01.02.2018

 

„Reste einer alten morgenländischen Pracht“

Ingrid Spörk

Die Überlieferung vom „Osten“ als Ort vormoderner Lebenswelten ist keineswegs neu. Sie entsteht in der Zeit der Industrialisierung, als sich in Mittel- und Westeuropa die Lebensverhältnisse revolutionär verändern.

Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht im deutschsprachigen Raum die literarische Gattung der Ghettogeschichte, die über die Lebensformen des östlichen Ghettos, des Schtetl oder der „Gasse“ berichtet. Besonders nach 1848, als sich zur industriellen Revolution auch die politische Umwälzung der Gesellschaft anbahnt, erfahren vorwiegend in Galizien angesiedelte Geschichten eine rege Rezeption.

Die Schilderungen des Lebens im östlichen Judentum suggerieren mit ihren Titeln und Untertiteln einen hohen, mitunter ethnographischen Anspruch. So nennt Karl Emil Franzos seine 1876 erschie­nenen Berichte „Culturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien“, und auch Nathan Samuely verwendet für seine 1885 veröffentlichten Schilderun­gen den Titel „Cultur-Bilder aus dem jüdischen Leben in Galizien“. Max Grünfeld akzentuiert diesen Anspruch noch stärker, indem er seine 1895 erschienenen Erzählungen „Die Leute des Ghetto. Realistische Erzählungen und Schilderungen“ nennt. Tatsächlich sollen die zahlreichen Werke das Bild einer bestimmten vormodernen Lebensform vermitteln, die der sich zunehmend modernisierenden, also indi­vidualisierenden und beschleunigenden Lebenswelt entgegengestellt wird.

Reize einer fremden Welt
Am hervorstechendsten ist in den meisten dieser Erzählungen die Einbettung des Ein­zelnen in die Gruppe: je nach Inten­tion positiv – von Leopold Kompert bis Wilhelm Feldmann – oder kritisch, wie etwa von Franzos. So schreibt Kompert in seiner Erzählung „Judith die Zweite“ (1848): „Im Ghetto ist aber jeder wie mit tausend Ket­ten an das Ganze gebunden“, und weiter: „Das Leid hat hier tausend Zungen, und wenn hier der Blitzstrahl in ein einzelnes Glück fährt, senken sich tausend Augenwimpern.“ Dieses Gemeinschaftsgefühl wird auch in einem vormodernen Begriff, im „jüdisch’ Herzen“ ausgemacht, das als direkt in die Vormoderne zurückreichend beschrieben wird: „Dieses Wort hat etwas Unsagbares […]. Dieses Herz ist eine geschichtliche Überlieferung – wer an dasselbe einen Anspruch erhebt, will damit sagen: Vergiß nicht! Sei eingedenk dessen, was deine, was meine Väter miteinander erlebt, gelitten, wie sie sich gefreut und wieder geweint haben!“

Neben der Gemeinschaft und der Fami­lie zeichnen die Ghettogeschichten auch klare Bilder von Mann und Frau. Von letz­terer tauchen generell zwei Charaktere auf: derjenige der Hausfrau und Mutter sowie derjenige der belle juive – eine von christli­chen Autoren geschaffene Projektion, die auch von jüdischen Literaten übernommen wird. Bei Karl Emil Franzos sind der schönen Jüdin viele Texte gewidmet, bei­spielhaft ist etwa die dunkelhaarige ­Schöne Esterka Regina, Protagonistin einer gleichnamigen Erzählung: „Denn wenn ich auch hinzufüge, daß ihre Augen tief, dunkel und leuchtend waren wie das Meer in Sternennächten und ihre Haare schwarz und duftig wie die Nacht des Südens und das Lächeln ihres Gesichtes wie ein Frühlingstraum – Ihr könnt ja deshalb doch nicht ahnen, wie schön sie war!“

Ganz ähnlich ist auch die Personenzeichnung bei Hermann Menkes in der Erzählung „Der Liebesgarten“ (1907). Hier erfahren wir aber auch, dass der Typ der belle juive mit der Realität des Ghettos wenig zusammenhängt, denn Menkes Pro­tagonistin „glich so gar nicht den Mädchen und Frauen der Judengemeinde. Es war Ungebrochenheit in ihrer Schönheit und ihrer Anmut, und sie kannte die trost­lose Traurigkeit nicht, die in den Augen jüdischer Mädchen nistet. Sie war erfüllt von Stolz, Lebenslust und einer beherrschten Sinnlichkeit“.

Die Konstruktion des Typs der belle juive wird hier mit dem Bild der Orien­talin vermischt, ihr christlicher Verlobter „liebte die Frauen, um die der Reiz einer fremden Welt ist, die Frauen voll sanfter Melan­cholie, die üppigen Töchter des Orients, […] deren Stimme voll eines scheuen und keuschen Klanges ist“. Menkes konstruiert den Ort der Handlung, „die ferne polnische Judenstadt“, als Archetyp biblischen Juden­tums: „Da lebten noch die biblischen Ge­stalten und eine aufbewahrte Schönheit, wie einsam verglühendes Feuer und ­Reste einer alten, morgenländischen Pracht.“

Die verheiratete Frau wird in der Ghetto­geschichte hingegen als Hausfrau beschrie­ben, die an Lebenspraxis ihren Mann über­trifft oder übertreffen muss: So schildert Max Grünfeld das ostjüdische Geschlechterverhältnis am Beispiel eines Ehepaares: „… sie war energisch, wenn auch dabei grundgütig, sie war eine mehr starke, eine mutige Natur, wenn auch dabei wahrhaft frommen Sinnes. Wäre [ihr Mann] stets ihren Ratschlägen gefolgt, vielleicht hätte ihn der Herrgott doch einen reichen Mann werden lassen.“  

„Abkömmling alter Gelehrtengeschlechter“
Auch der jüdische Mann erfährt in der Ghettogeschichte eine klare Charakterisierung, seine in der nichtjüdischen Literatur zugeschriebenen Attribute wie körperliche Schwäche und Kränklichkeit werden auch hier thematisiert. In kritischen Texten, etwa in Nathan Samuelys „Tüpferl auf dem i“ oder bei Leopold von Sacher-Masoch, entstehen Stärke und Ge­sundheit aus der Loslösung von der Ortho­doxie. In verklärenden Texten wie bei Wilhelm Feldmann und Hermann Menkes wird Schwäche zur Geschmeidigkeit.

So bemüht sich Feldmann darum, ausführlich Gesundheit und Frische eines Pro­ta­gonisten zu beschreiben: „Die Umrisse seiner schlanken, geschmeidigen, in der Taille etwas schmalen Gestalt traten deutlich hervor unter der enganliegenden schwarz­seidenen Pekesche. Der Sammethut und die rabenschwar­zen Löckchen über den Ohren faßten wie ein Ebenholzrahmen das kindlich frische Gesichtchen ein, das rosig und weiß war, dunkle Augen und kleine kirschrote Lippen hatte, auf denen sich der erste Flaum zeigte.“

Ganz ähnlich beschreibt Menkes im „Liebesgarten“ seinen jungen Protagonisten: „Obgleich schmächtig und blassen Gesichtes, war Jona, […] der Jüngling, voll einer schwermütigen Schönheit. In seinen Augen war etwas kindlich Gütiges, seine schneeweiße Stirne, an deren Seiten tiefschwarzes Haar in reicher Fülle herunterfiel, hatte bereits die Prägung eines Phantasten und Denkers. Die ganze Gestalt hatte etwas ungemein Biegsames, und man konnte glauben, daß ein Sturmwind sie leicht zu beugen vermöchte. Er war zumeist schweigsam, sprach er aber, dann klang seine Stimme wie mit dem Wohllaut eines Mädchens.“

Dem steht sein vergeistigter Vater gegenüber: „Das war ein verdüsterter, von Askese in seinen Lebenskräften unterwühlter Mann, dem Leben abgewandt und blind für alle seine blühende Schönheit.“  Menkes kritisiert die Strenge der ostjüdischen Orthodoxie, wie zuvor Franzos etwa in „Ein Zündhölzchen“ oder Sacher-Masoch in „Malach Schneefuß und sein Golem“: „Er war ein Abkömmling alter Gelehrtengeschlechter, die sich vor der Welt verschlossen hatten und die das Denken und Forschen mehr als das Leben selbst liebten. Es war ein Geschlecht unfroher Herrscher, die keine andere Schönheit liebten als die einer reinen, verzichtenden und gleichsam nur in Gott ruhenden Seele.“  

„Schmutz und Verwahrlosung“
Weitere Betrachtungen der Ghettogeschichte widmen sich den Lebensverhältnissen und religiösen Bräuchen des Ostjudentums. So beginnt Hermann Menkes seine Erzählung „Der Liebesgarten“ (1907) mit den Worten: „Meine Heimatstadt ist jetzt alt und im Elend, aber es gibt da einen fast schon ganz von den letzten Resten der Wohlhabenheit verlassenen alten Teil, der enge Gässchen und weite, ringartige ­Plätze in sich fasst. Sie liegen wie versonnen, vergessen und von Zeit und Menschen ver­­wüstet da. Stille und Schwermut weben um die alten Häuser, die brüchig, geschwärzt und halb zerstört dastehen und denen doch noch letzte Spuren architektonischer Schönheit übriggeblieben sind“. Und Leo Herzberg-Fränkel schildert in sei­­ner Erzählung „Heirathen“ (1867): „Es ist ein Cheder, und die vielen kleinen Ge­stalten reihen sich um den Tisch, bunte Erscheinungen, die sich vor den großen Folianten hin- und herwiegen, als wären sie bewegt durch irgendeine mechanische Kraft. – Je öfter das Pfeifenrohr über den Häuptern der zitternden Jungen in der Hand des bärtigen Mannes saust, in desto beschleunigteren Tempos bewegen sich die kleinen Figuren, desto lau­ter jammern sie das Recitativ aus dem Talmud.“

So sind die Erzählungen und Berichte von Karl Emil Franzos, Nathan Samuely, Hermann Menkes, Max Grün­feld und vielen anderen der Versuch, von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine besondere Form jüdischer Identität zu konstruieren. Dass diese Welt vor allem durch den alltäglichen Wandel bedroht ist, zeigt sich bereits bei Kompert als Vertreter der ersten Generation der Ghettoautoren und seinem Text „Eisiks Brille“. Hier kommen die Neuerungen aus der Großstadt, das „Opfer der neuen Zeit“ ist ein Gemeindesänger: „Er sollte nicht mehr die schöne Kunst sei­ner gesungenen Schnörkel üben, nicht mehr die wild aufschreienden Melodien einer uralten Zeit vor den Ohren der ­Leute, die feiner geworden waren, anbringen! Eine andre Zeit war gekommen, und mit ihr ein musikalischer ,Kantor‘, der im Chore des trefflichen Sulzer in Wien gebildet worden war.“

Die Geschichten über das Ghetto können durchaus als ein imaginäres Archiv des Ostjudentums gelten. Sie konservieren eine idealisierte und stilisierte Epoche – zu einer Zeit, als nicht nur die Metropolen des Westens, sondern auch die großen Zentren Galiziens wie Lemberg, Czernowitz und das hierzulande vergessene Berditschew längst auf dem Wege in die Moderne sind.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2018

Ingrid Spörk
Prof. Dr. Ingrid Spörk ist Co-Leiterin des Hauses der Wissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. 2011 erschien „Konzeption Osteuropa. Der ,Osten’ als Konstrukt der Fremd- und Eigenbestimmung in deutschsprachigen Texten des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Verlag Königshausen & Neumann).
haus-der-wissenschaft.uni-graz.at

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