Titelthema - Echo einer erfundenen Vergangenheit

Strand und Hotel „Strandschloß“ im pommerschen Kolberg © Collection Marc Walter

01.02.2018

Titelthema

Echo einer erfundenen Vergangenheit

Joachim Whaley

Anmerkungen zum britischen Bild von Deutschland und Preußen

Das heutige Bild Deutschlands in Großbritannien wurde überwiegend in der alten Bundes­republik geformt. Vor 1989 spielte die DDR im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle. Nur wenige bereisten das Land oder studierten dort. Seine Geschichte und Kultur stießen lediglich auf geringes Interesse. Für die meisten war das Land auf der anderen Seite der Mauer schlicht Terra incognita.

Im Jahr 1989 eilten britische Journa­listen erst nach Berlin und dann nach Ostdeutschland, um über den Zerfall des Ost­blocks zu berichten. Doch ihr Interesse daran ebbte schnell ab. In der britischen Wahrnehmung waren die neuen Bundesländer einfach mit dem gängigen Bild von Deutschland verschmolzen. Natürlich haben britische Historiker und Germanisten mit Enthusiasmus die Geschichte und Kultur der DDR sowie ihr Erbe untersucht. „Das Leben der Anderen“ wird an Schulen und Universitäten behandelt. Eine besondere allgemeine Aufmerksamkeit für das Thema blieb jedoch so gut wie aus.

Für die Presse und die breite Öffentlichkeit wurde Deutschland nur aus zwei Gründen interessant. Der erste Grund ist die ge­fühlte Vormachtstellung Deutschlands in Europa. Margret Thatcher war gegen eine deutsche Wiedervereinigung und warnte, dass Helmut Kohl ein „Viertes Reich“ erschaffen wolle. Seitdem ist dieser Gedanke immer wieder in verschiedenen Varia­tionen aufgetreten. Einige argumen­tierten, die alte Geopolitik Deutschlands vor 1945 sei durch die deutsche Geoökonomie in der EU ersetzt worden. In jüngerer Vergan­genheit behaupteten andere Stimmen, der Brexit würde das Vereinigte Königreich aus der wirtschaftlichen Hegemonie Deutschlands befreien und uns in der Welt wieder zu neuen Erfolgen verhelfen.

Ein diffuses Bild vom Osten
Das Aufkommen der extremen Rechten sowie die deutsche Einstellung gegenüber Einwanderern stellten damals einen weite­ren Grund zur Besorgnis dar. Die An­griffe auf Ausländer in den 1990ern, das Aufkom­men der Deutschen Volksunion und der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, Gewalt gegen Migranten und Asylbewerber wurden allgemein vor allem als ostdeutsche Probleme dargestellt, die nichts­destotrotz die Stabilität Deutschlands insgesamt bedrohen.

Kaum bekannt ist in Britannien, dass die rechten Parteien der 1990er zwar durch­aus vor allem in den neuen Bundesländern erfolgreich waren, die Angriffe auf Ausländer jedoch in der gesamten Bundes­republik stattgefunden haben. Auch in der aktuellen Berichterstattung wird oftmals außer Acht gelassen, dass die AfD zwar in den neuen Bundesländern den stärksten Wählerzulauf verzeichnet, die Partei aber auch in den westlichen Bundesländern starke Unterstützung erfährt, oder dass es vor allem in denjenigen Gegenden zu Gewalt gegen Migranten kommt, in denen diese sich konzentrieren, was eher auf die alten als auf die neuen Bundesländer zutrifft.

Außerdem betonen britische Reporter all­zu gern den vermeintlichen historischen Hintergrund dieser Phänomene. Immer wieder behaupten sie, das Wiederauftreten nationalsozialistischer Elemente zu beobachten. Wie Frau Thatcher scheinen sie zu glauben, dass die Gesinnungen, die die Entstehung des „Dritten Reichs“ ermöglich­ten, nach wie vor in der deutschen Ge­sell­schaft anzutreffen sind. Die Tatsache, dass es denselben Populismus auch in anderen europäischen Ländern gegeben hat, wird ausgeblendet. Deutschland wird immer als ein Sonderfall betrachtet.

Die Schatten der Vergangenheit
Das spiegelt schlicht alte Meinungen über Deutschland wider, die in der zweiten Hälf­te des neunzehnten Jahrhunderts geprägt wurden. Britische Beobachter hatten das Heilige Römische Reich aufgrund seiner kleinen Territorien generell als unwichtig abgetan. Nur Brandenburg-Preußen verdiente Respekt wegen der Rolle, die es als Verbündeter der Briten im Siebenjährigen Krieg gespielt hatte, als Friedrich der Gro­ße zum Volkshelden wurde. Und im Jahre 1815 waren die Preußen ein wichtiger Bünd­nispartner Englands. Tatsächlich kämpften vor allem Deutsche bei Waterloo gegen Napoleon, und Wellington selbst gab zu, dass es „verdammt eng“ gewesen sei und die preußischen Truppen unter Gebhard von Blücher eine gewichtige Rolle gespielt hätten.

Die Wahrnehmung änderte sich, als Preu­ßen Deutschland vereinte. Britische Beobachter nahmen das neue Deutsche Reich nun als Bedrohung wahr. Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs des neuen Reichs wurde 1887 sogar versucht, den Verkauf deutscher Waren in Großbritannien zu verhindern: Der Aufdruck „Made in Germany“ sollte die Verbraucher animie­ren, britische Produkte zu kaufen. Noch ernster war die wahrgenommene militärische Bedrohung, da das Deutsche Reich seine Armee kontinuierlich verbesserte und eine Kriegsflotte aufbaute.

Der patriotische Schreibstil deutscher Historiker bot den geschichtlichen Kontext für diese wachsenden Ängste. So behauptete beispielsweise Heinrich von Treitschke, dass Luther Urheber der modernen deutschen Vorstellung eines Staates gewesen sei, und pries die preußischen Tugenden Disziplin und militärisches Können. Britische Historiker machten sich diese Ansichten zunutze, um die nun von Deutschland ausgehende Bedrohung zu erklären. Sie verschmolzen Luthers Lehren mit der preußischen Tradition und zeichneten ein düsteres Bild von preußischer Gutsherrenschaft und Leibeigenschaft. So schlussfolgerten sie, dass in Preußen absolute Disziplin herrschte, während es gleichzeitig keine Freiheit gab und der Militarismus aufblühte.

Natürlich waren sich die britischen Be­obachter auch bewusst, dass Deutschland ein Land mit einer hohen Kultur war. Als jedoch im Oktober 1914 der „Aufruf an die Kulturwelt“ und die „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches“ dem Krieg und dem deutschen Militarismus ihre bedingungslose Unterstützung zusicherten, wurde vielen auch die deutsche Kultur suspekt. Versöhnlichere Stimmen fanden in den 1920er Jahren nur wenig Gehör, bevor das „Dritte Reich“ schließlich zu bestätigen schien, dass deutsche Geschichte und Kultur seit der Reformation vom rechten Wege abgekommen waren.

Revision überholter Bilder
Nach 1945 wurde diese düstere Schilderung von westdeutschen Historikern über­nommen und als Deutschlands Sonderweg be­zeichnet. Den eigentlichen Mittelpunkt dieser Sichtweise stellte Preußen dar. So wie die Historiker der DDR Preußen als Archetyp einer Feudalgesellschaft sahen, deren oberste Schicht eine Allianz mit einem gleichermaßen repressiven Kapitalismus eingegangen war, zeichneten ihre westdeutschen Kollegen ein Bild von Preußen als düstere, repressive und militärische Macht, die Deutschland zwischen 1871 und 1945 dominierte.

In den letzten dreißig Jahren haben sich sowohl deutsche als auch englischspra­chi­ge Historiker zunehmend von der Son­derwegsthese abgewandt. Neuere Erkennt­nis­se zu Luther belegen, dass er nicht der auto­ritäre Vordenker des Kaiserreichs war. Die Leibeigenschaft in der preußischen Guts­wirtschaft war nicht härter als die in der südwestdeutschen Grundherrschaft (überhaupt ist die Leibeigenschaft im Hei­li­gen Römischen Reich von der weitaus här­­teren Form im russischen Reich zu unterscheiden, in der die Landbevölkerung völlig rechtlos und buchstäblich Besitz der Gutsbesitzer war). Das deutsche Volk im Al­ten Reich war nicht außergewöhnlich obrigkeitshörig. Es neigte genauso zu Re­bellion wie das einfache Volk anderswo in Europa und brachte Beschwerden gegen seine Herrscher regelmäßig vor die Reichsgerichte. Natürlich finden sich Ungerechtigkeit und Unterdrückung in der Geschich­­te des Alten Reichs, aber gleichermaßen auch Freiheit und Teilhabe. Die Historiker sind nicht länger ausschließlich auf das Negative konzentriert und wissen das Positive ganz neu zu schätzen. Trotzdem muss aber auch gesagt werden, dass die Revision der Geschichte noch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist. In Großbritannien liegt das möglicherweise an der Presse, die die neuen Entwick­lungen in Deutschland nur zu gern mit Hinweis auf die Nazivergangenheit drama­tisiert und sie als den Anfang vom Ende der deutschen Demokratie darstellt.

Die Einstellung zu den Problemen der neuen Bundesländer wird vielleicht auch nach wie vor von den überschwänglichen Prognosen Helmut Kohls und anderer aus dem Jahr 1990 verzerrt, die bald „blühende Landschaften“ vorhersagten. Historiker sollten wissen, dass eine strukturelle Ver­änderung nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte dauern kann. Man kann mit absoluter Zuversicht davon ausgehen, dass die gegenwärtigen Probleme mit der Einstellung und dem Wissen angegangen werden, das sich in Deutschland seit 1949 entwickelt hat, und nicht, indem auf Rhetorik und Lösungen des „Dritten Reichs“ zurück­gegriffen wird.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2018

Joachim Whaley
Prof. Dr. Joachim Whaley ist Professor of German History and Thought an der Universität Cambridge und Fellow an der British Academy. Sein zweibändiges Werk „Das Heilige Römische Reich und seine Territorien 1493-1806“ erschien 2015 im Zabern-Verlag. www.mml.cam.ac.uk

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