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Rotary am Bodensee

Hersberg und die Großmacht China

Rotary am Bodensee - Hersberg und die Großmacht China
Gespannte Aufmerksamkeit im Auditorium beim jährlichen Meeting der am Bodensee beheimateten Rotary Clubs des Distrikt 1930 zum sogenannten Hersberg-Treffen © Joachim Hartel

Einmal jährlich treffen sich die am Bodensee beheimateten Rotary Clubs des Distrikt 1930 zum sogenannten Hersberg-Treffen. Der Hersberg, eine ehemalige Schlossanlage, beherbergt ein von Pallottinern getragenes Bildungshaus oberhalb von Immenstaad.

Ulrike Vogt16.11.2021

Hochrangige Vorträge und geselliges Beisammensein kennzeichnen die Treffen, deren Organisation jährlich einem anderen Club obliegt. In diesem Jahr war der RC Überlingen für die Organisation verantwortlich.

Referent des Treffens war Prof. Dr.  Klaus Mühlhahn, Präsident und Managing Direktor der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Der Sinologe und ausgewiesene China-Experte referierte zum Thema "Alte und neue Großmacht, historische Entwicklungen  und gegenwärtige Lage in China".

Zu diesem aktuellen Thema konnte Präsident Siegfried Heger, RC Überlingen, am 8. November nahezu 90 Rotarier begrüßen. Diese große Anzahl verlangte eine Verlegung des Treffens in die Zeppelin Universität.

Ziel der chinesischen Politik ist die Rückkehr Chinas, der derzeit zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mit ca. 1,4 Milliarden Menschen zu alter Stärke. Für das Verständnis der chinesischen Politik ist ein Blick auf die Traditionen des Landes beginnend ca. eintausend Jahre vor Christus wichtig.Bis etwa 1800 war China das Zentrum der Weltwirtschaft, was Prof. Mühlhahn beispielhaft an der Entwicklung des Porzellans in China und dessen frühen weltweiten  Export verdeutlichte. Erst im 17. und 18. Jahrhundert konnte die chinesische Monopolstellung durch europäische Produkte – eigentlich Kopien chinesischer Produkte – gebrochen werden.

Naturkatastrophen, politische Wirren und der zunehmende europäische, zum Teil kriegerische Einfluss — verwiesen wird auf den Boxer-Aufstand — führten zum chinesischen Niedergang im 19. Jahrhundert. Eine Entwicklung, die in China auch aktuell als nationale Schande bezeichnet wird.

Beginnend 1949 versuchte die kommunistische Partei unter Mao Zedong, China zur alten Stärke zurück zu führen, was jedoch insgesamt gescheitert ist und ca. 70 bis 80  Millionen Hungertote zur Folge hatte. Seit 1978 wurde unter Deng Xiaoping das Modell der sozialistischen Marktwirtschaft eingeführt. Land kann seither bis zu 50 Jahre gepachtet werden, eine erfolgreiche Abkehr von der landwirtschaftlichen Kollektivierung. Sonderzonen wurden eingerichtet, was weltweite Investitionen ermöglicht,, wobei allerdings die chinesische Industrie weitgehend staatlich bleibt. Das führte zu einem kräftigen bis heute anhaltenden Wirtschaftsaufschwung.

Das landwirtschaftliche Wirtschaftswachstum beläuft sich auf 8,2 Prozent, das allgemeine Wirtschaftswachstum auf 9,5 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt steigt weiterhin stetig. Enorm sind die Investitionen in den Bildungsbereich. Waren 1950 lediglich 20 Prozebt der 15-Jährigen alphabetisiert, waren es 2007 bereits 99 Prozent. Bereits in den Grundschulen wird Englisch unterrichtet. Der höhere Bildungsgrad führt aber auch zu höheren Erwartungen, steigenden Löhnen und Lebenshaltungskosten.

Den Fortschritten im Gesundheitsbereich – die Lebenserwartung stieg von 35 Jahren in 1949 auf 76,9 Jahren in 2019 – stehen gestiegene Umwelt- und Wasserprobleme gegenüber. Insgesamt wirken sich Umweltprobleme, Korruption und gestiegener Materialismus in Form zunehmender Bedeutung von Statussymbolen, gestiegener Religionsnachfrage und einer Überbelastung der Ballungsgebiete negativ auf das Wirtschaftswachstum aus.

Gleichzeitig bleiben politische Reformen aus, es fehlt an einer Reformagenda, Einflussmöglichkeiten der Menschen sind auf Petitionen, die ausnahmslos nach Peking zu richten sind, beschränkt, was zu zentralistischer Überbürokratisierung führt. Die Schere der Ungleichheit insbesondere im Bereich der Einkommen öffnet sich weiter. Gleichzeitig altert die chinesische Bevölkerung auf Grund der sogenannten Ein-Kind-Politik rasant.

Insgesamt steht China vor gigantischen Problemen, die im wesentlichen begründet sind in:

  • dem Risiko einer sogenannten wirtschaftlichen kalten Landung
  • einer alternden und schrumpfenden Arbeitnehmerschaft
  • zunehmender Ungleichheit
  • wachsender Umweltprobleme
  • externer Schock, wie zum Beispiel die Coronapandemie

Die anschließende rege Diskussion griff Fragen der Menschenrechte, der Plagiate, der Kriegsgefahr – Taiwan – und der von China zu erwartenden Reaktionen auf. Präsident Heger beschloss den fachlichen Teil des Treffens mit einem herzlichen Dank an den Referenten und führte zum geselligen Teil des Abends über

Ulrike Vogt

Ulrike Vogt (RC Müllheim-Badenweiler) verheiratet, drei erwachsene Kinder, Musikerin (Musikhochschule Freiburg) und Musikpädagogin.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Thomas Vogt leitet sie die Initiative "Musik für den Frieden" mit dem Ensemble MIR, ein zivilgesellschaftliches Austauschprojekt von jugendlichen russischen und deutschen Musikern und Tänzern. Ulrike und Thomas Vogt  erhalten zusammen mit ihrem russischen Partner Andrey Korjakov für "Musik für den Frieden" den Göttinger Friedenspreis 2022. Distriktreporterin im Distrikt 1930.