17.09.2012

Autochtone Rebsorten

Echt – aber auch besser?

Ferdinand Regner

Dem wahren Weingenießer stellen sich vielleicht die Nackenhaare auf, wenn er mit dieser sperrigen Bezeichnung konfrontiert wird. Wird es schon wieder Veränderungen am Weinmarkt geben? Ist vielleicht sogar der Lieblingswein davon betroffen? Oder ist dieser Ausdruck ohnehin nur ein weiteres marketinggerechtes Werkzeug? Vorweg: Es klingt komplizierter, als es tatsächlich ist.

Autochthone Rebsorten sind jene Sorten, die sich in einem bestimmten Gebiet entwickelt haben und dort über lange Zeit kultiviert wurden. Sie stehen in Konkurrenz mit importierten meist internationalen Sorten und Neuzüchtungen. Da Regionalität zu beachten heute im Trend liegt, könnte die Steigerungsstufe lauten – autochthone Weine zu trinken. Folglich gibt es für die unterschiedlichen Weinbaugebiete und Regionen auch unterschiedliche autochthone Sorten. Die Frage wird erst dann kompliziert, wenn man die Abgrenzungen vornehmen möchte. So könnte man sicherlich streiten, ob denn der Riesling für ganz Mitteleuropa, nur für Deutschland oder gar nur für den Rheingau als autochthone Sorte gelten kann. Das wird umso schwieriger zu entscheiden, je älter und unklarer die Herkunft einer Sorte ist. Folglich kann man autochthone Rebsorten von anderen nur unterscheiden, wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte von Rebsorten beschäftigt hat. Auch zu bedenken wäre, dass es nach seriösen Schätzungen über 20.000 Rebsorten weltweit gibt. Wer sollte da den Überblick behalten, wo, welche Rebsorte als Quelle für autochthone Weine legitim ist? Um beurteilen zu können, ob tatsächlich autochthoner Wein vorliegt, sollte man einen kurzen Blick auf die Entstehung der Sortenvielfalt werfen und die Herkunft der Sorten eruieren.

Sortenentwicklung

Die traditionellen Rebsorten, die heute im Weinbau verwendet werden, entstammen alle mehr oder minder einem züchterischen Prozess, der sich über Jahrhunderte hinstreckte. Bei strenger Auffassung entsprechen nur sie den autochthonen Sorten und da auch nur für ihr Entstehungsgebiet. Generationen von Winzern haben beigetragen, diese Sorten zu schaffen. Für die Entwicklung der heutigen Rebsorten sind drei essentielle Entwicklungsschritte auszumachen. Der ursprünglichste Vorgang jeder Rebsorte (oder Sortenfamilie) ist jener Schritt, bei dem Wildreben aus den Wäldern ausselektiert wurden, um sie in Weingärten anzupflanzen. Die Vielfalt an Kultur-Rebsorten beruht auch auf diesen zahlreich stattfindenden Domestizierungen und ihrer Weiterentwicklung. Die so gewonnenen Reben ließen aber Wünsche in Hinblick auf Ertrag und Qualität offen. Folglich entstand der heutige Sortenpool vorwiegend auf Grund von zwei weiteren wesentlichen Züchtungsschritten, die auf die ursprünglich natürlichen Sorten einwirkten. Einerseits konnten wir auf Grund von Genanalysen feststellen, dass die Einkreuzung von „Fränkischen“ Sorten die Qualität steigern konnte, während „Heunische“ Genetik die Vitalität und Fruchtbarkeit positiv beeinflusst hat. Beide Sorten sind höchstwahrscheinlich keine mitteleuropäischen, und folglich wären sie nicht als autochthon definierbar. Das wirklich Erstaunliche ist, dass viele der besten Rebsorten eine Synthese aus beiden Genpools darstellen. Oftmals sind sie sogar direkte Kreuzungsprodukte zwischen Fränkischen und Heunischen Sorten.

Was für Deutschland der Riesling, der Ortlieber und vielleicht auch der Elbling darstellen, ist für den österreichischen Weinbau zweifelsfrei die Veltliner Familie. Allerdings waren früher eher der Rote Veltliner und seine Mutanten (Brauner Veltliner, Silberweißer usw.) und Auskreuzungen wie Neuburger, Rotgipfler und Zierfandler von Interesse, während beginnend im 20. Jahrhundert sich der Grüne Veltliner immer mehr durchsetzte. Sie alle könnten in Österreich als autochthone Rebsorten vermarktet werden.

Schwierigkeiten mit der Zuordnung

Die Rebsorten haben sich in der Vergangenheit immer wieder verändert und sind auch ein Spiegelbild einer Epoche in Hinblick auf Geschmackswünsche, den Produktionsmöglichkeiten und der technischen Entwicklung. Das Sortiment wurde vor allem durch Sorten aus anderen Gegenden ergänzt. Diese Sorten werden heute zum Teil als autochthon betrachtet, obwohl sie es gar nicht sind. Für die Steiermark wurden z.B. die Burgundersorten und Riesling von Erzherzog Johann ins Land geholt. Den Blauen Portugieser hat Freiherr von Fries aus Porto mitgebracht usw. Für Deutschland wurden zwar der Heunisch, der Orleans, die Augster Sorten, Honigler, Malinger, Blauer Scheuchner und viele andere Sorten als historische Sorten erkannt. Jedoch sind sie ursprünglich nach Deutschland eingeführt worden und folglich keine autochthonen Rebsorten. 

Der Ursprung einer Sorte wird heute bei Fehlen einer historischen Nennung jener Region zugeordnet, in der davon am meisten kultiviert wird. Dass dies nicht selten zu Fehlern führt, liegt auf der Hand. Bei der Sorte Sankt Laurent z.B. wird zwar heute die größte Fläche in der Tschechei registriert, aber entwickelt wurde die Sorte vom Chorherrnstift in Klosterneuburg vermutlich unter dem Namen Laurenzitraube. Folglich könnte man zwar Sankt Laurent in Österreich als autochthone Sorte bewerben, aber nicht in Tschechien oder Deutschland. Viele sehr alte Sorten (z.B. Mehlweiß, Beerheller, Kanigl grün, Kauka blau usw.) sind von ihrer Herkunft nicht mehr zuordenbar, was bedeuten könnte, dass sie automatisch als autochthon gelten, dort wo  noch die letzten Exemplare gefunden wurden.

Das vorrangige Interesse der Weinbranche an diesen Sorten gilt üblicherweise der geschmacklichen Dimension der daraus erzeugten Weine. Mit einer größeren Produktvielfalt lässt es sich auch besser vermarkten. Jedoch ist schon sehr häufig zu erkennen, dass Rebsorten, die im Verschwinden begriffen sind, meistens auch Mängel aufweisen, z.B. vom Geschmacksbild, welches nicht immer zufriedenstellend ist. Üblicherweise dominiert die Säure, manchmal ist zumindest ein Fruchtaroma erkennbar, aber meistens fehlt der Extrakt. Als Beispiele könnte man den Weißen Kadarka und den Grünling nennen. Weine, die den heutigen Qualitätsanforderungen entsprechen, findet man bei den alten, vergessenen Sorten eher selten.

Für einige wenige Sorten aus dem Pool der autochthonen Sorten ergibt sich die günstige Situation, dass sie für einen historischen Wein stehen. So konnte in Kärnten ein spezieller Wildbacher Typ gefunden werden, der den historischen Sittersdorfer Rötel (Rosewein) ergab. Nach diesem historischen Vorbild werden zukünftig wieder Weine wie anno dazumal angeboten werden.

Autochthone Rebsorten sind die Antwort auf die Globalisierung der Weinmärkte und der damit verbundenen Gleichmacherei. Es gibt heute einige internationale Rebsorten, die ständig auf Kosten alter autochthoner Rebsorten an Fläche zulegen. Zu diesen Sorten gehören Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot, Sauvignon blanc usw. Leider passiert gerade auch dem Grünen Veltliner eine internationale Ausweitung. Insbesondere in den USA wird jetzt vermehrt diese Sorte gepflanzt. Damit verliert die Sorte den Nimbus des typisch Österreichischen, auch wenn sie dort weiterhin autochthon bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass er in Übersee dann doch eine andere Weintypizität erhält und diese für Österreich autochthone Sorte auch ein autochthones Geschmacksbild bewahren kann.

Fazit: Autochthone Weine stammen von heimischen traditionellen Rebsorten ab, sie können sehr prominent sein – wie an den Beispielen Riesling für Deutschland und Grüner Veltliner für Österreich gezeigt wurde. Generell alte, seltene Sorten als autochthon zu bezeichnen entspricht einer groben Verallgemeinerung und birgt jede Menge Unwahrheit, wird aber marketingwirksam eingesetzt. Wer vernünftig Wein einkaufen möchte, sollte zuerst die Qualität und Regionalität beachten und wenn dann noch Spielraum bei der Auswahl bleibt, dann kann man sein Gewissen auch noch mit der autochthonen Rebsorte beruhigen.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2012

Ferdinand Regner
HR Dipl.-Ing. Dr. Ferdinand Regner ist Lehrer für Weinbau und Leiter der Abteilung Rebenzüchtung am Lehr- und Forschungszentrum Klosterneuburg. www.weinobst.at

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