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Distrikt 1820

"Viele von uns drehen gerade am Rad"

Distrikt 1820 -
Philosoph und Publizist Gert Scobel (RC Frankfurt/M. - Alte Oper) © Scobel privat

Ein Gespräch über Gesellschaft und Rotary aus Anlass der Vortragsreihe "1820 Frühlingserwachen" zwischen DG Henning von Vieregge und dem Publizisten Gert Scobel (RC Frankfurt/M.-Alte Oper)

Christian Kaiser08.03.2021

Du bist den Lesern mit deiner Gesprächsrunde SCOBEL in 3 Sat jeden Donnerstag bekannt, aber die wenigsten wissen, dass du auch eine Professur hast.

Tatsächlich bin ich neben meiner Arbeit als Redaktionsleiter und Moderator bei 3sat seit 2016 Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Im Grunde ist natürlich Philosophie an sich bereits interdisziplinär: Aber hier kommt sie noch einmal besonders in den Blick als gemeinsamer "Boden" für Wissenschaft, Technologie, Gesellschaft und das, was man die integrale Wissenschaft vom Menschen nennen könnte. An der stark technisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Hochschule gibt es keine eigene geisteswissenschaftliche Fakultät, die seit einiger Zeit einige neue KollegInnen und ich gleichsam "ersetzen", darunter die Juristin und Unternehmerin Yvonne Hofstetter, Dirk Lanzerath (Geschäftsführer des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften) oder der Bundesdatenschutzbeauftragte und Informatiker Ulrich Kelber. Wir sind, glaube ich, ein hervorragendes Team und sehen unsere Aufgabe darin, das Thema der Verantwortung von WissenschaftlerInnen für unsere Gesellschaft stark zu machen. Darüber hinaus bin ich einer der Direktoren des Zentrums für Ethik und Verantwortung an der Hochschule.

Frühlingserwachen, Obertitel "Rotary und Gesellschaft im Zusammenhang" — Was hat dich bewogen, da mitzumachen?

Ich mag unseren Club sehr, auch wenn ich in den letzten Monaten wenig Zeit dafür hatte. Ich halte diese Idee von Zusammensein und Gemeinschaft für wichtig. Vor allem aber denke ich, dass dort Menschen zusammenkommen, die, wenn sie nur wollen, etwas bewegen können. Wir haben alle einen sehr unterschiedlichen Background. Normalerweise trennt das Menschen in den meisten Kontexten. Mit Rotary gibt es jedoch die Möglichkeit, aus diesen Unterschieden eine echte Stärke werden zu lassen, wenn wir nur gemeinsam und fokussiert agieren.

Der Titel deines Vortrags lautet "Am Rad drehen: Rotary und die große Transformation". Ohne zu viel zu verraten, was meinst du mit dem Titel?

Viele von uns drehen gerade am Rad. Aber umgekehrt können auch wir das Rad der Welt drehen. Abgesehen davon ist im Buddhismus das Rad das Symbol einer Lehre, die nicht nur intellektuelles Kopfkino, sondern praktischer Weg geworden ist – nämlich im Idealfall ein Weg der Weisheit. Leider spielt Weisheit in unserer Gegenwart kaum noch eine Rolle. Sollte sie aber – denn wir alle müssen in den kommenden Jahrzehnten eine Reihe heftiger Transformationen bewältigen, vom Klima bis zur Wirtschaft. Das geht nicht durch ein Leben nach Zahlen, wie sich manche Kollegen anderer Fakultäten das vorstellen. Um das zu schaffen, was wir schaffen müssen – vorausgesetzt, wir wollen keine Egoisten bleiben und uns um die nächsten Generationen mitkümmern – müssen wir auch weiser werden.

Du bist Rotarier. Wie verbunden fühlst du dich der Idee?

In den Jahren, die nun vergangen sind, fühle ich immer mehr Verbundenheit. Und Möglichkeiten. Nun bin ich nicht blauäugig und glaube zum Beispiel nicht, dass Rotary die Welt rettet. Niemand rettet alleine die Welt, weder ein einzelner Verein noch eine einzelne Partei oder ein einzelner Staat. Aber Rotary kann viel dazu beitragen, Probleme zu lösen – sofern wir uns nicht verzetteln und es wirklich gemeinsam wollen. Am Horizont sehen wir ziemlich dunkle Wolken. Ich denke, es ist Zeit, dass wir uns aufmachen.

Henning v. Vieregge


Unter dem Titel "1820 Frühlingserwachen" bietet der Distrikt 1820 zwischen dem 16. und 19. März 2021 eine Vortragsreihe an. Referenten sind Gert Scobel, Rupert Graf Strachwitz, Hans-Peter Meister, Elisa Klapheck, Henning von Vieregge und Rainer Hank., 18.20 Uhr und 20.20 Uhr, Abschluss am 19. 3. 2021um 18.20 Uhr. Teilnahme kostenlos und ohne Voranmeldung. Mehr dazu unter www.rotarydistrikt1820.de

 

Christian Kaiser

Christian Kaiser wurde 1942 in Hessen geboren, machte Abitur in Hanau. Studium der Agrarwissenschaften in Göttingen und Bonn mit Promotion. Pächter der Hessischen Staatsdomäne Kinzigheimerhof bis 2004. Öbuv. Sachverständiger. Verheiratet, zwei Kinder. Seit 1981 im RC Hanau. Präsident 1999/2000, PHF+3. 2011 bis 2021 war er Distriktberichterstatter für D 1820.