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Iran: Gefangen zwischen zwei Welten

Autorin Delara Moghaddam versucht, ihre Familie im Iran zu erreichen – und mehr über die Geschehnisse in dem Land zu erfahren.

„Uns geht es gut, bitte macht euch keine Sorgen!“ Die Verbindung ist abgehackt, das Gespräch geht nicht länger als eine Minute. Nach neun Tagen kompletter Funkstille kam er endlich: der erlösende Anruf aus dem Iran. Meiner Familie „geht es gut“, wie sie sagen. Was sie damit meinen, ist, dass es ihnen physisch gut geht, dass noch alle am Leben sind. Ich merke, wie ich wieder aufatmen kann, wie mir eine schwere Last von den Schultern fällt, wie mein Herz sich beruhigt.

Doch bei aller Freude merke ich, wie sie uns nur die halbe Wahrheit sagen. Wie kann es einem denn ernsthaft gut gehen nach den Massakern? Selbst nach den vergangenen blutigen Tagen bleiben sie stark. Stark für uns, weil sie wissen, wir könnten die Wahrheit nicht ertragen. Sie verlieren kein Wort über das Regime, kein Wort über das Blutbad. Nichts. „Es geht ihnen gut“, beteuern sie in dem wohl kürzesten Gespräch, das ich je führte. Nicht mal auf den Internet-Shutdown gehen sie ein. Sie lügen uns an, weil sie wissen, wir würden es nicht ertragen. Sie bleiben stark, wie sie immer stark bleiben. So stark, wie sie auch schon die letzten 47 Jahre waren. Sie sagen nicht mehr als notwendig.

Nicht nur aus Stärke, auch aus Angst. Angst vor dem islamischen Regime. Angst davor, abgehört, abgeführt, eingesperrt zu werden. Angst davor, einer von jenen 18.000 gesichtslosen Menschen zu werden, die ihr Leben gaben. Wir fragen aber auch nicht nach, zu gut kennen wir das Spiel der Mullahs. Das Spiel, das sie schon seit 47 Jahren mit uns führen – wann hat es ein Ende?

Nur ein Haken

Seit dem 8. Januar haben die Menschen im Iran keinen Zugriff auf das Internet. Zwei Wochen schon verstecken sich die Mullahs hinter ihrer digitalen Dunkelheit; zwei Wochen verschleiert das islamische Regime seine Machenschaften. In diesem Zeitraum kam nur ein einziger Anruf durch. Die Telefone sind nur einseitig geöffnet, Anrufe aus dem Ausland sind also nicht möglich. Wie oft ich immer wieder versucht habe anzurufen – jeder Versuch vergebens. Manchmal, so wird in Diaspora-Kreisen gesagt, schaffen es direkte Anrufe aus dem Iran raus. Manchmal. In diesen zwei Wochen hat es nur einer zu uns geschafft.

Und auf WhatsApp? Da ist immer noch nur ein Haken. Dieser eine Haken verfolgt uns Iraner der Diaspora. Er steht symbolisch für die Unterdrückung, die wir beidseitig spüren, und für die Trennung der Diaspora von unserer Heimat. Wenn ich die wenigen Videos sehe, die es über Starlink nach draußen schaffen, brennt sich das Bild des brutalen Vorgehens in meinen Kopf ein. Das Ausmaß der Zerstörung und des Leids sind kaum in Worte zu fassen. Laut Menschenrechtsorganisationen geht man mittlerweile von rund 18.000 Toten aus – 18.000 mutige Menschen, die ihr Leben für die Freiheit gaben. In Massen sind sie mit leeren Händen gegen ein militärisch ausgerüstetes Regime auf die Straße gegangen. Mehr Revolution geht nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich jemals so mutig gewesen wäre. Es ist beeindruckend.

Aufgespalten zwischen zwei Welten

Die Nachrichtenlage ändert sich nahezu stündlich – dieser Artikel wird in einigen Tagen wahrscheinlich schon wieder überholt sein. Doch die Gefühle und Ängste, die ich, die die Menschen in der Diaspora erleben, bleiben aktuell. Am liebsten möchte ich den ganzen Tag auf Social Media verbringen, um ja nicht den Sturz des Regimes zu verpassen. Gleichzeitig ertrage ich keine weitere Minute. Mit jedem neuen Video, das in meine Timeline gespült wird, blutet mein Herz.

Mit einem Auge blicken wir ständig auf Teheran, mit dem anderen versuchen wir, in unserer Realität zu bleiben – hier in Deutschland, in Freiheit, in Sicherheit. Aber wie soll das gehen? Ich fühle mich aufgespalten. Physisch bin ich hier in Freiheit, aber mein Kopf ist es nicht – und wird es nie sein, solange das islamische Regime regiert. Immerzu frage ich mich: Wie kann ein Teil von mir in Freiheit leben, während der andere Teil gefangen ist?

Seit Tagen höre ich nur noch meine Playlist mit alten persischen Liedern – Songs aus der Schah-Zeit. Wahrscheinlich ist das eine Art Kompensation für die Trauer, die ich fühle: nicht zu wissen, wann dieses Land endlich befreit wird, nicht zu wissen, ob und wann ich meine zweite Heimat jemals wiedersehen werde.

Die Lieder der Größen des Landes geben mir Halt. Halt, den ich sonst nirgendwo finde. Sie lassen mich in den Erinneruingen schwelgen an die Besuche im Iran. Sie erinnern mich an die langen Autofahrten vom einen Ende Teherans zum anderen. An meine Großeltern, die sich immer liebevoll neckten. An den Geruch von Benzin, schwarzem Tee und Safran. An die brütend heiße Hitze im Sommer, wo das Leben erst nach Sonnenuntergang begann. An die Reisen ans Kaspische Meer. An so viel und noch so viel mehr.

Die Gesichter der Angst

Inmitten all dieser schönen Erinnerungen kommen auch die Gesichter zweier Männer hoch. Sie verfolgen einen, egal, wo man ist: Die Bilder von Khomeini und Khamenei hängen nahezu überall im öffentlichen Raum. Schon als Kind hatte ich Angst vor ihnen, ohne richtig zu wissen, warum. Ohne zu wissen, welch abscheuliche Taten sie vollbracht haben.

Einmal fragte ich meine Tante im Supermarkt laut, wer denn diese komischen alten Männer seien, die überall hingen. Blitzschnell wurde ich ermahnt, gefälligst den Mund zu halten. Man dürfe die Obersten nicht infrage stellen, vor allem, wenn man nicht zu Hause ist. Ich war sieben und zum ersten Mal verstand ich die Bedrohung, die vom Regime ausging.

Das Erbe der Schuld und der Wut

Und dann sind da diese Schuldgefühle, die mich immer wieder einholen. Wenn ich die Aufnahmen der Demonstrierenden sehe, die Videos, in denen sich Leichen türmen, dann trifft mich diese Schuld besonders. Das hätte auch ich sein können. Auch ich hätte dort liegen können, wenn meine Eltern nicht geflohen wären – wenn meine Eltern mir dieses Leben in Freiheit nicht ermöglicht hätten. Wenn meine Eltern mir nicht das große Geschenk zweier Heimaten gegeben hätten.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher als einen freien Iran – und doch fühle ich mich schlecht bei diesem Gedanken. Denn für mich würde es die Rückkehr an einen Sehnsuchtsort bedeuten. Es wäre die Möglichkeit, dort wieder Urlaub zu machen. Doch für so viele andere ist dieser Wunsch existenzieller. Mein Wunsch ist nicht vergleichbar mit dem Schmerz jener, die ihre einzige Heimat 1979 verloren und verließen, und erst recht nicht mit dem Leid derer, die dort noch immer gefangen sind und täglich um ihr Überleben kämpfen.

Dieser Schmerz wird noch greifbarer, wenn ich meine Eltern ansehe. Es schmerzt zu sehen, wie sie und ihre Generation immer wieder die gleichen Traumata durchleben müssen. Erst mussten sie ansehen, wie das eigene Land von Islamisten übernommen wurde, um dann anschließend acht Jahre lang Krieg gegen den Irak zu führen. Kaum eine iranische Familie hat keinen Verlust erlebt. Als die Hijab-Pflicht eingeführt wurde, hat meine Mutter geweint, monatelang nur geweint; sie trauerte um den Verlust ihrer Freiheit. Diese Trauer hält immer noch an, seit 47 Jahren.

Es ist genau diese Trauer meiner Eltern und die Verzweiflung der Menschen auf den Straßen, die sich in Wut entlädt. Eine Wut, die den Kampf gegen das islamische Regime so wichtig macht. Nicht für mein persönliches Privileg, sondern für die Gerechtigkeit derer, die alles verloren haben.

Früher war es die Angst vor den Gesichtern an der Wand, die einen lähmte. Heute ist es die Wut, die aufkommt: über die Stille in der Leitung, über die Stille im Internet und über die Gewissheit, dass es im Iran alles ist, nur nicht still. Als Menschen in der Diaspora sind wir laut, lauter denn je, und kämpfen mit unseren lauten Stimmen für die Menschen, die ihrer. Stimmen beraubt wurden. Eines ist klar: Es ist nichts mehr so, wie es einmal war. Und vor allem gibt es diesmal kein Zurück mehr.

Delara Moghaddam

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