Titelthema
von Peter Köpf |
| Lesezeit: 6 Minuten

„Elite zeichnet sich durch Leistung aus“

Die ehemalige Schuldirektorin Brigitte Thies-Böttcher über das sinkende Niveau an deutschen Lehranstalten, den Boom von Schulen in freier Trägerschaft und die Unmöglichkeit von Chancengleichheit

Was braucht eine Schule, um erfolgreiche und leistungsfähige, rücksichtsvolle und lebenstüchtige Menschen zu produzieren?

Schulen brauchen eine klare Haltung. Wichtig sind ein guter Gemeinschaftssinn und engagierte Eltern, die alle dasselbe wollen: dass ihre Kinder lernen und vorankommen. Entscheidend: „Es kommt auf die Lehrer an“, wie der Erziehungswissenschaftler John Hattie betont. Auf deren Persönlichkeit. Lehrer dürfen sich nicht als bloße Lernbegleiter verstehen. Ist das gegeben, ist Geld nachrangig. Eine vernünftige Klassengröße hilft allerdings. Im Grauen Kloster hatten wir maximal 27 Schüler, eine vom Träger bewusst akzeptierte Größe. In der Oberstufe, wo ich weitgehend gearbeitet habe, waren die Gruppen kleiner; es gab Leistungskurse mit zehn jungen Leuten. So kann man richtig gut arbeiten.

Das können aber nicht alle Schulen bieten. Schulen in freier Trägerschaft, sogenannte Privatschulen, boomen. Mehr und mehr Eltern zahlen lieber ein zum Teil erhebliches Schulgeld, als ihre Kinder staatlichen Lehranstalten anzuvertrauen. Widersprächen Sie, wenn ich das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster, das Sie viele Jahre leiteten, als Eliteschule bezeichnete?

Da müssen wir erst mal definieren, was Elite ist. Für mich ist Elite immer Geisteselite, die sich durch Leistung auszeichnet. Meritokratie, nicht Aristokratie. Wir haben in Deutschland ein etwas kurioses Verständnis von Elite. Elite ist als Begriff häufig eher negativ besetzt. Bei uns gelten anscheinend Leute als Elite, die sich auf Partys treffen, über die die Klatschblätter berichten.

Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier schickte ihre Kinder in eine private Waldorfschule. Was sagt uns das?

Dass sie dem staatlichen Schulwesen nicht traut. Das ist ziemlich erschütternd. Aber dasselbe kann ich für Berliner Eltern auch sagen. Wohin schicken die urbanen, linksliberalen Milieus ihre Kinder? Auf die Schulen freier Träger; vor allem konfessionelle Schulen sind sehr gefragt, wegen ihres Wertesystems, wegen ihres christlichen Verständnisses, weil sie dort auch lernen, sich als soziale Wesen zu verstehen. Und weil Kinder auf einer Schule wie dem Grauen Kloster ziemlich gut auf ein Studium vorbereitet werden. Generell sind Hochschullehrer dagegen entsetzt über das Niveau des Gros der Erstsemester. Da ist etwas ziemlich schiefgelaufen.

Brigitte Thies-Böttcher

war von 1998 bis 2006 stellvertretende Direktorin des Evangelischen Gymnasiums Hermannswerder in Potsdam und danach Gründungsdirektorin des Eduard-Nebelthau-Gymnasiums in Bremen. Von 2008 bis 2016 übernahm sie als erste Frau die Leitung des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin. Sie nennt sich „klassisch wertkonservativ“, schätzt das Wort „Benehmen“, auch wenn es „altmodisch“ klinge, und hängt „dem diskursiven Humboldtschen Bildungsideal“ an.

Foto: Peter Köpf

Was denn?

Wir haben in den 70er Jahren begonnen, stark ideologiebehaftet zu unterrichten. Unter dem nachvollziehbaren Versuch, Gerechtigkeit zu schaffen, hat das Leistungsniveau erheblich gelitten. Heute werden selbst an manchen Gymnasien und Oberstufenzentren Texte in einfacher Sprache gelesen. Wir haben den Schwerpunkt von der reinen Wissensvermittlung zu sehr auf Kompetenzorientierung, Methodik, Didaktik verschoben. Früher hat das Schriftliche viel mehr gezählt, heute bekommt das Mündlich-Diskursive viel mehr Gewicht bei der Notengebung. Der Vorteil daran ist, dass die jungen Leute sich heute zu präsentieren verstehen.

Für Karrieren ist – wie Pierre Bourdieu es formuliert – das ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische Kapital (Prestige, Ehre, Reputation) entscheidend, welches Kinder aus wohlhabenden und bildungsaffinen Familien en passant mitbekommen.

Ein Kind, das mit einer vollen Bibliothek aufwächst, hat es natürlich einfacher als eines, in dessen Zuhause ganztägig der Fernseher läuft, die sozialen Medien im Vordergrund stehen und es keine Ecke gibt, wo es in Ruhe arbeiten kann. Gleiche Bildungschancen sind schon deshalb kaum zu erreichen. Schule kann nicht ausgleichen, was in den Familien versäumt wird oder nicht angelegt ist.

Dass Bourdieus „feine Unterschiede“ Zugang zu bestimmten Positionen eröffnen, zeigt sich heute auch an den NGOs, in denen in der Regel die Kinder der urbanen Eliten das Wort führen. Müsste ein Staat wie der unsre nicht für eine solide Ausbildung aller Kinder sorgen?

Das sollte man annehmen: Ein derart reiches Land müsste es schaffen, auch Kindern aus einfacheren Verhältnissen den Zugang zu erstklassiger Bildung zu ermöglichen. Ich will aber etwas Positives über unser Land sagen: Wir haben alte Strukturen überwunden. Wir haben das duale Ausbildungssystem, für das wir international sehr bewundert werden. Wer fähig ist, kann kostenlos studieren. Wer eine Ausbildung hat, kann an Fachhochschulen studieren. Das ist alles in allem eine tolle Leistung, da haben wir schon viel erreicht.

Der Philosoph Hanno Sauer schreibt in seinem Buch „Klasse – Die Entstehung von Oben und Unten“, dass Schule als Ort des Statuswettbewerbs Klassenstrukturen sogar verstärke und Ungleichheit verfestige. Hat er recht?

„Oben und unten“ erscheint mir zu reißerisch. Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eine wesentlich egalitärere Gesellschaft als zuvor – auch im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien. In Großbritannien lebt das Klassensystem von Working Class, Middle Class, Upper Middle Class, Upper Class noch immer. In Deutschland gibt es eine solche Upper Class, die auch stark aristokratisch geprägt ist, gar nicht, auch keinen so ausgeprägten Geldadel wie in England und in Frankreich. Elite- und Kaderschmieden wie Eton haben wir auch nicht. Selbst Salem und Louisenlund kann man damit nicht vergleichen. Außerdem haben wir keine ­Grandes Écoles wie die Science Po, wo Premierminister und Minister lernten, keine École nationale d’administration für Beamte.

4500 Euro betragen die monatlichen Kosten pro Schüler auf der Schule Schloss Salem

 

Wir haben natürlich auch eine Oberschicht. Vor allem aber haben wir einen großen Mittelblock und – leider – eine wachsende untere Schicht, verstärkt auch durch die Migration. Die schwierige kulturelle Integration ist das Problem bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund, wenn sie zu Hause nicht unterstützt werden und wir wegschauen. Natürlich gibt es auch migrantische Familien, die darauf achten, dass ihre Kinder etwas lernen. Immer wieder findet man auch Kinder aus solchen Familien an den freien Schulen, auch am Grauen Kloster.

Auch in wohlhabenden Familien gibt es schlechte Schüler. Ihre Eltern schicken sie in teure Internate wie Salem oder Louisenlund, damit sie doch noch den Abschluss schaffen. Können Eltern Bildung kaufen?

Ja, das kann man. Zehn bis 15 Prozent der deutschen Schülerschaft besuchen englische Internate. Ich will wahrlich nicht sagen, dass die alle nichts können. Aber es wird ihnen mit viel Geld und dadurch mit großer individueller Unterstützung geholfen, das internationale Baccalaureate zu schaffen. Aber eine gewisse Begabung und Talent brauchen auch diese Kinder, um an einer richtig guten Schule klarzukommen.

Die Geburt in der Eliteklasse führt eher zu einem Leben in der Elite, zu Einfluss, Macht und Wohlstand. Können Sie dem etwas Gutes abgewinnen? Sind Eliten vielleicht sogar unverzichtbar?

Wenn sie sich nicht über Luxus und Geld definieren, sind Eliten etwas Gutes. Wenn sie sich ihrer Rolle in der Gesellschaft bewusst sind, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsbewusstsein für ein Land übernehmen, wenn sie Nützliches tun. Wenn sie verstehen, welche Verpflichtung man als Staatsbürger hat. Ich erwarte von Eliten Leistung. Was sollte schlecht daran sein, Leistung zu fordern und diese für die Gemeinschaft einzubringen? Wer in diesem Sinne etwas geleistet hat, darf auch stolz darauf sein, Verantwortung übernehmen zu können. Das sind dann die Leistungseliten. Wir brauchen immer mehr gut ausgebildete Menschen. Deswegen setze ich mich auch dafür ein, das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin-Mitte an seinem historischen Standort wieder zu beleben. Wegen des Vorbildcharakters, den es hatte und den es wieder bekommen soll.

Das Gespräch führte Peter Köpf.

Peter Köpf

ist Journalist und Autor zahlreicher politischer Sachbücher und Biografien. Zuletzt erschienen: Martin Kobler/Peter Köpf: „Weltenbeben. Europas Chance auf neue Strahlkraft“ (Europa Verlag, Oktober 2025).

Foto: Jo Schulz
Peter Köpf