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von Edgar Rabe |
| Lesezeit: 4 Minuten

Wie gehen wir mit der AfD um?

Wie sollen und wie können wir Rotarier mit Vertretern oder Anhängern extremer Parteien innerhalb und außerhalb unserer Clubs umgehen? Wie gestalten wir Kommunikation und wo sind Grenzen erreicht? Dazu gab Daniel Neuer (Governor D1880) im Distrikt 1870 Antworten und regte zum Nachdenken an.

Ein erster Schwerpunkt der jüngsten Halbjahreskonferenz in Mülheim an der Ruhr lag auf dem Umgang von Rotariern und Clubs mit Mitgliedern von politisch extremen Parteien - mit besonderem Blick auf die AfD. Dazu hatte Daniel Neuer vom RC Dreiländereck-Oberlausitz und amtierender Governor des Distrikts 1880 aus dem sächsischen Herrnhut die rund 800 Kilometer lange Strecke nach Mülheim bewältigt, um die Konferenzteilnehmer aus ostdeutscher Sicht über dieses Thema zu informieren. Neuer legte rotarische Standpunkte dar, sensibilisierte und kam mit den Konferenzteilnehmern darüber ins Gespräch - was ihm glänzend gelang.

Neuers umfassende Einlassungen zum Thema waren mit der Frage überschrieben: “Demokratie und Politik in unseren Clubs - wie gehen wir mit schwierigen Situationen um?" Begleitend zum Thema wurde den Konferenzteilnehmern das Positionspapier zum Extremismus des Deutschen Governorrates DGR an die Hand gegeben. 

Daniel Neuer lebt im Landkreis Görlitz und dort stellt die AfD sowohl den direkt gewählten Landtagsabgeordneten als auch den direkt gewählten Bundestagsabgeordneten. Gleich zu Beginn seines Vortrags ging er auf die grundsätzliche Frage ein, wie man mit AfD-Vertretern umgehen sollte. Neuers klare Haltung dazu: “Kommunizieren ja, zusammenarbeiten nein.” Der Governor blickte auf das Jahr 2024 zurück, als in den ostdeutschen Bundesländern die Wahlkreise schon “tief blau” gewesen sind, und auch in anderen Regionen Deutschlands habe die AfD bekanntlich an Bedeutung gewonnen. Aber daraus den Umkehrschluss als Rotarier zuziehen, mit den “Blauen” müsse man sich nicht auseinandersetzen, sie seien eh alle verstrahlt, tiefblau und es sei besser, sie links liegen zu lassen, “das ist die falsche Herangehensweise”, so Neuers Sicht. Gespräche mit Menschen, die politisch anders denken, seien grundsätzlich wichtig, die Kommunikation mit Andersdenkenden zu vermeiden, sei alles andere als zielführend. Rechtes Gedankengut einzelner Rotarier als “nicht so schlimm” abzutun, rechte und rechtsextreme, völkische Argumentationen unwidersprochen zu lassen, sei ein großer Fehler. Als Rotarier habe man quasi die Pflicht, in die Gegenrede zu gehen und immer wieder für den  rotarischen Wertekodex einzustehen. Ein Abtauchen sei inakzeptabel. In diesem Zusammenhang verwies Neuer auch auf das rotarische Amerika und dessen verhaltene Reaktion auf so manche Ziele der US-Administration und deren wahrnehmbaren Einfluss auf Rotary selbst. 

Mit den Freundinnen und Freunden in der Diskussion zu bleiben, sei ganz ganz wichtig, betonte Neuer auch aus seiner Position als Governor. Dabei verwies er immer wieder auf das oben zitierte Positionspapier des Deutschen Governorrates.

Die Menschen in Deutschland und damit auch die Rotarier hätten es eben nicht lediglich mit der Partei AfD zu tun, um die AfD spinne sich ein europaweites extremistisches Netzwerk. Und weil Rotary in Deutschland auch einen Querschnitt der Gesellschaft beheimatet, sei es wenig verwunderlich, dass sich auch in den Rotary Clubs AfD-Mitglieder tummeln, so Neuer. Das bedeute für die Rotarier gleichzeitig aber auch den Auftrag, diese AfD-Rotarier auf ihre politische Grundeinstellung hin anzusprechen und ihnen klarzumachen, welchem extremistischen Netzwerk sie da angehören und dass der rotarische Wertekodex und die extreme AfD alles andere als kompatibel sind.

Doch nicht nur Kommunikation sei in diesem Zusammenhang wichtig, vielmehr brauche es Lösungen. Rotary als weltumspannendes Wertenetzwerk müsse auch in Deutschland mehr junge Menschen im Blick haben, sich um diese Generation kümmern, die insbesondere in den sozialen Medien von den Menschenfischern der extremistischen Parteien geködert werden. Das sei eine Zukunftsaufgabe für Rotary. 

Und so mahnte Neuer, bei aller politischen Diskussion, die DNA von Rotary nicht zu vergessen – womit er die selbstlose, ehrenamtliche Arbeit meinte: “Lasst uns zu den Brennpunkten gehen, unterstützen wir benachteiligte junge Menschen”, denn der Schlüssel zur Chancengleichheit sei immer noch Bildung. Da müssten die Rotarier allesamt aktiver werden, schrieb der ostdeutsche Governor quasi ins Auftragsbuch. 

“Wir müssen wachsam sein, wir müssen mit den Menschen im Gespräch bleiben, aber auch klare Grenzen benennen”, so Neuer. Und er wiederholte noch einmal die Grundhaltung zur AfD und anderen extremistischen Parteien und Gruppierungen: “Kommunikation: Ja. Zusammenarbeit: Nein!"

Die anschließende Diskussion zum Thema und der Blick auf den Osten Deutschlands spannte sich von der sich verändernden Bevölkerungsstruktur über die Arbeitsplatzsituation, das Miteinander westdeutscher und ostdeutscher Rotary Clubs, den Tatbestand, dass die AfD längst kein reines ostdeutsches Politphänomen mehr sei bis hin zur Bildungsoffensive und medialen Wandlung von Rotary und zum sorgenvollen Blick auf das unberechenbare Wirken der Trump-Administration.

Edgar Rabe

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