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Unterschiedliche Ansätze

Zweierlei Erzählungen

Während sich die großen Arbeiten deutscher Historiker in jüngster Zeit der allgemeinen Weltgeschichte widmeten, legten ihre britischen und amerikanischen Kollegen immer wieder neue impulsgebende Werke zur deutschen Geschichte vor. Anmerkungen zu einer nachdenklich stimmenden Entwicklung

Joachim Whaley31.10.2015

Im Jahr 2014 zog die Ausstellung „Germany: Memories of a Nation“ (Deutschland: Erinnerungen einer Nation) im British Museum in etwas mehr als drei Monaten ca. 114.000 Besucher an. Darunter waren britische Schulklassen sowie eine große Zahl deutscher Touristen. Selbst Angela Merkel gönnte sich eine Pause von Gesprächen mit David Cameron in der Downing Street, um sich die Ausstellung anzusehen. Gleichzeitig mit der Ausstellung fungierte ihr Kurator Neil MacGregor als Sprecher einer BBC-Radioserie in dreißig Folgen, die eine riesige Zuhörerschaft gewann. Sie wurde seitdem mehr als vier Millionen Mal heruntergeladen. MacGregors gleichnamiges Buch war ebenfalls ein Bestseller.

MacGregor war unzufrieden mit dem üblichen Fokus auf die moderne deutsche Geschichte, der sich auf die Zeit vom frühen 19. Jahrhundert an richtet. Er wollte die deutsche Geschichte in eine neue Perspektive stellen: Er bezog das Mittelalter ein und versuchte, das Heilige Römische Reich und seinen Platz in den Erinnerungen der Deutschen zu verstehen. Außerdem vermied er peinlichst den teleologischen Ansatz, der die gesamte deutsche Geschichte ausschließlich als Vorspiel des „Dritten Reichs“ und des Holocaust darstellt.

Dabei konnte MacGregor auf einen reichen wissenschaftlichen Fundus zurückgreifen, den vorwiegend britische und nordamerikanische Wissenschaftler in den letzten dreißig Jahren produzierten. Christopher Clark ist zweifellos der in Deutschland bekannteste, aber auch andere, wie David Blackbourn, Richard Evans, Richard Overy, Niall Ferguson, Adam Tooze und William Hagen haben wichtige revisionistische Werke geschrieben, die die althergebrachten Ansichten über die deutsche Geschichte infrage stellten.

Geschichte als Defiziterzählung

Ihr Werk weicht erheblich davon ab, wie deutsche Geschichte gemeinhin geschrieben wurde. Seit im 19. Jahrhundert der Berufsstand der modernen Geschichtswissenschaftler entstand – deutsche Wissenschaftler waren natürlich Pioniere –, war die deutsche Geschichtsschreibung teleologisch ausgerichtet. Die erste Generation der neuen Berufshistoriker waren meist liberale Unterstützer der nationalen Einheit, die die Vereinigung im Zweiten Reich oder Kaiserreich als Höhepunkt der deutschen Geschichte betrachteten. Sie bot ein Entrinnen aus der territorialen Zersplitterung und Zerstückelung, die Deutschland ihrer Meinung nach gegenüber anderen europäischen Ländern zurückgehalten hatte.

Wie die damaligen Historiker anderer Länder entwickelten auch diese frühen deutschen Wissenschaftler Gedanken über die Mission ihrer Nation: ihren besonderen Weg zur nationalen Einheit und einen Platz in den Reihen der imperialen Großmächte der Welt. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg war ein traumatischer Schock und die harten Friedensbedingungen erzeugten Ressentiments. Aber der Glaube vieler in das Schicksal Deutschlands, in „einen besonderen deutschen Weg“, wenn auch einen, der einen herben Rückschlag erlitten hatte, wurde dadurch nicht erschüttert.

Historiker in anderen Ländern betrachteten das wachsende Selbstbewusstsein und die steigende Aggressivität Deutschlands mit zunehmendem Unbehagen und entwickelten ihre eigenen negativen Ansichten über die deutsche Eigenart. Die anfängliche Bewunderung vieler für das deutsche Bildungssystem wandelte sich bald in Besorgnis über Militarismus und extremen Nationalismus, dessen vermeintliche historische Wurzeln bald das Hauptthema ihrer wissenschaftlichen Arbeit bildeten.

Nach der Niederlage Deutschlands 1945 wurde diese vorwiegend angelsächsische und französische Diskussion auch in der Bundesrepublik zu einer zentralen Besorgnis. Bis in die 1960er-Jahre hatte eine neue Nachkriegsgeneration deutscher Wissenschaftler den besonderen deutschen Weg als einen „Sonderweg“ uminterpretiert, einen Weg, der Deutschland dazu führte, die liberalen demokratischen Grundsätze der westlichen Welt abzulehnen. Das „Dritte Reich“ und der Holocaust wurden als logisches Ergebnis der deutschen Geschichte gedeutet. Die Suche nach den politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und intellektuell-kulturellen Ursprüngen dessen, was Friedrich Meinecke als „die deutsche Katastrophe“ (1946) und Dan Diner später als „Zivilisationsbruch“ (1988) bezeichnete, wurde zur zentralen Beschäftigung der Mehrzahl der deutschen Geisteswissenschaftler. Wie Dieter Langewiesche 2004 bemerkte, neigten deutsche Historiker im 20. Jahrhundert dazu, die Geschichte Deutschlands als negative Geschichte („eine Defizitgeschichte“) zu schreiben.

Deutsche „Normalität“?

Die erste ernsthafte Kritik an der Sonderweg-These wurde in den 1980er-Jahren postuliert, doch in den 1990er-Jahren setzte sich ihre generelle Ablehnung immer stärker durch. Die deutsche (Wieder-)Vereinigung und das Ende der „unnormalen“ Teilung Deutschlands löste eine Diskussion über die neue „Normalität“ des deutschen Staats aus. Diese führte ihrerseits zu einer Unzufriedenheit mit einer historischen Metaerzählung von der Abnormalität der deutschen Gesellschaft in der Vergangenheit. Das in diesem Zusammenhang oft erwähnte Werk ist „Der lange Weg nach Westen“ von Heinrich August Winkler (2000). Doch Winkler lehnte die Sonderweg-Theorie eigentlich nicht ab. Er war vielmehr der Meinung, dass sie mit der (Wieder-)Vereinigung endete, als Deutschland endlich ein uneingeschränkt souveränes Mitglied der Gemeinschaft der demokratischen westlichen Nationen wurde.

Bei allem Gerede darüber, die alte Sonderweg-Theorie überwunden zu haben, fällt einem kaum eine Abhandlung eines deutschen Historikers über deutsche Geschichte ein, die überzeugend eine andere Sicht entwickelt. Wie Bernd Schneidmüller bemerkt hat, hallt die Sonderweg-These weiterhin wie ein unaufhaltsamer Basso continuo in den Schriften deutscher Historiker über Deutschland wider.

Dies zeigt sich auf unterschiedliche Art und Weise. Erstens bleibt das „Dritte Reich“ für viele Wissenschaftler der zentrale Referenzpunkt. Was vorher kam, wird angeführt, um es zu erklären. Was darauf folgte, wird als von ihm geformt verstanden. Zweitens waren die alten Sonderweg-Theoretiker in erster Linie an der deutschen Geschichte seit 1800 interessiert. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte Deutschlands interessierte sie nur selten. Tatsächlich wurde und wird das Heilige Römische Reich häufig lediglich als Ursache für die neuzeitliche Rückständigkeit Deutschlands angesehen: ein System, das die Entwicklung eines frühneuzeitlichen deutschen Nationalstaats oder eines bedeutsamen Gefühls nationaler Identität behindert habe. Es habe eine archaische feudale Gesellschaftsstruktur verfestigt, die wirtschaftliche Entwicklung verkümmern lassen und die neuen politischen Gedanken, die Westeuropa in der Frühneuzeit transformierten, unterdrückt. Drittens – und häufig in Spannung mit den Behauptungen über die Persistenz vorneuzeitlicher Strukturen – werden die Brüche der deutschen Geschichte gemeinhin als eine wesentliche Ursache für Instabilität,  Desorientierung und die Abwesenheit eines stabilen Identitätsgefühls angeführt.

Gefangen in alten Erzählungen

Die deutsche Rezeption der Bücher von Christopher Clark über Preußen und die Ursachen des Ersten Weltkrieges hat nur gezeigt, wie verhaftet viele deutsche Historiker den in den späten 1950er- und den 1960er-Jahren entwickelten Grundsätzen der Vergangenheitsbewältigung bleiben, insbesondere einer Abneigung schon gegen den Gedanken des Nationalstaats, dem Bekenntnis zu postnationalen Werten und dem Beharren darauf, dass der Holocaust das zentrale Ereignis in der deutschen Geschichte sei, dessen tiefere Ursachen in der eigenen Geschichte zu untersuchen eine besondere Pflicht der Historiker darstelle.

Natürlich erforschen viele deutsche Historiker dennoch die gesamte deutsche Geschichte, und die Mittelalterhistoriker sind insofern eine Ausnahme von der Regel, als sie sich routinemäßig mit den Themen der Identität und der Nation befassen. Doch der Berufsstand der deutschen Historiker insgesamt bekennt sich mit Begeisterung zu der neuen „transnationalen“ oder „postnationalen“ Geschichte. Die sich daraus ergebenden Meisterzählungen sind vielmehr europäische oder Welterzählungen als deutsche Erzählungen. Es erscheint typisch, dass die Arbeitsgemeinschaft „Frühe Neuzeit“ im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands ihre im zweijährlichen Turnus stattfindende Arbeitstagung im September 2015 dem Thema „Globale Verflechtungen – Europa neu denken“ widmete und beschloss, die nächste Tagung dem Thema „Das Meer“ zu widmen, aber nur Panels aufzunehmen, die sich nicht mit der europäischen und somit auch deutschen Geschichte befassen. In jedem anderen Land wäre eine solche Selbstverleugnung unvorstellbar.

Es ist vielleicht eine Übertreibung, von einem vollständigen Wandel der angelsächsischen Haltung gegenüber Deutschland sprechen. Zum Teil spiegelt das neue Interesse an Deutschland auch eine wachsende Faszination über Deutschland seit 1990 wider: eine Mischung aus Angst, Bewunderung und Neid. Dennoch erhält die britische Presse alte Stereotypen aufrecht. Sie bevorzugt Geschichten über Pegida und Neonazis und über die EU, in denen man Deutschland die Rolle des Bösewichts spielen lassen kann, gegenüber deutschen Erfolgsgeschichten. Aber die britische Presse ist skandalsüchtig: Schadenfreude ist ihre Lieblingsdroge. Im Gegensatz dazu setzt sich unter Historikern, ihren Lesern und denen, die sie lehren, ein neues Bild von der reichen Komplexität und Vielfalt der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter durch.

Joachim Whaley
Prof. Dr. Joachim Whaley ist Professor of German History and Thought an der Universität Cambridge und Fellow an der British Academy. Sein zweibändiges Werk „Das Heilige Römische Reich und seine Territorien 1493-1806“ erschien 2015 im Zabern-Verlag. www.mml.cam.ac.uk