Beruf & Branche - Das unsichtbare Kapital

© Chad Shaffer / ImageZoo / Corbis

14.03.2014

Beruf & Branche

Das unsichtbare Kapital

Wolf-Michael Schmid

Über falsche Vorstellungen von der Wirtschaft – und Maßstäbe für eine vorbildliche Unternehmenskultur

Viele unter uns haben ein diffuses Bild von dem, was gemeinhin als „Wirtschaft“ bezeichnet wird. Sie sehen sich auf der einen Seite unserer Gesellschaft und die Wirtschaft auf der anderen Seite. Doch eine solche Polarisierung ist unzulässig und sinnlos. Wir alle sind, ob wir es wollen oder nicht, Teil der Wirtschaft: als Arbeitnehmer, als Arbeitgeber und als Konsumenten. Wir wirtschaften ständig, jeder von uns, und müssen mit unserem Geld wirtschaftlich umgehen.

Wenn allgemein von „der Wirtschaft“ in unserem Land gesprochen wird, so sind damit in den meisten Fällen Unternehmen gemeint, in denen Güter produziert oder Dienstleistungen bereitgestellt werden. Die Unternehmenslandschaft in Deutschland wird häufig mit großen Unternehmen gleichgestellt, dabei zeichnet sich unser Land vor allem durch einen breiten Mittelstand aus. 95 Prozent aller Firmen sind sogenannte Familienunternehmen mit häufiger Deckungsgleichheit von Eigentum und Unternehmensführung. Der Charme unserer Innenstädte wird in hohem Maße durch kleinere inhaber­geführte Geschäfte bestimmt.

Es ist besorgniserregend, dass in den letzten Jahren in Deutschland die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems der Sozialen Marktwirtschaft deutlich abgenommen hat. Dabei gibt es Arbeit, Ausbildung und soziale Sicherung; die Menschen fahren in den Urlaub, kaufen Bioprodukte, beziehen regenerativen Strom und bekommen das Wissen der Welt auf ihren PC – und dennoch zweifeln immer mehr an unserem Wirtschaftssystem.

Verzerrte Sichtweisen
Ist diese Unzufriedenheit den aktuellen Krisen geschuldet? Oder ist sie auch ein Ergebnis der Wirtschaftsberichterstattung in den Medien? Hier wird das Bild umso negativer, je weiter sich Journalisten vom betrieblichen Alltag entfernen. Andererseits wird die Darstellung deutlich positiver, wenn sich Journalisten tiefergehender und unvoreingenommen mit den Sorgen und Nöten eines Unternehmens befassen. Und ebenso, wie man nicht pauschal von „der Wirtschaft“ reden kann, sollte man auch nicht von „den Medien“ sprechen. Doch kommen vier von fünf Studien zu dem Schluss, dass Medien die Realität negativer darstellen als sie ist. Dies gilt auch für die Fernsehunterhaltung, die aufgrund ihrer Reichweite besonders meinungsprägend ist.

Sicher: Der gesellschaftliche Wert wachsamer Medien ist nicht hoch genug einzuschätzen. Doch kann man in Deutschland das Verhältnis zwischen kritischen und anerkennenden Beiträgen hinterfragen. Das Thema Wirtschaft wird in den Medien vor allem als bedrohliche Größe wahrgenommen. Die Vorstellungen von Wirtschaft scheinen eine überscharfe Wachsamkeit nahezulegen, die Misstrauen fördert und Opposition hervorbringen kann. Doch werden dabei häufig wenige Skandale und Unzulänglichkeiten bei großen ebenso wie bei kleineren Unternehmen verallgemeinert und „die Wirtschaft“ pauschal an den Pranger stellt.

Eine Entfernung von der Realität gibt es vor allem in Unterhaltungssendungen, zum Beispiel bei Kriminalfilmen: Manager, Unternehmer und Freiberufler werden dort oftmals als erfolgs- und geltungssüchtige Typen dargestellt, die für ihre Ziele das Recht überschreiten und die Menschenwürde ihres Umfeldes missachten. In den einzelnen Plots entdecken Medienforscher unrealistische, überkommene Vorstellungen von Wirtschaft – mit vorherrschendem Effizienzdruck und emotionaler Kälte. Arbeitsplätze in der Wirtschaft sind elegant und kühl, während Behörden als Orte der Wärme und Solidarität dargestellt werden.

Natürlich gibt es Fehlentwicklungen in der Wirtschaft und Fehlentscheidungen zu Lasten vieler Menschen. Aber dies ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Wir leben in Deutschland in einer Phase des Wohlstandes, um den uns die Mehrheit der Menschen auf unserem Planeten beneidet. Zudem hat gerade in den letzten Jahren der Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“ in der Wirtschaft wieder sehr stark an Bedeutung gewonnen. Und das Thema „Wirtschaftsethik“ ist in den einschlägigen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten unserer Hochschulen sowie auch in der Literatur derzeit so stark wie nie zuvor verbreitet.

Verlässliche Maßstäbe
Unter dem Eindruck der nach wie vor nicht bewältigten Finanzkrise mag sich mancher Zeitgenosse fragen, ob ethische und moralische Grundsätze heute wirklich noch ein Erfolgsrezept für die Wirtschaft sind. Und manch einer mag denken: für mich nicht. Moralfrei und vielleicht sogar skrupellos zu handeln bietet scheinbar größere Chancen und bringt schnelleren Erfolg. Dies mag zutreffend sein, wenn man es beim ersten flüchtigen Blick belässt. Die nähere Analyse zeigt jedoch, wer langfristig erfolgreich sein möchte, der handelt ehrbar. Vielleicht nicht zwingend in erster Linie, weil er moralisch oder selbstlos ist, sondern weil er langfristig im Geschäft bleiben möchte.

Wie aber können ethische Grundsätze für die Wirtschaft präzisiert werden? Eine erstaunliche, aber durchaus verlässliche Orientierung auch für das Verhalten in der Wirtschaft bieten die „Zehn Gebote“ aus der Bibel. Ein Buch des Spiegel-Journalisten Mathias Schreiber aus dem Jahr 2012 trägt sogar den Titel: „Die Zehn Gebote. Eine Ethik für heute“. Als wesentliche Elemente eines Verhaltenskodex der Wirtschaft können das siebte und das achte Gebot gelten: „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ in den Formulierungen von Martin Luther. Wenn man die Komponente des häufig anzutreffenden Neides hinzunimmt, kann auch das zehnte Gebot einbezogen werden: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut!“ Hierin wird auch ein „Habgier-Verbot“ gesehen: Es geht dabei um Neid, Besitz- und Gewinnsucht, die sich als unrechte Handlungen gegen Personen und Sachen, Haus und Besitz des Nächsten richten. Dazu gehören aber auch übertriebener Geiz, unmäßiger Geltungsdrang und hassende Missgunst. Für den Einzelhandel sollte auch das dritte Gebot starke Beachtung finden: „Du sollst den Feiertag heiligen“ mahnt uns zur Zurückhaltung bei Sonntagsöffnungen im Handel.

Die Generalnormen ethischen Verhaltens, die sich in den „Zehn Geboten“ widerspiegeln, sind gerade deswegen so bedeutungsvoll, weil die in unserem Land geltenden, sehr detaillierten Gesetzesregeln und Verordnungen inzwischen ein Ausmaß angenommen haben, das es nur schwer möglich macht, sich immer streng juristisch gesetzestreu zu verhalten. Der Autor Jürgen Schmieder hat dies einmal über einen Zeitraum von einem Jahr versucht – hieraus ist ein Buch entstanden mit dem bemerkenswerten Titel „Mit einem Bein im Knast“: Mehr als 500.000 Gesetze und Verordnungen regeln den Alltag in unserem hoffnungslos überregulierten Land. Die Regeln der Zehn Gebote sind dagegen so klar und deutlich, dass sie auch heute noch als wesentliche Eckpfeiler eines ethischen Verhaltens gelten, die auch mit dem Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“ umschrieben werden.

Das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns beinhaltet noch einen weiteren wichtigen Punkt, und zwar das gegenseitige Vertrauen. Wirtschaft ist überhaupt nur möglich, oder in jedem Fall deutlich einfacher möglich, wenn Geschäftspartner sich aufeinander verlassen können. Für jeden ehrbaren Kaufmann ist dieses Vertrauen auch heute noch eines seiner wichtigsten Güter. Man braucht Jahrzehnte, um eine gute Reputation aufzubauen, und fünf Minuten, um sie zu ruinieren. Verluste können mit guten Geschäften schnell wieder ausgeglichen werden. Die Wiederherstellung einmal verlorengegangenen Vertrauens ist dagegen ungleich schwieriger, wenn nicht gar unmöglich.

Der Wert des Vertrauens
Eine Besinnung auf Ethik und Werte ist auch bei jungen Menschen derzeit hochaktuell. Absolventen der Harvard Business School legen seit einigen Jahren einen Geschäfts-Eid für MBA-Absolventen ab. In diesem Eid heißt es übersetzt wörtlich: „Ich werde stets mit der größtmöglichen Integrität handeln und meiner Arbeit in einer ethischen Weise nachgehen.“ Dieser Eid wurde inzwischen mehr als 4.000 Mal unterzeichnet und die Überwachung der Einhaltung dieses Eides übernehmen die MBA-Absolventen aus Harvard selbst in Form einer Rechenschaftspflicht.

Götz Werner, Gründer und Unternehmensleiter der Drogeriekette „dm“ führte vor einigen Jahren in einem Handelsblatt-Artikel aus: „Für mich ist ein Chef wie ein Gärtner – er muss für sein Saatgut optimale Bedingungen schaffen. Ein erfolgreiches Unternehmen ist eine Plattform, auf der Menschen ihre Talente zum Wohl des Unternehmens entfalten. Um Kreativität, Eigeninitiative und Verantwortung zu wecken, muss eine Atmosphäre von Respekt, Vertrauen und Wertschätzung herrschen.“
Jeder Unternehmer muss immer wieder Vertrauen säen, um zuverlässige Kontakte zu Kunden und Lieferanten zu halten und um neue Mitarbeiter zu gewinnen – und für das unternehmerische Handeln zu begeistern.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2014

Wolf-Michael Schmid
Dr. Wolf-Michael Schmid (RC Helmstedt) ist Unternehmer und Präsident der IHK Braunschweig sowie Mitglied des Herausgeberkreises des Rotary Magazins. www.rotarymagazin.de

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