert. Besonders aufschlussreich sind Studien zum Trinkwasser, in dem hohe Partikelzahlen von durchschnittlich 240.000 Partikeln (Mikro- und Nanoplastik) pro Liter Flaschenwasser gefunden wurden (Qian et al., 2024). Rund 90 Prozent davon waren Nanopartikel, die aufgrund ihrer Größe eine besonders leichte Resorption in Organe und Gewebe ermöglichen. In Proben von Leitungswassern aus verschiedenen Regionen der Erde lagen die Belastungen bei 0,01 bis 394 Partikel pro Liter, also einem ungleich geringeren Wert.

Auch die Gefäßmedizin hat alarmierende Ergebnisse geliefert: In arteriosklerotischen Plaques konnten Mikro- und Nanoplastikpartikel nachgewiesen werden. Patienten mit solchen Ablagerungen hatten häufiger Schlaganfälle, was auf eine verstärkte Entzündung und destabilisierte Plaque-Strukturen hinweist.

Die wohl bedenklichsten Erkenntnisse betreffen jedoch das Nervensystem. Mehrjährige Untersuchungen zeigen, dass Nanoplastik die Blut-Hirn-Schranke überwindet und sich im Gehirn ablagern kann – hochgerechnet bis zu sieben Gramm pro Gehirn. Die Kontamination der untersuchten Gehirne hat im Laufe der Zeit stark zugenommen. Bei Menschen mit Demenz wurden deutlich höhere Konzentrationen gemessen, was auf chronische neuroinflammatorische Prozesse schließen lässt. Parallel deuten Laborstudien darauf hin, dass Nanoplastik die Aggregation von α-Synuklein verstärkt oder imitiert – ein Prozess, der im Zentrum der Parkinson-Pathophysiologie steht.

Auch die Krebsforschung hat Mikroplastik als möglichen Risikofaktor identifiziert. Die Partikel erzeugen intrazellulären oxidativen Stress, fördern DNA-Schäden und beeinflussen Signalwege, die an der Tumorentstehung beteiligt sind. Zudem wirkt Mikroplastik als Träger toxischer Zusatzstoffe wie Bisphenol A, die beim Zerfall freigesetzt werden.

Ein weiterer Fokus betrifft die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit. Mikroplastik wurde kürzlich in 100 Prozent der untersuchten Proben von Samenflüssigkeit und Hodengewebe nachgewiesen und ist mit einer verminderten Beweglichkeit und Qualität der Spermien assoziiert. Der Befund passt zu der Beobachtung, dass es in den letzten Jahren weltweit einen Rückgang der Spermienzahl und der Fertilität zu verzeichnen gibt.

Potenzielle gesundheitliche Folgen

• chronische Gefäßentzündungen und Arteriosklerose (Herzinfarkt und Schlaganfall)

• mögliche Rolle bei Demenz und M. Parkinson

• DNA-Schäden und tumorbiologische Veränderungen

• hormonelle Effekte und Störungen des Hormonsystems

• eingeschränkte männliche Fertilität

• Immunmodulation und chronische Entzündungsreaktionen

Was können wir tun?

Individuell:

• Leitungswasser bevorzugen und Flaschenwasser (PET und Glas) vermeiden

• Meeresfrüchte maßvoll konsumieren

• Naturtextilien statt Kunstfasern tragen

• Waschgewohnheiten anpassen und Mikroplastikfilter nachrüsten

• Innenräume regelmäßig lüften, Staub reduzieren

Gesellschaftlich:

• Plastikverbrauch, vor allem Verpackungsmaterial,konsequent reduzieren

• nachhaltige Verpackungen fördern

• Recyclingstrukturen und Kreislaufwirtschaft weltweit verbessern

• Mikroplastik in Kläranlagen ausfiltern

• Forschung zu biologisch abbaubaren Kunststoffen unterstützen

• Initiativen wie End Plastic Soup stärken und verbreiten

Fazit

Mikro- und Nanoplastik sind inzwischen überall – auch in uns. Die kleinen Partikel dringen in Organe und Zellen ein, fördern entzündliche Prozesse und beeinflussen biochemische Abläufe, die langfristig Krankheiten begünstigen könnten. Die Forschung steht noch am Anfang. Kausalitäten sind noch schwierig zu belegen, doch die Hinweise sind klar: Die Reduktion der Plastikbelastung sowohl des Planeten als auch des menschlichen Organismus ist dringend notwendig. Rotary und insbesondere End Plastic Soup können mit Aufklärung, globaler Vernetzung und internationalen Projekten einen wichtigen Beitrag leisten, damit Umwelt- und Gesundheitsschutz auch für zukünftige Generationen gewährleistet werden kann.rundtext

Dr. Ralf Thiel (RC Wiesbaden-Rheingau)

st Nachhaltigkeitsbeauftragter des Distrikts 1820 und International Director der rotarischen Initiative End Plastic Soup (EPS). Als Mediziner beschäftigt er sich seit fast zehn Jahren mit der Plastikmüllthematik. Seine Vorträge sind in der rotarischen Vortragsbörse gelistet.

Foto: privat
Ralf Thiel