Der Künstlerinnen später Ruhm

Viele Jahre waren Malerinnen ein blinder Fleck der Kunstgeschichte. Nun werden viele entdeckt oder wiederentdeckt. Eine, die nie weg war, ist Paula Modersohn-Becker. Der Ausnahme-Künstlerin zum 150. Geburtstag
Noch vor wenigen Jahren scheint es sie kaum gegeben zu haben: bedeutende, vor 1900 geborene Künstlerinnen. Tatsächlich arbeiteten große und in ihrer Zeit erfolgreiche Künstlerinnen auch in vergangenen Jahrhunderten – beispielsweise Artemisia Gentileschi (1593–1653), Angelika Kaufmann (1741–1807) oder die jüngst in der Alten Pinakothek in München gefeierte niederländische Stilllebenmalerin Rachel Ruysch (1664–1750). In der Kunstgeschichtsschreibung nahmen sie aber lange nur eine Randposition ein. So finden sich in den ersten Auflagen von Ernst H. Gombrichs Geschichte der Kunst von 1950, einem Standardwerk für viele Kunstinteressierte und Studierende, keine Künstlerinnen – gestört hat das bis vor wenigen Jahren kaum jemanden. Von Museen wenig gesammelt und wenn, dann in die Depots verbannt, waren die Werke von Malerinnen und Bildhauerinnen auch kaum sichtbar. Das hat sich mittlerweile zum Glück geändert. In Ausstellungen und Publikationen werden Wieder- oder gar Neuentdeckungen präsentiert, wird die Kunstgeschichte umgeschrieben. Als Gegenentwurf zu Gombrich hat Katy Hessel 2022 auf über 400 Seiten eine Story of Art without Men zusammengestellt.
Auf eine Malerin, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert, treffen die Schlagwörter Wieder- oder gar Neuentdeckung nicht zu. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) war bereits kurz nach ihrem frühen Tod im Jahr 1907 präsent und trotz üblicher Schwankungen in der öffentlichen Wahrnehmung nie vergessen. Nicht nur deshalb kann sie als Sonderfall der Kunstgeschichte gelten. In Deutschland zählt sie neben Käthe Kollwitz (1867–1945) und Gabriele Münter (1877–1962) zu den bedeutendsten Künstlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten nur einem kleinen Kreis von Familie, Freunden und Künstlern bekannt, fanden bereits bald nach ihrem Tod Ausstellungen statt, so 1913 eine Wanderausstellung in München, Hagen, Jena und Wuppertal. Eine 1913 ebenfalls erstmals publizierte Auswahl an Briefen und Tagebucheinträgen brachte sie einem breiteren Publikum nahe. Sammler wie der Wuppertaler Bankier August von der Heydt, Hermann Bahlsen in Hannover und ab den 1920er Jahren der Bremer Kaffeekaufmann und Eigentümer der Kaffee HAG Ludwig Roselius erwarben ihre Werke. In Bremen baute ihr Roselius 1927 in der Böttcherstraße ein eigenes Museum – das erste weltweit für eine Malerin.
Ihrer Zeit voraus
Entscheidende Impulse erfuhr Modersohn-Becker in der französischen Metropole Paris, der Kunsthauptstadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in der sie sich insgesamt vier Mal auch zu längeren Besuchen aufhielt. Dort sah sie Werke von Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Henri Rousseau, die sie inspirierten. Eine besondere Entdeckung war zudem die Kunst Altägyptens, Asiens und Ozeaniens im Louvre und anderen Pariser Sammlungen. Angeregt von den verschiedenen Epochen und Werken schuf sie eine eigene, unverwechselbare Bildsprache. Nur wenige aber hatten die Gelegenheit, ihre Bilder zu Lebzeiten zu sehen. Zum einen stellte sie nicht aus und verkaufte auch wenig. Zum anderen entfernte sie sich stilistisch zusehends von den befreundeten Malern der Worpsweder Künstlerkolonie wie Heinrich Vogeler oder auch ihrem Ehemann Otto Modersohn und stieß so zunehmend auf Unverständnis. Der damals in Deutschland produzierten Kunst war sie voraus und mit den neuesten Entwicklungen in Frankreich gleichauf. Das Bildnis Lee Hoetger mit Blume erinnert an außereuropäische Masken und weist mit seinen geometrischen Formen und in seiner reduzierten Bildsprache Parallelen zu zeitgleichen Werken Pablo Picassos auf. Die beiden Künstler lebten zeitgleich in Paris und kannten sich doch nicht. In Deutschland entstand zu dieser Zeit nichts Vergleichbares. Die Maler der „Brücke“ formierten sich 1905, hatten ihren Durchbruch aber erst um 1909. So steht Modersohn-Beckers Werk recht isoliert zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, zwischen Impressionismus und Expressionismus mit Anklängen an den Symbolismus. Gerade diese Alleinstellung zeichnet Paula Modersohn-Becker bis heute aus.



In ihren Anfängen, geschult durch zahlreiche Besuche an Akademien und bei Lehrerinnen und Lehrern in London, Berlin und Worpswede, hat sie sich vornehmlich zeichnerisch einen Kanon an Figuren angeeignet. Die in Worpswede entstandenen Pastelle und Zeichnungen der dort lebenden Bäuerinnen und Bewohner des Armenhauses bestechen durch eine detaillierte Wiedergabe und ein ausdrucksstarkes und ehrliches Erfassen der Modelle, ohne jegliches Sozialpathos. In Paris und im Studium der großen Künstler der vergangenen und ihrer Zeit fand sie zu ihrer ureigenen Bildsprache. Es entstehen farbintensive Stillleben, die es mit den besten Arbeiten französischer Maler aufnehmen können – und zahlreiche Selbstdarstellungen, an denen sich ihre rasante künstlerische Entwicklung ablesen lässt. Das Selbstbildnis am6. Hochzeitstag, der erste weibliche Selbstakt der Kunstgeschichte, fehlt heute in keiner Publikation zu diesem Genre. In ihrem kleinen Pariser Atelier in einer Zeit entstanden, in der sie sich von ihrem Ehemann trennen und ein eigenständiges Leben als Künstlerin führen wollte, zeugt es von ihrem Selbstbewusstsein und ihrer bedingungslosen Offenheit. Mit der malerischen Entwicklung und Emanzipation einher ging auch die persönliche. An den Freund Rainer Maria Rilke schrieb sie: „Und nun weiß ich garnicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“
Weltweit gefeiert
In den letzten rund zehn Jahren hat das Interesse an Modersohn-Becker nochmals Fahrt aufgenommen, auch international. In Kopenhagen, Paris und zuletzt 2024 in New York und Chicago wurde sie als bahnbrechende Malerin gefeiert, deren Werke noch heute „brazingly modern“, unverschämt modern, wirken, wie die New York Times jüngst schrieb. Ihr erster Auftritt in Amerika war das allerdings nicht. Alfred H. Barr, Gründungsdirektor des Museum of Modern Art (Moma), hatte bereits 1931 in einer Gruppenausstellung deutsche Künstler des Expressionismus versammelt, darunter eine einzige Malerin welcher, wie er schrieb, wenige Jahre zuvor in Bremen ein Museum gewidmet worden war.
Vergessen war Paula Modersohn-Becker, anders als die vor einigen Jahren wiederentdeckte Malerin Lotte Laserstein (1898–1993), also nie. Aber in einer Zeit, in der vermehrt übersehene Künstlerinnen gewürdigt werden, wird ihre Bedeutung in der Kunstgeschichte einmal mehr wahrgenommen. Käthe Kollwitz, deren Werk sogar in zwei Museen in Köln und Berlin studiert werden kann, war stets durch ihre großartigen sozialkritischen wie bewegenden Grafiken und Zeichnungen und die Skulptur der Mutter mit totem Sohn als Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache in Berlin präsent. Gabriele Münter ist, wenn auch mit etwas zeitlichem Verzug, in den letzten Jahren ein ähnlich gestiegenes nationales wie internationales Interesse entgegengebracht worden wie Modersohn-Becker. Als Schülerin und Geliebte Kandinskys stand Münter lange in dessen Schatten. Dem Lenbachhaus schenkte sie 1957 bedeutende Werke von Kandinsky und seinen Weggefährten, während ihr eigenes malerisches Schaffen bezeichnenderweise kaum gewürdigt wurde. Ihr und den Malerinnen des „Blauen Reiters“ widmen Museen in Wiesbaden, Bremen und München 2026/27 – und damit 115 Jahre nach dem Almanach des Blauen Reiters – erstmals eine Ausstellung. Zuvor aber feiern Dresden (Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch), Worpswede („Impuls Paula“) und Bremen („Becoming Paula“) den Geburtstag einer Malerin, für die Julia Voss 2007 in der FAZ die bemerkenswerten Worte fand: „Deutschlands Picasso ist eine Frau.“ Man kann darüber streiten, ob es des Vergleichs mit einem männlichen Kollegen bedarf, um die Bedeutung einer Künstlerin herauszustellen. Vor 20 Jahren war dies allerdings noch der Fall, was sich an einigen diesbezüglichen Kritiken ablesen lässt. 2026 zeigen Kollwitz, Münter, Modersohn-Becker und die vielen anderen, dass und wie sich die Zeiten geändert haben. Die Frauen sind in der Kunstgeschichte angekommen, deren Teil sie immer schon waren.
Dr. Frank Schmidt (RC Bremen-Neuenlande)
ist Direktor des Paula-Modersohn-Becker-Museums. Zuvor war der Kunsthistoriker wissenschaftlicher Direktor der Kunsthalle Emden.
Foto: Martin Luther





