Titelthema
von David Pfarrhofer |
| Lesezeit: 4 Minuten

Neue Eliten braucht das Land

Österreich braucht neue Eliten, denn den alten wird nicht mehr vertraut. Doch was ist das eigentlich, die Elite?

Wenn die Elite-Einheit der Polizei ausrückt, dann weiß man von der Ernsthaftigkeit der Situation und vertraut auf die Kompetenz dieser besonderen Truppe. Wenn ein junger Mensch an der Elite-Universität eines Landes studieren darf, dann erfährt er oder sie die bestmögliche Ausbildung, und eine rosige Zukunft ist vorgezeichnet. Aber wenn die Elite unseres Landes unser aller Zukunft gestaltet, dann beginnen viele Menschen in Österreich sich Sorgen zu machen.

Von einem Meinungsforscher kommt nun kein Blick auf Historie, auf Begriffsdefinition oder auf wissenschaftliche Theorien zur Elite, sondern ein kurzer Überblick über das Stimmungsbild in unserer Gesellschaft – am Beispiel Österreich. In einer österreichweit repräsentativen Erhebung im Juni 2025 (n = 824; maximale statistische Schwan-kungsbreite ±3,48 Prozent) analysierten wir die Wahrnehmung der Eliten (für die Befragten definiert als „Personen, die besondere Bedeutung und besonderen Einfluss haben, weil sie wichtige Funktionen bekleiden, besonders ausgebildet sind oder besondere Leistungen für das Land erbracht haben“).

Kritik von politischen Rändern

Der Befund ist eindeutig: Die Österreicherinnen und Österreicher verorten deutlich zu viel Gewicht bei den Eliten des Landes. Einer Mehrheit von 56 Prozent der Bevölkerung, die derzeit zu viel Einfluss bei den Eliten sieht, steht eine kleine Gruppe von sieben Prozent gegenüber, die sich mehr Bedeutung der Eliten für Österreich wünschen würde. Die Elitenkritik ist ein in Österreich in allen Bevölkerungsschichten verbreitetes Phänomen, Wohnort, Alter und Bildung der Befragten machen da kaum einen Unterschied. Allerdings ist das Thema eines der wenigen, in denen sich die Wählerschaften von FPÖ und Grünen weitgehend ähnlich sind – die Wählerinnen und Wähler dieser beiden Parteien auf entgegengesetzten Seiten des politischen Spektrums sind bei Eliten besonders kritisch. Besonders elitenkritisch sind weiters jene, deren Blick auf die Zukunft von Sorge und Pessimismus geprägt ist – aktuell eine sehr große Gruppe in Österreich.

Gehören Ärzte zur Elite?

Groß sind aber die Unterschiede, welche gesellschaftlichen Gruppen als Elite angesehen werden dürfen. Weitgehend einig sind sich die Österreicherinnen und Österreicher, dass die Spitzen der Bundespolitik, also Bundespräsident, Bundeskanzler und die Mitglieder der Bundesregierung zu den Eliten gezählt werden; vor allem die eliten-kritische Bevölkerungsgruppe betont die Bedeutung dieser Gruppe (und damit deren zu großen Einfluss). Junge und ältere Bevölkerungsgruppen definieren Eliten aber gänzlich unterschiedlich, wenn alltäglichere Berufsbilder bewertet werden: Ärztinnen und Ärzte werden von 37 Prozent der Menschen über 50 als Elite gesehen – bei Personen unter 30 stufen aber nur 19 Prozent die Ärzteschaft als Elite ein. Ein vergleichbares Bild resultiert auch bei der Einschätzung der Richterinnen und Richter und (besonders deutlich) bei der Wissenschaft – nur für zehn Prozent der Befragten unter 30, aber für 41 Prozent der Menschen über 50 gelten diese als Teil der Elite des Landes.

56 % der österreichischen Bevölkerung sehen derzeit zu viel Einfluss bei den Eliten

 

Die Zuschreibung der Wissenschaft zu den Eliten unseres Landes kommt weiters vor allem aus jener Minderheit, die den gesellschaftlichen Einfluss der Eliten für gerade richtig oder sogar für zu gering hält. Diejenigen, die Eliten als zu einflussreich beurteilen, meinen damit eher nicht die Wissenschafterinnen und Wissenschafter.

Somit: Die Kritik an den Eliten in Österreich ist eindeutig spürbar, sie manifestiert sich sehr stark an den politischen Verantwortlichen im Land und kommt vor allem von jenen Personen, die mit der aktuellen Situation weniger zufrieden sind und sorgenvoll in die (eigene) Zukunft blicken. Spricht man in Österreich über die Elite, denkt man also an „die da oben“, an die, die es sich richten können – an die Elite als Gegenentwurf zum einfachen Volk.

Eine derartige Wahrnehmung der gesellschaftlichen Elite ist vor allem für Österreich wenig überraschend, gibt es doch in der Alpenrepublik – beginnend mit dem politischen Aufstieg von Jörg Haider in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre – eine jahrzehntelange Historie, in der dieses Gesellschaftsbild (Volk gegen „die da oben“) gezeichnet wurde. Unterstützt wurde diese kritische Sichtweise durch verschiedenste Skandale, in denen politische Verantwortungsträger verwickelt sind – und vor allem auch dadurch, dass der Glaube, die Bundesregierung treffe die richtigen Maßnahmen für die Zukunft Österreichs, nahezu nicht mehr vorhanden ist.

Elite als Thinktank

Für Österreich gilt also: Neue Eliten braucht das Land! Oder zumindest eine breitere Definition in der öffentlichen Wahrnehmung, wer zur Elite zählt und was Elite für die Gesellschaft leistet. Die Elite als Thinktank für eine bessere Zukunft für alle, als nationales GPS-System in einer immer komplexer werdenden Welt, als gemeinsames Zukunftslabor von Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik – so könnten Eliten auch in Österreich wieder positiver wahrgenommen werden. Und damit könnten bei den Eliten unseres Landes ebenso positive Gedanken entstehen wie rund um die Elite-Einheit der Polizei und die Elite-Universitäten.

Dr. David Pfarrhofer

(RC Gallneukirchen-Gusental) ist Institutsvorstand bei Market, einem der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute in Österreich. Derzeit ist er Präsident des RC Gallneukirchen-Gusental.

Foto: Privat
David Pfarrhofer