27.07.2011

Das Quotenstigma

Dana Horáková

Warum Frauen auch ohne feministische Bevormundung stark sein können

Es war einmal, vor gar nicht so langer Zeit, in einem gar nicht so fernem Land, da befahl ein Mönch einer jungen Frau, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Und dann peitschte er sie eigenhändig „mit recht groben und langen Gerten bis aufs Blut“ aus, wie es eine Zeugin beschwor. Es geschah um 1230 in Marburg, die gezüchtigte war Elisabeth von Thüringen, von Geburt Königstochter, ihr Peiniger Konrad von Marburg, den sie Jahre zuvor zu ihrem Seelenführer erkoren hatte. Doch je rechthaberischer der Kirchenmann wurde, umso entschlossener verfolgte die junge Witwe ihr Anliegen, ein Hospital für Arme zu bauen. Und dann erklärt sie ihrer Magd, warum sie Konrad gewähren ließ: „Es ist mit uns Menschen wie mit dem Schilf, das im Fluss wächst. Schwillt der Fluss an, so wird es hinuntergedrückt und neigt sich. Das Wasser fließt darüber, ohne es zu knicken. Hört die Überflutung auf, so richtet sich das Schilf wieder empor und wächst in seiner

Lebenskraft lieblich und schön.“ War diese Heilige eine starke Frau? Oder ist eher die französische „Marianne“ eine, die barbusig, in der Rechten die Trikolore, in der Linken ein Gewehr, auf dem berühmten Gemälde von Eugène Delacroix das Volk auf die Barrikaden führt? Zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch bieten beide der Gewalt die Stirn. Und beide sind bereit, für ihre Vision zu kämpfen. Die eine mit den Waffen der Männer, die andere „passt“ sich an, vielleicht in der Hoffnung, den Mann doch noch als Verbündeten zu gewinnen. Starke Frauen gab es schon immer, lange bevor das Wort „Emanzipation“ von der Frauenbewegung beschlagnahmt wurde. Folglich waren die Starken keine „Emanzen“, sondern damit beschäftigt, ihr Königreich, ihr Kloster, ihren Betrieb, ihre Familie usw. auf Vordermann zu bringen. Verglichen mit der heutigen, eher überschaubaren Anzahl der Frauen in den Chefetagen (2,3 Prozent) lag die „Quote“ früher vermutlich sogar höher, führt man sich all die Regentinnen, Äbtissinnen, Hexen, Heilerinnen und vor allem die vielen Witwen vor Augen, die „übernahmen“, nachdem ihre Männer in Kriegen und sonstigen Scharmützeln ums Leben kamen. Keiner der früheren Top-Frauen ging es darum, „die Erste“ zu sein. Sie dachten nicht im Traum daran, ihre weiblichen Eigenschaften abzulegen, und wollten auch nicht so stark sein wie der Mann. Die Berufsfeministinnen von heute hingegen erinnern nolens volens an die sagenumwobenen Amazonen, die sich ihre linke Brust, die beim Bogenschießen störte, amputieren ließen, um die männlichen Feinde treffsicherer erledigen zu können. Eine starke Frau kämpft also nicht gegen, sondern um die Männer und verwechselt ihre Wesensstärke nicht mit Dominanz.

Unsinnige Quote

Wenn jedoch der Mann kein Klassenfeind, wird auch die von Feministinnen oft geforderte Quote obsolet – dieses Stigma, das diskriminierend ist, weil sie guten Frauen Rechtfertigungsbedarf aufbürdet und Männern Überlegenheitsgefühl beschert: „DIE hätte es ohne Quote nie geschafft“, heißt es dann.

Womit die Herren recht haben. Eine Frau, die die Quote braucht, ist nicht stark. Um ans Ziel zu kommen, braucht eine starke Frau Mut, Können, Willen und – wie Männer auch – den einen oder anderen Förderer. Eine starke Frau ist kein Männerschreck, aber auch kein anschmiegsames Kuschelweibchen. Sie ist, so scheint es, zuerst einmal gerne Frau. Sie empfindet ihr Geschlecht weder als fatale Bürde noch als ungerechte Strafe, ist kein Mode- und Make-up-Muffel, genießt es, schön und sexy (und schlau) zu sein, wohlwissend, dass Schönheit das Leben einfacher machen kann. Daher wohl liebte Clara Zetkin, dieser „Parteisoldat“ der Kommunisten, ihre Pelze und Perlen, und Hildegard von Bingen ermutigte ihre Nonnen, Schmuck und hübsche Schleier zu tragen. Starke Frauen verweigern sich auch nicht der „Doppelbelastung“ bzw. den berüchtigten „drei Ks“: „Und vielleicht noch ein kleines, ganz kleines Baby?“, bettelt die Revolutionärin Rosa Luxemburg ihren Geliebten an. Auch die Küche kein Ort der Schande: „Ich glaube, ich war stolzer auf meinen speziellen Ruhm als Köchin als auf die ‚Film-Legende‘“, gibt Marlene Dietrich kund. Auch mit der Kirche, der dritten Macht, kommen sie klar: So erschafft sich Lou Andreas-Salomé schon als Kind ihren „ganz alleinigen Spezialgott“. Die starke Frau kann nur antreten, wenn sie begehrt, wenn sie liebt: einen Mann, ihre „Sache“. Und da Liebe per Definitionem nicht unterdrücken will, ist starken Frauen jene Machtgier alias „Durchsetzungsvermögen“ fremd, die man den karrieresüchtigen Männern nachsagt. Soll heißen: Die Starken möchten lieber mitreißen als beherrschen. Diese weibliche, „liebende“ Kraft lässt sich nicht messen. Die männliche Stärke hingegen ist objektiv: Wer springt weiter, hat das dickere Konto? Wer aber möchte entscheiden, ob Elisabeth von Thüringen stärker war als die „grüne Jean D’Arc“ Petra Kelly? Eben dieses Un-Fassbare stiftet jenes Unbehagen, das außerordentliche Frauen immer noch wecken (weil man sie mit kaltherzigen, unerotischen Power-Ladys verwechselt). Besonders imponierend ist auch, dass sich starke mit anderen Frauen solidarisieren können. So empfängt Johanna Schopenhauer in ihrem Salon Christiane Vulpius, obwohl die Weimarer Gesellschaft Goethes „Proleten-Gattin“ schneidet. Ganz anders die Berufsfrauenrechtlerinnen, die starke Frauen gelegentlich sogar als „Antifeministinnen“ angreifen, weil sie sich angeblich nur für ihre persönlichen Belange engagieren. Die große Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich kam denn auch zu der Erkenntnis: „Die Emanzipation hat heute viel mehr mit psychischen Zwängen zu tun als mit gesellschaftlichen. Jeder hier kann heute werden, was er will. Das ist Luxus. Doch viele Frauen sind nach wie vor träge. Und auch eine fatale Missgunst der Frauen untereinander wirkt bis heute.“ Und dann bringt sie es auf den Punkt: „Der größte Feind der Frau ist die Frau.“ Allerdings nur jene, die wie ein Mann sein möchte. Schaut man genauer hin, wirkt die neuzeitliche Frauenbewegung wie eine „rauschhafte Überzeichnung“ (Gertrud Höhler). Unglaublich erfrischend, vor allem jedoch: nivellierend. Und bewirkt hat sie Bescheidenes. Die kinderlose Frau, männergleich, als Teil der Arbeitswelt, wird wohl niemals mehrheitsfähig sein. Und die „Nur“-Hausfrauen vermissen immer noch die entsprechende Wertschätzung.

Die postfeministische Frau

Bleibt die Frage: Wie und was ist nun die starke Frau der postfeministischen Ära? Da wären einerseits die Schlagzeilendamen. Die „Mütter“ einer vielfach vaterlos gewordenen Gesellschaft (Angela Merkel, Alice Schwarzer, Marie-Luise Marjan) sind allesamt kinderlos und androgyn anmutend. Auf der anderen Seite „Germany’s Next Topmodels“, die nicht mehr als emanzipiert gelten wollen, und mithilfe ihrer Reize die Schwächen der Männer ausnützen. Doch dann gibt es zunehmend solche, die bereit sind, beides zu meistern, ihren Beruf und ihre Familie. Mütter und Managerinnen. Auch das ist eigentlich nicht neu: Hildegard von Bingen, die im 11. Jahrhundert als erste Frau der Welt ein Kloster gründete, hatte nur eine Chance, gehört zu werden: wenn sie strategisch die Rolle spielte, die man von einem so „armseligen Geschöpf“ erwartete. Die Frau ist kein Abklatsch des Mannes, predigt die Nonne: „Gott schuf den Menschen, und zwar den Mann von größerer Kraft. Die Frau aber mit zarterer Stärke.“ Daher rät Hildegard den Männern, im Namen Gottes umzudenken. An der Spitze der christlichen Tugenden steht schließlich nicht „stark“ oder „männlich“, sondern „schwach“. Mütterlich muss sein, wer Gott dienen, wer das „Wort Gottes wie eine Frau ein Kind empfangen“ wolle. So schaffen es starke Frauen in der Regel tatsächlich, „Vollweib“ und Erfolgsmensch, zielstrebige Kämpferin und philantrope Liebende, empfindsamer Familienmensch und im Job knallharte Entscheiderin gleichzeitig zu sein. Frei nach dem Motto: Dienen, und dennoch prägen; sich anpassen, und trotzdem bewegen; sich hingeben, und dennoch sich selbst treu bleiben.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Dana Horáková
Dana Horáková war von 2000–2001 stellv. Chefredakteurin der „Welt am Sonntag“ und 2002–2004 Hamburger Kultursenatorin. Zuletzt erschien „Starke Frauen. Verehrt, geliebt, verteufelt“ (Quadriga 2011).

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