Wir gegen die

Populisten leben von Grenzziehungen, aber ihre Milieus sind kaum weniger heterogen, als die der globalen Eliten
Auch Wörter haben ihre Geschichte. Während man in den letzten Jahren die lange Zeit verpönte Rede von den Eliten in den politischen Sprachgebrauch zurückzuholen beginnt, scheint der Gegenbegriff, das Volk, ausgedient zu haben. Er ist soziologisch unbrauchbar geworden und ideologisch vergiftet. Wer erinnert sich noch, dass man vor Jahrzehnten tatsächlich eine Volksschule besuchte? Politiker als volksnah zu bezeichnen oder der Umstand, dass die Souveränitätsvorstellung unserer Verfassung auf dem Begriff Volk gründete, hat die Rede vom Volk nicht davor bewahrt, mit völkischem Denken identifiziert zu werden. Obwohl dies nur für die eine Dimension des Begriffs gilt, die „Innen-außen-Relation“, wie sie Reinhard Koselleck nannte und damit von der anderen, der „Oben-unten-Relation“ unterschied: Volk mithin als das gemeine Volk, als die Masse der einfachen Leute, die unteren Schichten einer Gesellschaft; oder wie man auch sagen könnte: die schweigende Mehrheit.
Genau in dieser Bedeutung aber hat die Vorstellung vom Volk in den letzten Jahren eine erstaunliche Wiederbelebung erfahren und ist zum Adressaten einer neuen Form von Politik geworden, die man als Populismus bezeichnet. Von Populismus zu sprechen hat immer etwas Abwertendes und erscheint als eine irreguläre Form demokratischer Willensbildung, mit der vor allem jene identifiziert werden, die von der Repräsentationslücke des demokratischen Parteiensystems betroffen sind. Man hat deshalb lange von den ranzigen Rändern einer Gesellschaft geredet, von den elenden Modernisierungsverlieren, eben all jenen, die durch den gesellschaftlichen Rost gefallen waren. Bis man merkte, dass populistische Parteien ein ähnlich großes Spektrum an Wählern ansprachen wie die früheren, etablierten Volksparteien. Wobei die verbindende Vorstellung solcher populistischer Parteien lange noch die Gegnerschaft zu einer abgehobenen Elite war, einer Kaste von Politikern, die den Bezug zur Wirklichkeit der breiten Masse verloren hatten. „Die da oben“ oder die „Anywheres“, wie sie der englische Publizist David Goodhart genannt hat, die überall und nirgends auf der Welt zu Hause sind und mit der Masse der bodenständigen Menschen in den postmodernen Gesellschaften nichts mehr zu schaffen haben. Wobei in dieser Art Kennzeichnung plötzlich auch wieder die andere Relation des Volksbegriffs mitschwingt, die Abgrenzung gegenüber den Fremden. Man spricht diesen globalen Eliten nicht nur die soziale Kompetenz ab, sondern auch die Zugehörigkeit; hält sie für entwurzelte Gesellen, die für die Identität ihrer jeweiligen Bevölkerung keinerlei Verständnis mehr aufbringen. Soziale Distanz und kulturelle Fremdheit laden sich gegenseitig auf.
Man könnte, wie der Berliner Kultursoziologe Andreas Reckwitz, von einer Rückkehr zur Klassengesellschaft sprechen, wenn eine genauere Betrachtung nicht offenlegen würde, dass die sozialen Klassen in Deutschland nie wirklich verschwunden waren; wir im Gegenteil seit Jahren wieder eine deutliche Verschärfung der sozialen Gegensätze registrieren und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die Einkommensschere, die man jahrzehntelang zu schließen hoffte, öffnet sich wieder von Neuem.
Gesellschaft des sozialen Ausgleichs
Aber nicht nur die soziale Realität unserer Wohlstandsgesellschaft hat sich verändert; auch die Rede darüber ist eine andere geworden. Die Konsensrepublik löst sich auf. Anfang der 1950er Jahre hatte der Münsteraner Soziologe Helmut Schelsky für dieses Modell das entscheidende Stichwort geliefert, als er die soziale Wirklichkeit der Bundesrepublik auf dem Weg zu einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ sah. Es war das Zauberwort für den im Entstehen begriffenen Wohlfahrtsstaat. Jeder konnte in ihm etwas werden. Die herkömmlichen Klassen saßen wie in einem sozialen Paternoster. Man traf sich gewissermaßen in der Mitte der Gesellschaft, entwickelte einen gemeinsamen Lebensstil mit ähnlichen Konsumgewohnheiten und Zielen und war nicht länger durch starre Klassengrenzen, sondern allenfalls durch materielle Ressourcen getrennt. Die Leute spuckten in die Hände und förderten das gemeinsame Sozialprodukt. Jeder durfte daran teilhaben. Lohnsteigerungen waren ohnehin verbrieft.
Man hat Schelsky zwar sehr schnell vorgeworfen, dass er eine Denkfigur entworfen hatte, die der sozialen Realität der Bundesrepublik nicht angemessen war und stattdessen Anleihen an der alten Volksgemeinschaftsidee der Nazis betrieb. Gleichwohl war es diesem prominenten Soziologen gelungen, ein soziales Leitbild zu formulieren, dessen Faszinationskraft über Jahrzehnte und eigentlich bis zum Fall der Mauer anhielt. Die alte Bundesrepublik hielt sich bis 1989 für eine Gesellschaft des sozialen Ausgleichs.
Auch den Anhängern populistischer Parteien geht es weit weniger um gesellschaftliche Teilhabe oder sozialen Aufstieg als um Abgrenzung. „Wir gegen die“ heißt das Grundverständnis
Dass diese Denkfigur und mit ihr auch ihr Erfinder Schelsky inzwischen so sehr in Vergessenheit gerieten, zeigt freilich, wie sehr sich die soziale Wirklichkeit von den damaligen Vorstellungen einer Konsensgesellschaft entfernt hat, in der jeder, auch der noch so Bedürftige, seinen Platz findet.
Inzwischen redet man lieber von der Spaltung der Gesellschaft und den Ausgegrenzten, die mit den Formationszwängen und Auflösungserscheinungen einer globalisierten Welt nicht mehr Schritt halten können. Durchlässigkeit ist heute anders definiert als in den alten Aufstiegsvisionen der Nachkriegszeit. Soziale und kulturelle Bindungen lösen sich auf oder werden als hinderlich empfunden. Auf dem globalisierten Arbeitsmarkt gilt Heimat einmal mehr als das „schönste Wort für Zurückgebliebenheit“, wie es der Schriftsteller Martin Walser schon vor Jahrzehnten formulierte. Migration hat inzwischen die Funktion des sozialen Aufstiegs übernommen. Die hybride Gesellschaft ist zum kulturellen Leitbild geworden. Diversität verdrängt das alte Konsensideal. Unterscheidbarkeit ist an die Stelle der sozialen Angleichungsbestrebungen getreten. Reckwitz spricht von einer Gesellschaft der Singularitäten.
Das Erstaunliche ist, dass dieser Befund eben nicht nur für die Welt der globalen Eliten gilt, für die Anywheres nach Goodhart, die aus dem Fundus einer beliebigen Überlieferung ihre persönliche Signatur gewinnen.
Neues Volksverständnis
Auch den Anhängern populistischer Parteien geht es weit weniger um gesellschaftliche Teilhabe oder sozialen Aufstieg als um Abgrenzung. „Wir gegen die“ heißt das bestimmende Grundverständnis. Was nichts anderes bedeutet, als dass auch die zweite Bedeutung des Volksbegriffs, die „Innen-außen-Relation“, wieder Bedeutung für den politischen Diskurs bekommt. Populisten leben von Grenzziehungen. Aber ihre Milieus sind kaum weniger heterogen oder divers, wie man heute sagt, als die der globalen Eliten. Wenn man genau hinschaut, dann finden sich in ihren Reihen eben keineswegs nur weiße, alte Männer, sondern mit Abstrichen dasselbe Spektrum der postmodernen Gesellschaft, in der sich die alten Bindungen und Zugehörigkeiten weitgehend aufgelöst haben. Daraus lässt sich kein neues Klassenverständnis bilden. Sehr wohl aber ein neues, postmodernes Verständnis von Volk. Dafür sind nicht die alten Herkunftsbeziehungen wichtig, sondern die Sehnsucht nach kollektiver Unterscheidbarkeit. Auch dieser neue Volksbegriff ist eine Erfindung. Aber er stellt die Frage nach den notwendigen Ligaturen einer postmodernen Gesellschaft von Neuem. Auch wenn die Antworten der Populisten immer noch sehr viel reaktionärer ausfallen, als es diese Schlüsselfrage für unser künftiges Zusammenleben tatsächlich verdient.
Johann Michael Möller
(RC Berlin-Brandenburger Tor) ist Publizist und Herausgeber des Rotary Magazins.
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