11.11.2013

Anmerkungen zur Überbetreuung und Unterforderung unserer Schülern 

Seine Majestät, das Kind

Josef Kraus

Es gibt solche und solche Eltern – und solche. Die einen sind diejenigen, die sich nicht die Bohne um ihre Kinder kümmern. Die anderen sind diejenigen, die sich um alles kümmern. Beide Gruppen machen – geschätzt und nach Wohngegend unterschiedlich – jeweils zehn bis fünfzehn Prozent der Elternschaft aus. Im Umkehrschluss heißt das gottlob aber auch: Rund zwei Drittel der Eltern erziehen bodenständig und verantwortungsbewusst.

Die gewichtigere Problemklientel sind die an Erziehung völlig desinteressierten Eltern. Mit wachsender Intensität macht aber die Kontrastgruppe Sorgen: Eltern, die entschlossen sind, alles und noch mehr für ihr Kind zu tun. Das sind Eltern, die sich über die Zahl der Vokabeln, über die Sitzordnung in der Klasse, über das Gewicht des Schulranzens und endlos vieles mehr beschweren. Das sind Mütter, die sich nicht vorstellen können, dass ihre Töchter im Französischen eine Fünf eingefahren haben, wo „wir am Vorabend der Prüfung doch alle Vokabeln beherrscht haben.“ Das ist der Vater, der es nicht akzeptieren will, dass sein verhaltensauffälliger (pädagogisch korrekt: „verhaltensorigineller“) Sohn in der Schule gerügt wurde, und der auf drei Seiten ausführt, dass die Schule doch kreative Menschen und keine Duckmäuser heranziehen solle. Und nicht zuletzt sind es manch übersensible oder auch trickreiche Eltern, die ständig auf der Jagd nach Gutachten sind, in denen ihrem Kind ADS, ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder unentdeckte Hochbegabung attestiert wird. Das sind aber auch Eltern, die sich mit dem Schulbusfahrer anlegen, der ein Kind verbal-robust zu mehr Sauberkeit im Bus ermahnt hat; die den Pastor rügen, weil er ein Kind im Konfirmandenunterricht in eine andere als die gewünschte Gruppe gesteckt hat; die ihr Kind nachts um zwei Uhr vom Ferienzeltlager abholen, weil der Freund oder die Freundin einem anderen Zelt zugewiesen worden war.
Solche Beispiele veranschaulichen das aus den USA kommende Bild von den Helikoptereltern – von Müttern und Vätern, die ständig wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern schweben und sie an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons, möglichst mit GPS-Ortung, durchs Leben geleiten. Oder um im Bild zu bleiben: Es sind dies Transport-Hubschrauber von Eltern (Marke „Taxi Mama“), Rettungs-Hubschrauber von Eltern und Kampf-Hubschrauber von Eltern (in den USA „black-hawk-parents“ genannt).

Aggressiver Förderwahn

Die andere Seite der Helikopter-Erziehung ist ein um sich greifender Förderwahn. Dieser Wahn geht nicht selten einher mit Visionen von einem maßgeschneiderten Premium-Kind. Das kommerzielle Angebot schafft die entsprechende Nachfrage und die Ratgeberindustrie boomt. Dabei ist letztere oft das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt. Und so prasseln auf Eltern Angebote über Angebote herunter: Little-giants-Kindergärten; „Babytuning“ für die VIBs (Very Important Babies); „FasTracKids“ (fast track = Überholspur); Frühenglisch für Kinder im Buggy; Portfolios und Potenzialanalysen für Dreijährige. Peter Sloterdijks boshafter Begriff der „Fötagogik“ liegt gar nicht zu weit daneben. Seine Majestät, das Kind eben!
Eine eigenartige Rolle inmitten dieses Förderwahns spielen manche Vertreter der Hirnforschung. Erkennbar ist deren Selbstüberschätzung allein schon daran, dass die Phraseologie der Hirnforschung metastatisch auch die Schule erfasst: Neurodidaktik, Neuroergonomie, Neurogermanistik, Neurohistorik, Neuropädagogik usw. Deutschlands Hirnforscher sind zum Teil nicht unschuldig an einer mitunter unseriösen Debatte um „Neuro“. Freilich gibt es unter den Hirnforschern solche und solche: Kategorie eins sind die seriösen und streng wissenschaftlichen. Zu ihnen gehören in Deutschland zum Beispiel Gerhard Roth und Wolf Singer. Diese renommierten Fachleute wissen, dass die Hirnforschung weit davon entfernt ist, die Pädagogik zu revolutionieren.

Aber- und Wunderglaube

Zur anderen Kategorie von Hirnforschern gehört etwa ein Gerald Hüther, den viele schlechthin für den „Bildungsguru“ (Die Zeit vom 8. September 2013) halten. Seriöse Hirnforscher rümpfen dezent die Nase, hat sich der Herr Professor unter anderem mit Aufsätzen profiliert, die den Titel „Zitronen pflanzen statt Zitronen ausquetschen“ tragen und in der „Gralswelt“ erscheinen. Und auch so manch reformgläubiger Lehrer wird die Nase rümpfen, denn was Hüther unter dem Motto „Schule im Aufbruch“ über Schule zum Besten gibt, sind Zerrbilder über Zerrbilder. Bei so manchen Eltern freilich kommt er gut an. Welche Eltern lassen sich nicht gern sagen, dass ihr Kind hochbegabt sei? Hüther hat daraus ein Buch gemacht. Es trägt den Titel „Jedes Kind ist hochbegabt“. Der Einwand, dass keiner mehr hochbegabt ist, wenn alle hochbegabt seien, stört ihn nicht. In einem Zeitungsinterview (Die Welt vom 28. August 2013) besteht er darauf, dass er einen sehr umfassenden Begriff von Hochbegabung habe. Zum Beispiel gebe es ja auch eine Hochbegabung im „Kirschkernspucken“.
Die „Neuro“-Heilsbotschaften, mithilfe der Hirnforschung ein Bildungssystem zu ungeahnten Höhen führen zu können, sind jedenfalls Aber- und Wunderglaube zugleich. Die Lernforscherin Elsbeth Stern, eine der renommiertesten Lernforscherinnen im deutschsprachigen Raum, vergleicht die größenwahnsinnig angehauchten schulpädagogischen Schlussfolgerungen unseriöser Hirnforscher mit dem Plan, mittels einer physiologischen Beschreibung von Hunger die Unterernährung in der Welt bekämpfen zu wollen.
Man kann Kleinkindern jedenfalls noch so viel „neuro“-mäßig programmiertes Vorschullernen vorsetzen, es hat keinen Zweck. Ein normales anregendes Elternhaus reicht. Oder einfacher: „Sperren Sie Ihr Kind nicht in den Schrank, lassen Sie es nicht verhungern und schlagen Sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf.“ So hat der US-Neurowissenschaftler Steve Petersen die unstrittigen Erkenntnisse der pädagogisch relevanten Neuroforschung zusammengefasst.

Folgen der Überbetreuung

So manche Politik ist nicht unschuldig an einer solchen Psychodynamik, indem sie die Bildungsdebatte unter Einflüsterung der OECD zu einer Abiturvollkasko-Propaganda verkommen hat lassen und suggeriert, unterhalb eines Masterabschlusses „geht“ heute nichts mehr. Zugleich verwöhnen die Schulen mit guten Noten und niedrigen Quoten an Sitzenbleibern, in manchen deutschen Ländern gar mit der Abschaffung des Sitzenbleibens und der Noten. Es gibt zum Beispiel immer mehr 1,0-Abiturzeugnisse. In NRW etwa hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1.000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt. Die Hochschulen setzen eine solche Kuschelpolitik fort. Laut Wissenschaftsrat war der Anteil der Hochschulabschlüsse (ohne Staatsexamina) mit den Noten 1 und 2 von 2000 bis 2011 von 67,8 auf 76,7 Prozent gestiegen.

Was sind die Folgen einer solchen Erziehung? Solchermaßen erzogene Kinder können keine Eigeninitiative und Eigenverantwortung entwickeln, weil sie Hilflosigkeit gepaart mit hohen Ansprüchen erlernt haben. Solche Kinder werden nie mündig, weil es immer jemanden gibt, der für sie alles regelt. Solchen Kindern wird es später an Unternehmergeist fehlen.

Was ist dagegenzusetzen? Erziehung braucht bei aller Ernsthaftigkeit schlicht und einfach Leichtigkeit und Humor. Vor allem könnte der Mensch durch seine Fähigkeit zum Humor ein gütiges, zugleich lebensbejahendes Hinsehen auf die Unvollkommenheit der Welt, seiner selbst und seiner Zöglinge leben und erleben. Humor hat zu tun mit Souveränität, Selbstironie und Distanz zu sich selbst. Humor gerade in der Erziehung hat mit Liebe, mit Wohlwollen, mit Wärme, mit Güte, mit Wertschätzung des Zöglings zu tun. Das baut Stress und Ängste ab, ist Ausdruck von Kreativität, erhöht die Frustrationstoleranz, relativiert Probleme, signalisiert Friedfertigkeit und macht beliebt. Manche sagen auch: Humor ist ein sehr gutes Mittel der Kontingenzbewältigung, also des Umgangs mit Unwägbarkeiten. Jedenfalls erreicht man mit Humor in Elternhaus und Schule oft mehr als mit bierernster Erziehungsdebatte oder mit rezeptologischem Förderwahn.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2013

Josef Kraus
Josef Kraus ist Gymnasialdirektor und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Zuletzt erschienen „Helikoptereltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ (Rowohlt 2013), „Ist die Bildung noch zu retten? Eine Streitschrift“ (Herbig 2009) und „Bildung geht nur mit Anstrengung. Wie wir wieder eine Bildungsnation werden können“ (Classicus Verlag 2011). www.lehrerverband.de

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