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Die Philosophie und das Meer

Titelthema - Die Philosophie und das Meer
Renee Capozzola, Indonesien: An diesem Weichkorallenriff in Raja Ampat explodiert das Leben. Das Bild entstand vor einer der Hauptinseln des Archipels, Misool, die bekannt ist für ihre hohe Artenvielfalt und bunte Unterwasserwelt © Renee Capozzola

Auf der Oberfläche des Meeres spiegeln sich der blaue Himmel und die helle Sonne, aber seine Tiefen sind dunkel und unergründlich.

Gunter Scholtz01.07.2022

Was wir Philosophie nennen, entstand am Ufer des Meeres. Als erster Philosoph gilt Thales, der um 600 v. Chr. in Milet an der Küste Kleinasiens lebte. Während die heutige Geophysik Schwierigkeiten hat zu erklären, dass gut zwei Drittel des vormals glühenden Erdballs mit Wasser bedeckt sind, war für Thales das Wasser das Grundprinzip, aus dem alles entsteht und in das alles wieder zurücksinkt. War für ihn das Wasser noch kein chemischer Stoff, sondern ein lebendiges, produktives Element, so stimmt ihm die heutige Wissenschaft doch darin zu, dass alles Leben aus dem Wasser hervorging und auch wir, die Menschen, noch immer überwiegend aus Wasser bestehen.

Ein völlig neues Denken, so wurde behauptet, sei aber mit jener Philosophie nicht in die Welt getreten, da schon vorher im Mythos der mächtige Gott Okeanos eine ähnliche Stellung hatte. Er zeugte zahllose Kinder, Flüsse und Seen, Land und Leben, und sogar „Vater der Götter“ konnte er genannt werden. Der das Meer beherrschende Gott aber wurde dann Poseidon. Er galt als launisch und unberechenbar, als ebenso freundlich und gefällig wie gefährlich und grausam.

Die Zwiespältigkeit des Meeres

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Aimee Jan, Westaustralien: Eine grüne Schildkröte, umgeben von einem Glasfischschwarm. Der Fotografin gelang „das beste Foto meines Lebens“, wie sie selbst sagt, am Ningaloo-Riff, dem größten Saumriff der Welt, in etwa zehn Meter Tiefe © Aimee Jan/www.oceanaimee.com

Als das Denken die mythologische Hülle abgestreift hatte, sah man darin die Charakterzüge des Meeres. Für Platon war es vor allem eine Art Zuchtrute, mit der zum Beispiel die wohlhabenden Bewohner der Insel Atlantis für ihre moralische Korruption bestraft wurden, und er wollte keine Stadt am Ufer des Meeres errichtet wissen. Sein Schüler Aristoteles hingegen fand gerade die Insel Kreta am geeignetsten für ein griechisches Herrschaftszentrum, und er schätzte das Meer als bequemen Weg für den nützlichen Fernhandel. Die Seeleute waren für ihn so wichtig wie die Krieger, und das Meer war eine Schule für die Tugend der Tapferkeit. Berühmt wurden schon die Verse des Sophokles aus seiner Tragödie Antigone: „Vieles Gewalt’ge lebt und nichts / ist gewaltiger als der Mensch. / Er durchschneidet in Südens Sturm / auch die dunkele Flut des Meeres / hinschwebend zwischen den Wogen / auf ringsumbrauster Bahn.“ Die Zwiespältigkeit des Meeres spiegelt sich also im Verhalten zu ihm. Cicero beklagte, dass die Küstenbewohner „auf den Flügeln der Hoffnung“ in weite Fernen gelockt würden und die Pflichten in ihrer Heimat vergäßen, sodass Städte wie Korinth und Karthago schließlich untergingen. Und Lukrez riet sogar, alle Seefahrten zu unterlassen. Die Reste der zerborstenen Schiffe an den Küsten ermahnten, die „Macht und List und Tücke des treulosen Meers zu meiden / Und ihm nie zu vertrauen, auch wenn die spiegelnde Fläche / Noch so verräterisch lockt und die lächelnde Stille des Meeres“.

Ort des Grauens

Die antike „Theoria“, die denkende Betrachtung des Weltganzen, bemühte sich, einen Standpunkt über den Parteien einzunehmen. Im steten Wandel von Land und Meer, hervorgerufen durch Vulkane und Sturmfluten, sah man eine spannungsreiche Harmonie der Gegensätze, zu der auch versinkende Inseln und die Entstehung von neuem Land hinzugehören. Wie schon Platon, so waren später auch römische Philosophen der Stoa überzeugt, die ganze Menschheit werde von Zeit zu Zeit von Sintfluten vernichtet, damit durch diese Reinigung ein besseres Geschlecht entstehe. Das alles, so darf man interpretieren, waren Formen, die auch immer zerstörende Kraft des Meeres durch Einsicht in seine Notwendigkeit zu bewältigen.

Die zwiespältige Haltung zum Meer ging auch nicht verloren, als die ersten großen Denker des Christentums, die Kirchenväter, die Welt ein Kunstwerk Gottes nannten, denn man sah in dessen wunderbarer Schöpfung auch den Teufel wüten, im Meer in Gestalt von schrecklichen Seeungeheuern wie besonders dem Leviathan, dem Chaosdrachen. Auch die spätere Philosophie hat dieses angsterfüllte Verhältnis zum Meer als Ort des Grauens nicht vergessen. Wenn Schopenhauer im 19. Jahrhundert unser Leben mit einer Seereise erläutert, dann verbildlicht das wilde, unbändige Meer den „Weltwillen“, der mit seinen sinnlosen Produkten auch alles Leid und alle Zerstörung verursacht. Schopenhauers Weltwille ist der Teufel in säkularem Gewand, der Herr der ganzen Welt, und das beste Bild für ihn ist das gefährliche Meer, auf dem wir in unserer Scheinsicherheit herumschwimmen.

Das Gefühl des Erhabenen

Durch die Ambivalenz, die Zweiseitigkeit des Meeres, war es sehr geeignet, um mit ihm seelische Zustände und das Schicksal des Menschen anschaulich zu machen. Mit Blick auf seinen Charakter brachten die antiken Stoiker sowohl die Verderblichkeit einer aufgewühlten Seele in plastische Bilder als auch das ethische Ideal der Ataraxie, der Unerschütterlichkeit, der Seelenruhe, sodann aber auch die Unberechenbarkeit des Schicksals und den richtigen Umgang damit. Auch wenn die neueren Philosophen über das Meer schrieben – Nietzsche, Jaspers und Camus fühlten sich ihm eng verbunden –, dann war es immer seine Doppelseitigkeit, welche das Denken anregte und beschäftigte: Es kann Freiheit und Glück bieten – aber es droht auch mit dem Tod. Es ist das eindrücklichste Symbol des Unendlichen – aber das Unendliche kann nicht nur als großartig empfunden, sondern auch als beängstigend erfahren werden. Auf der Oberfläche des Meeres spiegeln sich der blaue Himmel und die helle Sonne, aber seine Tiefen sind dunkel und unergründlich. Die neueren Philosophen konnten deshalb mit ihrer Rede über das Meer ihre eigene Philosophie erläutern, ihre Einschätzung der menschlichen Existenz, ja des unergründlichen Lebens überhaupt. Es verrät den großen Abstand des Menschen zu sich selbst, die Fremdheit seines eigenen Inneren, wenn er sich auf den riesigen, tiefen Ozean bezieht, um seine eigene Seele und sein Leben sich verständlich zu machen.

Utopische Wunschstaaten

Fesselnd für die Betrachtung trotz aller Bedrohungen: Das war seit dem 18. Jahrhundert typisch für alle Erscheinungen, die ein Gefühl auslösten, das man das Gefühl des Erhabenen nannte. Es ist eine Gefühlsmischung, eine Art Angstlust. Schon gleich für den ersten Philosophen, der dem Schönen der Natur ihre Erhabenheit zur Seite stellte, für Edmund Burke, bot das Meer das überzeugendste Beispiel für die Entstehung von Erhabenheitsgefühlen, und fast alle ästhetischen Theorien der Folgezeit erörterten die faszinierende Verbindung von Schrecken und Bewunderung besonders an der Begegnung mit dem weiten und stürmischen Meer. Kant erklärte das zwiespältige Gefühl des Erhabenen, diese Angstlust, welche die stürmische See auslösen kann, durch unsere eigene Doppelheit: Als physische Wesen erfahren wir unsere Ohnmacht gegenüber der Natur, als Vernunftwesen aber werden wir gerade in der Bedrohung unserer Freiheit inne. Das schlechthin Große des Meeres erweckt in uns die „Idee der Unendlichkeit“.

Dieses Naturverhältnis verschwand aus der Philosophie in demselben Maße, wie durch Wissenschaft und Technik die Naturbeherrschung immer rascher zunahm. Indem die Seefahrer am Beginn der Neuzeit vormals unbekannte Kontinente und Kulturen entdeckt hatten, führte das für die alte Frage nach dem besten Staat zu neuen Gedankenexperimenten, den Sozialutopien. Utopische Wunschstaaten wurden im 17. und 18. Jahrhunderts zumeist auf ferne Inseln verlegt. Gleich die erste und berühmteste dieser Utopien, welche der ganzen Gattung den Namen gab, die Utopia von Thomas Morus, zeigt uns einen Inselstaat. Man konnte spielerisch die reale Existenz der erdachten Idealstaaten behaupten, indem man sie auf unbekannte Inseln im weiten Ozean versteckte und für unerreichbar erklärte. Inseln mussten es auch deshalb sein, damit sie wirklich ideal und vollkommen bleiben konnten, abgegrenzt vom schlechten Rest der Welt und ihren Einflüssen. Die Utopier des Thomas Morus rissen aus diesem Grund eine Landbrücke ab, die ihre Insel bis dahin mit dem Festland verbunden hatte.

Die Freiheit des Meeres

Die Bemächtigung des Meeres, die Herrschaft über das Meer, wurde im 17. Jahrhundert aber auch ein wichtiges Thema des philosophischen Naturrechts. Hier ging es nicht um zwei Seiten des Meeres, sondern um zwei Rechtsauffassungen: Die Frage war, ob das Meer Gemeineigentum der Menschheit sei oder ähnlich wie das Festland zum Eigentum von Staaten werden könne. Als die Spanier und Portugiesen beanspruchten, dass nur sie und niemand sonst den Seeweg zu den ostindischen Inseln nutzen dürfen, hat der holländische Jurist Hugo Grotius 1609 in einer Abhandlung über die Freiheit des Meeres temperamentvoll protestiert und rechtsphilosophisch das Unrecht dieser Forderung klargestellt: Das Meer kann nur als Gemeinbesitz der ganzen Menschheit gedacht werden. Es kann so wenig in Besitz genommen werden wie die Luft, das Licht und der Sternenhimmel. Gott hat es dazu bestimmt, die Völker durch den Seehandel zu friedlicher Kooperation zusammenzuführen, es ist das die Völker verbindende und die Menschheit einende Element, und das muss es auch bleiben. Grotius fand zwar auch Widerspruch, aber fast alle philosophischen Köpfe der Folgezeit stimmten ihm zu und nahmen nur Differenzierungen vor. Grotius gilt als Mitbegründer des heutigen Seerechts. Der ursprüngliche Sinn der Freiheit des Meeres, den Grotius deutlich machte, ist inzwischen eher noch aktueller geworden. Denn durch die neuen Formen der Nutzung – durch die Rohstoffgewinnung im Meer und den industrialisierten Fischfang – hat ein ganz neuer Kampf um Besitzrechte an den Meeresflächen eingesetzt.

Vielfalt in Einheit

Die Utopien nutzten die Möglichkeit des Meeres, Gesellschaften zu isolieren, Grotius aber sah es als Chance für weltweite Verbindungen. Auf diese beiden Möglichkeiten hat sich dann besonders eine philosophische Disziplin bezogen, welche die treibenden Kräfte und die wichtigsten Tendenzen im Gang der menschlichen Geschichte aufzeigen und begreiflich machen wollte, nämlich die im 18. Jahrhundert entstandene Geschichtsphilosophie. Herder und Hegel sahen durch die Verteilung von Land und Meer auf dem Erdball schon die wichtigsten Weichen für die Entwicklung der verschiedenen Zivilisationsformen gestellt, denn die Nähe des Meeres prägt das gesamte Leben der Menschen, ihr Denken und Handeln. Beide Philosophen rückten zuerst das Mittelmeer ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, da sich hier sehr verschiedene Ethnien und Traditionen begegneten, woraus die kulturelle Basis Europas erwuchs.

Die Vielfalt der Natur rund um das Mittelmeer mit ihrer Mischung aus Inseln, Wasser und Landzungen in Verbindung mit den verschiedenen Einflüssen der zugewanderten Volksstämme hat für Herder auch den Gedanken der Humanität begünstigt, also das richtige Verhältnis von Einheit und Vielfalt, von allgemeinen Moralprinzipien und individuellen Lebensformen: Die geografische Formation des Mittelmeerraumes zeichnete für ihn diese Vielfalt in der Einheit vor. Für Hegel war durch die Natur des Mittelmeerraumes ein sehr wichtiger Schritt der Freiheitsentwicklung der Menschheit möglich geworden, und er nannte dieses Meer sogar „das Herz der Alten Welt“, ohne welches die gesamte Weltgeschichte nicht verständlich zu machen sei – traf sich doch, wie er ausführt, an diesem Meer fast die ganze Alte Welt, nämlich die drei Kontinente Europa, Asien und Afrika, in denen die für das geistige Leben wichtigsten Städte lagen: Jerusalem, Athen, Rom, Alexandrien, Mekka und so weiter. Die moderne Geschichtswissenschaft hat die Bedeutung des Mittelmeeres für Europa und die gesamte Kulturentwicklung bestätigt. Aber Herders und Hegels Optimismus eines weiteren Fortschritts zu Freiheit und Humanität hat sie aufgeben müssen.

Gunter Scholtz
Gunter Scholtz war bis zur Pensionierung Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Publikationen gelten der Theorie der Geisteswissenschaften sowie der Geschichts-, Religions- und Kunstphilosophie.