Titelthema
von Martin Kohlrausch |
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Oben bleiben

Den Adel als Stand gibt es nicht mehr, doch seine Geschichte im heutigen Deutschland ist noch nicht auserzählt

Die Rolle des deutschen Adels im 20. Jahrhundert zu beschreiben, ist keine leichte Übung. Besaß der Adel in der Moderne überhaupt noch Einfluss? Wie ließe sich dieser messen? Und wenn Adlige Einfluss ausübten, taten sie es dann noch als Mitglieder einer bestimmten Gruppe, eines Standes? Das Problem reicht tiefer und damit auch an die Wurzel dessen, was Adel überhaupt ist.

Im engeren Sinne endet die Geschichte des deutschen Adels mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 und nachfolgenden Gesetzen der deutschen Bundesstaaten. Anders als in Österreich konnten die seinerzeit rund 60.000 Mitglieder dieser Gruppe ihre Namen und – mit Einschränkungen – Titel weiter führen. Ihr privilegierter rechtlicher Status war allerdings Geschichte. Das galt bereits seit November 1918 für den prominentesten Teil des Adels, die Kaiser, Könige, Großherzöge und weitere, die als Souveräne Herrschaft im Reich und dessen Bundesstaaten ausübten. Herrschaft, sei es in territorialen Einheiten oder auf eigenem Grund, wurde seit dem Aufkommen des Adels als dessen Kernkompetenz und Hauptressource gesehen und beansprucht.

Feine Unterschiede

Während Adlige die Zäsur von 1918/19 nahezu ausnahmslos als tiefen Bruch empfunden haben dürften, unterschieden sich die tatsächlichen Folgen für die Mitglieder des ehemaligen Standes erheblich. Als einheitliche Gruppe hatte der Adel schließlich nie existiert. Die Unterschiede zwischen dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. – einem der reichsten Männer Deutschlands und zumindest in der Theorie befugt, bis in die Familienverhältnisse großer Teile seiner Standesgenossen zu intervenieren – und den landlosen, verarmten Mitgliedern von Familien ohne eigenes Vermögen waren immens. Daneben existierten rechtliche Unterschiede zwischen dem Hochadel ehemals (bis 1918) regierender Häuser und dem niederen Adel, der gleichwohl teils über erhebliche Vermögen verfügen konnte. Der ostelbische, zu großen Teilen preußische, Adel unterschied sich in seinen spezifischen Traditionen, insbesondere der Bedeutung militärischer Funktionen, substanziell vom süddeutschen Pendant. Der katholische Adel Schlesiens, West- und Süddeutschlands vertrat wiederum oft andere Werte als der des protestantischen Nordens. Die Beispiele ließen sich lang fortsetzen und wirken bis heute nach.

Der Adel und die Nazis

So unterschiedlich Tradition und Position der Mitglieder der Gruppe waren, lässt sich doch festhalten, dass die überwiegende Mehrheit des Adels der neuen Weimarer Republik skeptisch bis radikal ablehnend gegenüberstand. Konkrete Verlusterfahrungen mischten sich mit allgemeinem, weltanschaulichem Ressentiment, das teils auch für das Bürgertum bestimmend war. Hier lag die Basis für die frühe und sehr breite Annäherung des Adels an den aufkommenden Nationalsozialismus. Eine vor allem nach 1945 behauptete wesensmäßige Distanz des Adels zur „proletarischen“ NSDAP hat lange den Blick für das erhebliche Engagement Adliger in SA, SS und anderen Gliederungen des Nationalsozialismus verstellt. Ein auf „reinem Blut“ basierender Rassismus ließ sich ohne große Verrenkungen in adlige Auslesevorstellungen einfügen. Der Ausbau des Militärs und eine wie auch immer geartete wiederhergestellte nationale Größe, inklusive der deutschen Expansion vor allem im Osten Europas, waren für viele Adlige attraktiv – auch für solche, die sich später im Widerstand des 20. Juli engagieren sollten und damit das Bild des Adels und seiner Beziehung zum Dritten Reich nach 1945 nachhaltig prägten.

1919 wurde der Adel in Deutschland durch die Weimarer Republik faktisch abgeschafft

 

Während in der Weimarer Republik um die Begriffe „Aristokratismus“ beziehungsweise „neuer Adel“ dynamische Diskussionen geführt wurden, in denen der Adel fast immer auch eine Rolle spielte, lässt sich dergleichen nach 1945 nicht mehr feststellen. Die Diagnose einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) beschrieb nicht unbedingt eine Realität der 50er und 60er Jahre, war aber durchaus, bei aller Kritik aus konservativer und progressiver Richtung, plausibel. 1945 war keine Stunde null für die deutsche Gesellschaft, aber zweifellos eine historisch einmalige Brucherfahrung. Mit dem Verlust der deutschen Ostgebiete und der Bodenreform in der sowjetisch besetzten Zone (und zumindest Bodenreformansätzen in Schleswig-Holstein) war der bis dato einflussreichen Formation des ostelbischen Adels die ökonomische und soziale Grundlage entzogen. Mit dem Ende deutscher Militärkontinuität schwand auch dessen vornehmstes Betätigungsfeld und eine wesentliche Quelle politischen Einflusses.

Adlige Netzwerke

Während in der DDR – trotz der prominenten Rolle einiger weniger Adliger in Medien und Wissenschaft – der Adel faktisch keine Rolle mehr spielte, war die Lage in der Bundesrepublik weniger eindeutig. Eine wie auch immer herausgehobene politische Rolle des Adels stand nicht mehr zur Debatte. Vielmehr richteten sich die Diskussionen um eine dem neuen Staat angemessene Elite – ein Begriff, der in Deutschland überhaupt erst in der Nachkriegszeit systematisch verwendet wurde. Zentral stand hier der Wert oft christlich definierter Verantwortung. In den 1960er Jahren begannen strukturelle wissenschaftliche Untersuchungen der bundesrepublikanischen Eliten oft mit der Frage, ob problematische historische Konstellationen in Deutschland überwunden werden konnten, um den neuen Staat zu einer echten liberalen Demokratie im westlichen Sinne zu entwickeln.

In einer auch historisch zunehmend kritischen Diskussion, die mit den Begriffen Elitenversagen und – negativ konnotiert – Elitenkontinuität verbunden war, konnte der Adel kaum mit Sympathien rechnen. Es ist vor diesem Hintergrund dann auch nicht erstaunlich, dass zwar der Begriff Elite seit den 1980er Jahren verstärkt positiv gebraucht wurde und eine zentrale Rolle in einem langen Reformdiskurs spielte, hierin der Adel aber keine Kategorie mehr war. Rufe nach neuen Rekrutierungsformen der politischen Elite jenseits der Parteien, kritische Betrachtungen der wirtschaftlichen Elite oder die sehr zählebige und intensive Diskussion um Eliten in der Bildung („Eliteuniversitäten“) kamen in der Regel ohne Verweise auf den Adel aus.

Während in der DDR – trotz der prominenten Rolle einiger weniger Adliger in Medien und Wissenschaft – der Adel faktisch keine Rolle mehr spielte, war die Lage in der Bundesrepublik weniger eindeutig

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Adel in der bundesrepublikanischen Gesellschaft bedeutungslos geworden wäre. Auch wenn das Zahlenmaterial dürftig ist, kann doch davon ausgegangen werden, dass der Anteil des Adels an Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Diplomatie überproportional hoch war und ist. Über Familienverbände und vielfältige kulturelle und soziale Aktivitäten, zum Teil durch Adelsverbände organisiert, haben es Teile des Adels zudem geschafft, belastbare Netzwerke über die einschneidenden Brüche von 1918/19 und 1945/49 hinaus zu bewahren. Diese Netzwerke tragen dazu bei, dass der Adel zwar nicht mehr als Stand, in Teilen aber durchaus noch als abgrenzbare soziale Formation existiert.

Bleibende Faszination

Was Adel ist und ausmacht, war allerdings immer auch eine Frage der Projektion und nicht nur konkreter Zahlen. Marion Gräfin Dönhoff, Richard von Weizsäcker, Otto Graf Lambsdorff – um nur wenige Beispiele zu nennen – wurden immer auch als Adlige und nicht nur als Journalisten beziehungsweise Politiker wahrgenommen. In dieser Perspektive fällt auf, dass bis in die jüngste Zeit adlige Protagonisten auch als Mitglied eines faktisch nicht mehr existierenden Standes eine breite Öffentlichkeit beschäftigen. 2011 setzte eine, gemessen am eher technischen Gegenstand des Plagiats, spektakuläre Affäre der kometenhaften politischen Karriere Karl-Theodor zu Guttenbergs ein Ende; einer Karriere, die sich ohne die adlige Aura Guttenbergs kaum erklären lässt. Dies gilt auch für den gänzlich anders gearteten Fall der Entschädigungsforderungen der Hohenzollern und die vor allem zwischen 2019 und 2021 teils juristisch ausgetragenen Auseinandersetzungen mit einem bemerkenswerten medialen Echo. Während die infrage stehenden juristischen Probleme komplex waren, ist offenkundig, dass die Öffentlichkeit vor allem die Frage umtrieb, ob – so die Wahrnehmung – Adligen eine gesonderte Behandlung zustehe.

Nicht nur weil Adlige in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie immer noch gut funktionieren, da sich auch eine moderne Gesellschaft stets noch im ver-meintlich Traditionellen spiegelt, ist die Geschichte des Adels im heutigen Deutschland nicht auserzählt. Trends hin zu einer Wiedererstarkung charismatischer Politik oder eine Neubewertung des Militärischen könnten sogar zu einer Neubelebung von Werten führen, die der Adel historisch als seine eigenen reklamiert hat – mit all dem Ballast, den diese Werte mit sich führen.

Martin Kohlrausch

ist Professor für europäische Politikgeschichte an der KU Leuven. Er forscht zum Verhältnis von Politik und Medien und beschäftigt sich mit der historischen Rolle von Eliten, insbesondere der Monarchie, dem Adel und dem Aufstieg von Experten in der Moderne.

Foto: Privat
Martin Kohlrausch