14.09.2012

Eine kleine Geschichte des deutschen Weins

Unter den Linden

Daniel Deckers

Berlin, Hotel Adlon, Unter den Linden 1. Man schreibt das Jahr 1917. Drei Jahre schon dauert der Krieg, aber die Fronten sind fern. Der adelige, großbürgerliche oder auch fremdländische Gast hat die Qual der Wahl, wie immer. Die auf schwerem, chamoisfarbenem Papier gedruckte Weinkarte offeriert mehr als zweihundertfünfzig Stillweine, dazu deutsche Schaumweine, französische Champagner sowie Dessertweine zu Dutzenden. Die Namen der Grand Crus aus dem Bordelais und der Prémiers Crus aus Burgund wiegen schwer, die Fülle der Jahrgänge ist überwältigend, die Preise sind es auch. Ein Chateau Rauzan Ségla des Jahrgangs 1878, wie ihn der Kaiser bei diversen Mittags- und Abendtafeln goutiert, für 35 Goldmark – warum nicht? 30 Goldmark für einen Richebourg aus dem Jahrgang 1898 – Luxus hatte schon immer seinen Preis.

Doch vor dem „Grand Guerre“ wurden nicht nur französische Weine in Gold aufgewogen. In Berlin wie auch in Wien, Hamburg oder Prag, ja selbst in London waren Weißweine aus Deutschland kaum weniger begehrt. 25 Goldmark für einen Scharzhofberger des Jahrgangs 1915 von Egon Müller, 30 für einen Steinberger Cabinet 1884 aus der Königlich Preußischen Domäne? Wenn es ein Riesling war, dieser von den Ufern des Rheins oder der Mosel und ihrer Nebenflüsse stammte und als naturreine „Originalabfüllung“ die Keller renommierter Weingüter verlassen hatte, konnte jeder „Edelwein“ aus Deutschland neben den besten Crus aus Frankreich bestehen.

Ende der alten Weinwelt

1918 fiel diese schönste aller Weinwelten unwiederbringlich in Trümmer. Das Empire, einst bis Indien der wichtigste Abnehmer ehrwürdiger „Hocks“ (Rheinweine) und fruchtig-rassiger „Moselles“, stand im Feindeslager, in Russland wütete die bolschewistische Revolution, Amerika suchte sein Heil in der Prohibition. Die Deutschen waren auf sich selbst zurückgeworfen, ohne im Wein und im Weinbau Trost finden zu können. Der Krieg und die politischen und wirtschaftlichen Wirren der Nachkriegsjahre hatten es der Reblaus ermöglicht, ihren Vernichtungszug nahezu ungehindert fortzusetzen und ganze Weinbaugebiete zu bedrohen. Andere tierische und pflanzliche Schädlinge taten ein übriges. Die Bekämpfung der Reblaus und die Entwicklung von Schädlingsbekämpfungsmitteln wurden zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Auf dem Spiel standen nicht nur jahrhundertealte Kulturlandschaften. Es ging um die Existenzgrundlage von mehr als einer Million Menschen.

Doch auf den Jahrhundertjahrgang 1921 folgte für zehn Jahre eine Missernte auf die andere. Nicht nur der spät reifende Riesling brachte kaum noch Ertrag und ließ Weingutsbesitzer und Weinhändler leer ausgehen. Auch die in die Hunderttausende gehende Zahl von Weinbauern von Baden und Württemberg im Süden über Franken im Osten und der Pfalz im Westen, die auf ihren kleinen und kleinsten, mehr schlecht als recht gepflegten Parzellen ausharrten, litten nie da gewesene Winzernot. 1926 gab der Reichsausschuss für Weinpropaganda die Devise aus: „Trinkt Deutschen Wein“. Das war leichter gesagt als getan. Doch der robuste Silvaner machte seinem Ruf als Brot-und-Butter-Rebe von Franken und Rheinhessen bis hinauf an Nahe und Rhein alle Ehre. Wer sich in Württemberg mehr leisten konnte als Most, der trank blassroten Trollinger, den der Wirt vom Fass verzapfte. Doch nicht nur in Baden waren viele Weinberge mit einem Durcheinander an Rebsorten bestockt, sodass die meisten Weine nicht der Rede wert waren.

Mit Hitler kam das gute Wetter, wie man sich in manchen Weinorten noch heute erzählt. Der 1933er war nicht schlecht, der 1934er einer der besten Jahrgänge der zurückliegenden Jahrzehnte, der 1937er schlug alle Rekorde. Zugleich machten die Nazis aus wirtschaftspolitischen und strategischen Gründen mit allem Ernst, was dem deutschen Weinbau wieder zu nationaler Größe und weltweitem Ansehen hätte verhelfen können: Flurbereinigung; Beschränkung der Rebflächen auf gute und sehr gute Lagen; ein erstes, unter Qualitäts- wie Quantitätsaspekten zusammengestelltes Reichsrebsortiment, in dem die ertragssichere Müller-Thurgau-Rebe erstmals eine Hauptrolle spielte; nicht zu vergessen eine Exportkontrolle zur Verhinderung der Ausfuhr minderwertiger Weine. Dass 1933 mehr als 60 Prozent des in Deutschland gehandelten Weines durch jüdische Hände gingen, nahmen die Nazis notgedrungen hin. Auch der „Verband deutscher Naturweinversteigerer“ (VDNV; heute VDP) wurde nicht aufgelöst, sondern dem Reichsnährstand nur angegliedert.

Die Rieslinge vom Rhein und von der Mosel samt ihren namhaften Produzenten waren wieder Gold wert – als Devisenbringer. Weil aber auch sie Devisenbringer waren, ließen die Nazis die jüdischen Weinexporteure ihre Arbeit tun. Erst 1938 hatten sie ihre Schuldigkeit getan. Wer in Ahnung des Kommenden noch nicht emigriert war, der suchte jetzt das Weite. Wer bleiben wollte oder bleiben musste, darunter die meisten der vielen jüdischen Weinkommissionäre, der war dem Tod geweiht. Doch Antisemitismus war noch nie ein rein deutsches Phänomen. Eine Woche vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lobte der Präsident des in Paris ansässigen Internationalen Weinbauamtes, ein Franzose, die deutsche Weinbaupolitik mit den Worten, kein Staat der Welt habe sich so um den Weinbau verdient gemacht wie der deutsche. Die Nazis waren begeistert.

Schwieriger Neuanfang

1945 schlug für den Weinbau zum zweiten Mal binnen dreier Jahrzehnte die Stunde null. Doch wie nach dem Ersten Weltkrieg, so knüpfte man im Weinbau auch nach dem Zweiten an die letzte Friedenszeit an. Was sollten die meisten auch anderes machen, war doch fast die Hälfte der Weinberge zu nichts anderem gut als zur Kultur von Reben? Dem Wirtschaftswunder entsprach bald ein Weinbauwunder, wenn auch mit der für die landwirtschaftliche Spezialkultur Weinbau typischen zeitlichen Verzögerung. Es braucht eben nicht Monate, um eine Parzelle zu roden und wieder in Ertrag zu bringen, sondern Jahre. Mit um so größerer Energie wurden vom Bodensee bis an die Mosel Rebflächen flurbereinigt und im Geist der Zeit zielsicher mit den besten, da auf Massenertrag selektionierten Pflanzen bestockt. Während Müller-Thurgau und Silvaner ihre Sternstunden erlebten, arbeiteten Rebenzüchter schon an der nächsten Rebengeneration.

Die Schädlingsbekämpfung hatten die Winzer dank des Zusammenwirkens von Forschung und Industrie mehr oder weniger im Griff. Die Anwendung moderner Filtrierverfahren ermöglichte es, immer mehr Weine süß zu halten oder dank legalem Zuckerzusatz nebst manch illegalen Tricks mundgerecht zu liefern, was die mittlerweile an Coca-Cola gewöhnte Masse verlangte. Nun galt es, den letzten Feind zu besiegen: die an der nördlichen Weinbaugrenze um den 51. Breitengrad herum unvermeidlichen Unbilden der Witterung, allen voran die häufigen Früh- und Spätfröste sowie den Mangel an Sonnenstunden. Die Hoffnungen einer ganzen Generation von Weinbauern ruhten auf frühreifen, wohlriechenden und noch ertragreicheren Neuzüchtungen. Bis auf den roten „Dornfelder“ sind die meisten längst vergessen. Dornfelder war aber nur deswegen gezüchtet worden, um ausländische Rotweine als sogenannte Deckrotweine zwecks farblicher Aufhübschung blasser deutscher Spätburgunder, Portugieser oder Trollinger überflüssig zu machen.

Was die Stunde geschlagen hatte, hielt das bis heute gültige Weingesetz des Jahres 1971 fest: Weil sich Weine in großtechnischem Maßstab noch leichter herstellen ließen, wurde das in Oechsle gemessene Mostgewicht zum Maß aller Prädikatsweine vom Kabinett bis zur Auslese. An die Stelle der Qualitätsgarantie durch Herkunft trat die geprüfte Qualität im Glas. Wer sich unter diesen Umständen noch in Steil- und Terrassenlagen abmühte, an das umgekehrt proportionale Verhältnis von Menge und Güte glaubte und auf Traditionsrebsorten setzte, war entweder ein unverbesserlicher Traditionalist wie so manch ein Moselaner oder Rheingauer, oder wollte von ganz außen (wie die Südpfalz und Rheinhessen) oder von ganz unten (wie Helmut Dönnhoff an der Nahe oder Reinhard Löwenstein an der Terrassenmosel) nach ganz oben.

Das Pendel schlug erst spät zurück. Während die österreichische Wirtschaft sich nach dem Glykolskandal des Jahres 1985 kollektiv neu erfand, probten in der Bundesrepublik nur kleine Gruppen den Aufstand gegen „süß und billig“. Hades in Württemberg, Charta im Rheingau, der VDP unter Führung von Michael Prinz zu Salm-Salm, seriöse und weniger seriöse Weinkritiker, die Internationalisierung der Weinwelt, nach 1989 ein guter Jahrgang nach dem anderen – viele Faktoren wirkten in den vergangenen zwei Dekaden zusammen, um den Weinbau in Deutschland zu reanimieren und zu einem Kulturfaktor ersten Ranges werden zu lassen.
In allen Regionen von Südbaden bis zur Saale und von der Ahr bis an die Elbe werden mittlerweile so viel gute und sehr gute Weine erzeugt wie noch nie. Mehr noch: Spätburgunder aus Baden, der Pfalz und von der Ahr können mit jedem Rotwein dieser Welt mithalten, Lemberger (Blaufränkisch) aus Württemberg geht in Blindproben als erstklassiger Rhonewein durch, trockene Silvaner aus Franken und von der Saale machen zusammen mit trockenen Rieslingen aus dem Rheingau und der Pfalz als Essensbegleiter Furore, Moselwein ist nicht nur in London und New York (wieder) Kult.

Auch in Berlin, Hotel Adlon, Unter den Linden 77. Wie gut, dass eine Flasche Scharzhofberger nicht 12.000 Euro kostet wie ein La Romanée Conti Grand Cru des Jahrgangs 2005 oder 1200 Euro wie ein 1995er Chateau Lafite Rothschild. Eine 2004er Scharzhofberger Spätlese ist für „nur“ 198 Euro zu haben, eine halbe Flasche 1998er Kiedricher Gräfenberg Auslese Goldkapsel aus dem Weingut Robert Weil für vergleichsweise bescheidene 380 Euro. Vergleichsweise … 

Erschienen in Rotary Magazin 9/2012

Daniel Deckers

Dr. Daniel Deckers ist Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Im Zeichen des Trauben-Adlers. Eine Geschichte des deutschen Weins“ (Zabern 2010).

www.zabern.de

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