01.01.2017

Titelthema: Wald 

„Wir werden letztlich für das Erreichte bestraft“

René Nehring

Fragen an Philipp Freiherr von und zu Guttenberg und Philipp ­Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Über die Sorgen und Nöte privater Waldbesitzer und der Forstwirtschaft, die geplanten Nutzungsbeschränkungen für Waldflächen und alternative Erlösmodelle.

Herr zu Guttenberg, Herr Heereman, wie sind Sie beide zum Thema Wald gekommen?
Guttenberg: Ich wurde im Grunde in einen Wald hinein geboren und bin dort auf­gewachsen. Und da meine Familie seit vielen Generationen nicht nur im Wald lebt, sondern auch vom Wald, habe ich von klein auf gelernt, dass der Wald nicht nur einen großen Erholungsfaktor besitzt, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist.

Heereman: Bei mir war die Situation vergleichbar. Der Wald war für mich immer ein normales Stück Heimat. Bei uns im Münsterland dominiert allerdings die Landwirtschaft, und das Interesse gilt eher der Getreideernte als den Holzpreisen. Über die Agrarpolitik und das Thema Eigentum bin ich dann auf den Wald als wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe gestoßen. Hier greifen viele Themen ineinander, die auch unser Eigentum berühren.
    
Zum Beispiel?
Heereman: Zum Beispiel die Frage der Flächenstilllegung. Das Thema gab es bereits in den achtziger Jahren in der Landwirtschaft, damals mit großen Interventionen, Ausgleichsgeldern und Programmen, die dann alle gescheitert sind. Nun ist es das Ziel der Politik, große Teile der Waldflächen stillzulegen. Allerdings soll es dafür keine Programme geben. Es wird einfach gesagt, das tut dem Wald und der Natur gut, Ende. Das ist ein Eingriff in das Eigentum und damit unser Thema als Sprecher der Waldbesitzerverbände. Seit 2007 gibt es in Deutschland die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“, in der ein Kernsatz lautet: „2020 beträgt der Flä­chen­anteil der Wälder mit natürlicher Wald­entwicklung fünf Prozent der Waldfläche.“ Mittlerweile spricht man von zehn Prozent und zusätzlich von zwei Prozent Wildnis. Das sind Größenordnungen, bei denen wir echte Probleme bekommen.

„Natürliche Waldentwicklung“ klingt erst einmal nicht schlecht. Was stört Sie daran?
Guttenberg: Zum einen wird hier von der Politik das dreihundert Jahre alte Erfolgsmodell der multifunktionalen und nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes in Abrede gestellt. Stattdessen wird ein segregativer Ansatz wie in den USA verfolgt, wo klar getrennt wird zwischen den Nationalparks auf der einen Seite und den „Kiefernfabriken“ oder „Fichtenfabriken“ auf der anderen. Wir haben hier immer einen integrativen Ansatz gehabt, bei dem auf derselben Fläche alle Funktionen umgesetzt werden.

Welche Folgen hätte die Umsetzung der Biodiversitätsstrategie?
Guttenberg: Auf der ökonomischen Seite entgehen der Wertschöpfungskette rund vier Milliarden Euro im Jahr. Zudem droht der Verlust von rund 40.000 Arbeits­­plät­zen – und zwar in ländlichen Räumen, die ohnehin schon strukturschwach sind.

Heereman: Das Irrwitzige ist, dass durch den Wegfall der Holzproduktion ja nicht der Bedarf an Holz zurückginge. Wir würden also auf den Gebrauch einer unserer wichtigsten nationalen Ressourcen verzichten und anschließend das Holz aus dem Ausland importieren. Ergo exportieren wir damit unsere Umweltprobleme, um hierzulande die Insel der Seligen spielen zu können. Deshalb verfolgt die Forstwirtschaft einen ganzheitlichen Ansatz und sagt, dass wir durch eine integrierte, naturnahe Waldbewirtschaftung genau denselben ökologischen Effekt darstellen können wie mit großflächigen Still­legungsflächen.

Nun erklären aber die Verfechter der Biodiversität, dass diese eine höhere Artenvielfalt ermöglicht.
Heereman: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass in einem bewirtschafteten Wald keine Tier- und Pflan­zenarten fehlen, die in einem nicht bewirtschafteten Wald zu finden sind.

Guttenberg: Im Gegenteil, die Artenvielfalt ist sogar höher! Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir in Deutschland – und auch in Österreich – eine unwahrscheinlich breite Bewirtschaftung mit unterschiedlichsten Betriebszielen haben. Wir haben in Deutschland rund zwei Millionen Waldbesitzer, die Durchschnitts­fläche beträgt 2,7 Hektar. Der Hauptteil der Fläche ist also in den Händen von Klein- und Kleinstwaldbesitzern, lediglich ein bis zwei Dutzend Eigentümer ­besitzen über 1000 Hektar.

Sie sagen also, dass die traditionelle Form der Waldbewirtschaftung die nachhaltigere ist?
Heereman: Der deutsche Wald ist bei rund zwei Millionen Waldeigentümern die Summe vieler einzelner unternehmerischer Entscheidungen. Vor allem private und kommunale Waldbesitzer stellen eine Vielfalt auf, die man planerisch so ohne weiteres nicht von oben steuern kann. Diese Vielfalt begründet Nachhaltigkeit, die über eine Wirtschaftskette läuft, und das über Generationen. Was ich heute ernte, haben meine Vorfahren gesetzt. Und was ich heute aufforste, ernten nächste Generationen.

Guttenberg: Und wenn der Wirtschaftswald alle Tier- und Pflanzenarten potenziell in sich birgt, braucht man ihn nicht stillzulegen. Dann sollte man allenfalls mit allen Beteiligten darüber nachdenken, wie wir die Bewirtschaftung noch naturnäher gestalten können, und zwar auf 100 Prozent der Flächen. Das Paradoxe an der Situation ist, dass diese Unter-Schutz-­Stellung des Waldes ja nicht geschah, weil dort Gefahr im Verzug war, sondern weil die Politik das Ergebnis eines nachhaltigen Wirtschaftens als schützenswert erachtete. Das heißt, wir werden letztlich für das Erreichte bestraft, in dem uns Flächen weggenommen und wir in unserer Bewirtschaftung eingeschränkt werden sollen. Im Übrigen sind schon heute rund 68 Prozent der deutschen Waldfläche einer Schutzkategorie unterworfen, von Naturschutz- und Landschaftsschutz­gebieten bis hin zum Nationalpark.

Aber betreffen die Stilllegungspläne nicht nur den Wald im Staatsbesitz?
Guttenberg: Ja, und deshalb sagen Politiker gern: „Das betrifft euch ja gar nicht.“ Allerdings hat der Staatswald auch immer eine rechtliche Vorbildwirkung. Das heißt, dass gesetzliche Vorschriften meistens nach fünf bis sieben Jahren auch für die Privatwälder gelten.

Heereman: Das Problem ist, dass die Politik hier an den Prinzipien der Forstwirtschaft insgesamt rüttelt. Wenn zum Beispiel der Staat für sich entscheidet, einen ihm gehörenden Buchenwald nicht mehr zu nutzen, gibt es in der Regel im Nachbar­ort immer noch das Sägewerk, das sich auf Buchen spezialisiert hat. Und da die wenigen Eigentümer von Kleinwald, die vielleicht auch Buchen anpflanzen, den Bedarf an Holz nicht decken können, wird der Säger über kurz oder lang zumachen. Deshalb ist es uns nicht egal, ob die Entscheidungen alleine den Privatwald, den Kommunalwald oder den großen Staatswald betreffen. Forstpolitik berührt immer allgemeine Prinzipien wie das des Eigentums und auch das Erbrecht. Es geht um die Wirtschaftlichkeit der einzelnen ­Akteure, im Einzelfall um die Existenz eines Familienbetriebes.

Von welchen Größenordnungen ­sprechen wir in der Forstwirtschaft?
Guttenberg: Wir erwirtschaften einen ­Gesamtumsatz von 170 Milliarden Euro jährlich. Damit sind wir einer der größten Zweige der Volkswirtschaft. Und wir beschäftigen rund 1,2 Millionen Menschen, das ist doppelt so viel wie die Automobilindustrie. Das Problem ist, dass unsere Branche aus rund 150.000 kleineren und mittleren Betrieben besteht, während es in der Automobilindustrie oder auch bei den Energieversorgern lediglich eine Handvoll große Unternehmen gibt, die ihre Interessen lautstark vertreten können.

Heereman: Die Forstwirtschaft ist weit über das Land verteilt und naturgemäß vor allem im ländlichen Raum angesiedelt. Es gibt Gegenden – zum Beispiel den Hochsauerlandkreis, Südwestfalen oder auch große Teile Österreichs –, da ist sie der größte Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber. Und deshalb droht mit der Still­legung ganzer Flächen ein gravierender ökonomischer Schaden.

Wie stehen Sie zu Nationalparks, bzw. zu deren Ausweitung?
Guttenberg: Das Problem ist, dass die ­Nationalparks allesamt in strukturschwachen Räumen angelegt sind und die Ausweisung mitnichten nach ökologischen Gesichtspunkten geschah. Bei deren Einrichtung haben sich die anliegenden Gemeinden finanzielle Einnahmen durch sanften Tourismus versprochen. Doch diese bleiben fast immer aus, wenn die Gäste merken, dass sie in viele Wälder gar nicht mehr richtig hineindürfen und sich Bäume nur unter strengen Auflagen oder gar nur aus der Ferne ansehen können. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die ganze vom Holz lebende Wirtschaft vertreiben – die Förster, die Waldarbeiter, die Schreiner und Tischler, die Möbelbauer und irgendwann auch die Bäcker und die Tankstellen, wo die Kollegen eingekauft haben – und am Ende allein ein National­park bleibt, in den keiner fährt und den  auch keiner betreten darf. Was sich für einzelne Träumer vielleicht anhört wie die Schaffung einer heilen natürlichen Welt, bedeutet, dass ganze Regionen irreversibel abgehängt werden.

Wenn Nationalparks für Sie keine Option sind, gibt es denn andere Erlösmodelle für die Forstwirtschaft?
Guttenberg: Das ist eine wichtige Frage. Die Forstbetriebe leben heute zu über 90 Prozent vom Holzverkauf. Weil es – zumindest noch – keine Märkte für andere Öko­systemdienstleistungen gibt. Und das müssen wir künftig hinterfragen. Seit Urzeiten nutzt die Allgemeinheit die Wälder, man kann in ihnen spazieren gehen oder Pilze sammeln. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Wenn uns aber durch bewusste politische Entscheidungen ein Teil unserer Existenzgrundlage genommen wird, dann müssen wir nach einem Ausgleich suchen.

Die Wälder bieten ja nicht nur den ­Spaziergängern frische Luft, sondern sie reinigen auch die Abgase der Industrie. Und nicht zuletzt ist der Wald auch der größte Lieferant von sauberem Grundwasser. Überall im Lande greifen private Wasserunternehmen – die Städte, also der Staat, haben sich hier ja vielfach zurückgezogen –, auf dieses Reservoir kostenlos zu und nehmen dann bei den Verbrauchern Milliarden ein. Deshalb halten wir es für angemessen, wenn die Wasserwirtschaft für diese ganz konkrete Ökosystemdienstleistung, die wir anbieten, einen Beitrag entrichtet.

Das klingt ein bisschen nach ­Retour­kutsche.
Heereman: Das ist es aber nicht. Die Politik und die Gesellschaft insgesamt müssen jedoch verstehen, dass die Leistungen des Systems Wald nicht von selbst entstehen, sondern das Ergebnis einer jahrhundertealten, nachhaltigen Bewirtschaftung sind und deshalb auch eine rechtssichere und damit tragfähige ökonomische Grundlage brauchen. Wir lieben das Produkt Holz. Und wir wissen, damit umzugehen. Und wir wollen es auch nicht geschenkt haben. Aber wir wollen den Wald nutzen dürfen, und zwar so, wie wir es seit Jahrhunderten erfolgreich machen.

Guttenberg: Woher kommt denn der Begriff der „Nachhaltigkeit“, den heute die gesamte Politik im Munde führt? Aus der Forstwirtschaft! Was ich heute ernte, habe nicht ich gepflanzt, sondern meine Vorfahren; und was ich heute anpflanze, ernte nicht ich, sondern meine Nachfahren. Nachhaltigkeit ist für uns gelebter Generationenvertrag und ein ethischer Anspruch.

Aber dieser hat ganz feste Prämissen, und das ist nicht die Ökologie oder irgendwelche Gleichgewichtsmodelle, sondern das ist die Verantwortung für den Fortbestand des Unternehmens und die Freiheit, selbst entscheiden zu können, was am besten für dieses Unternehmen ist. Nicht zuletzt gehört dazu die finanzielle und vor allem rechtliche Sicherung der ökonomischen Grundlagen. Und deshalb müssen wir, wenn wir über Nachhaltigkeit reden, auch über deren Fundamente sprechen.


Philipp Freiherr von und zu Guttenberg ist Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände AGDW – Die Waldeigentümer, Vize­präsident des Europäischen ­Wald­besitzerverbandes CEPF und ­Vorsitzender des Aktionsbündnisses Forum Natur. Er ist Eigentümer und Manager von zwei Forstbetrieben in Deutschland und Österreich.
www.waldeigentuemer.de


Dr. Philipp Freiherr Heereman von Zuydtwyck (RC Münster-St. Mauritz) ist Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW e.V. Er ist Stadtrat seiner Heimatgemeinde Hörstel und ­bewirtschaftet seinen traditionellen Land- und Forstwirtschaftlichen Betrieb Surenburg im Münsterland.
www.waldbauernverband.de

Erschienen in Rotary Magazin 1/2017

Rotary Magazin 6/2017

Rotary Magazin Heft 6/2017

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