Begegnungen mit Václav Havel  - Momente einer Freundschaft

Freundschaft in bleierner Zeit: unsere Autorin mit Vacláv Havel (1936–2011) in den 70er Jahren © Bohdan Holomicek

01.12.2014

Begegnungen mit Václav Havel  

Momente einer Freundschaft

Dana Horáková

In der langen Geschichte Böhmens sind es immer wieder Worte, die zu fundamentalen Veränderungen führen: Der Reformator Johannes Hus, 1415 als Ketzer verbrannt, predigt „Wahrheit siegt!“. Comenius, der die erste illustrierte Enzyklopädie für Kinder verfasst, muss ins Exil. Das erste Staatsoberhaupt der 1918 entstandenen Republik, der Philosophen-Präsident Tomáš Masaryk, erschafft ein geistiges Klima, in dem sowohl Franz Kafka als auch Jaroslav Hašek und Karel ?apek (der das Wort „Roboter“ kreiert) schreiben können. Nicht zu vergessen „Das Manifest der Zweitausend Worte“ von Václav Vaculik – das die Kreml-Bosse veranlasst, den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ am 21. August 1968 mit Panzern zu kastrieren.


Prag, Sommer 1975: Mein Mann Pavel Jurá?ek feiert seinen Vierzigsten. Die Jungs, sprich: seine Freunde Václav Havel & Co., schenken ihm in ihrem subversiven Übermut eine Stripperin. Notabene: Striptease ist im prüden Prag der Kommunisten verboten. Kaum dass das pralle Blondchen in der verqualmten Küche ihre Plastik-Wimpern anlegt, gesellt sich Václav zu ihr und fragt, ob sie denn nicht lieber in einer Demokratie leben würde, um frei zu sein. „Aber ich bin doch frei “, erwidert das Mädchen, „ich habe mir letzte Woche einen Kühlschrank gekauft!“ Und Václav, ob so viel Einfalt empört, legt los mit einer Rede über die ontologischen Wurzeln existentieller Wahrheiten, die jeglichen Kommerzialismus als einer Menschenseele entwürdigend entlarven… Doch die übrigen Herren sind ungeduldig, die Rede bleibt unvollendet, Václav wirkt verstört: so viele gute, wichtige Worte – ohne Echo.


Dorfkneipe „U C?elikovských“ in Horní Po?cernice bei Prag, 1. November 1975: Keine zehn Jahre nach dem „Prager Frühling“ ist die Ermüdung groß, die Leute verfallen in Depression und Defätismus. Die Gefahr, sich in der ideologischen Zwangsjacke einzurichten, ist groß, die Opposition zersplittert: Die Rockmusiker haben keinen Kontakt zu den Schriftstellern, die Eurokommunisten sind nicht an einer Zusammenarbeit mit Theologen interessiert, die Schauspieler finden keine gemeinsame Sprache mit den Studenten. Die Genossen im Zentralkomitee der KP wissen den Stillstand zu schätzen.


Da schreibt Václav Havel, der vom Staatssicherheitsdienst observierte Dramatiker mit Arbeitsverbot, eine „Gauneroper“ und lädt zur Premiere Freunde und Bekannte aus allen Gruppen der „Staatsfeinde“ ein. Die dreihundert, die kommen, sind ein „Who is Who“ der Dissidentenschaft. Der Kneipensaal wird mit Matratzen schallisoliert, um den möglichen Eingriff der Polizei wegen Ruhestörung zu verhindern. Den meist ach so gelassenen Havel packt die Aufregung. Es soll schließlich die einzige Aufführung eines seiner Stücke in der Post-68er-Republik werden. Doch offenbar ist es gelungen, die ganze Aktion unter Verschluss zu halten.


Havel empfindet den nach dem kommunistischen Staatsstreich von 1948 verordneten „sozialistischen Realismus“, der das Theater in ein politisches Instrument des Marxismus-Leninismus verwandeln sollte, als öde und philosophisch falsch. Deshalb macht er sich daran, ein anderes Theater zu entwickeln, ein Theater, das keiner Ideologie verhaftet ist, sondern ein „Fluchtpunkt, an dem alle Kraftlinien eines Zeitalters“ zusammenlaufen.
Schon während der Aufführung der „Gauner-oper“ weiß ich, dass es an diesem Tag um weit mehr geht als um eine Theateraufführung. Es ist ein epochales Ereignis, das Václav zu unserem Vorbild macht. Der Respekt, den ALLE für ihn empfinden, schweißt die heterogene Dissidenten-Szene zusammen und verwandelt sie in das Unterholz der späteren Menschenrechtsbewegung „Charta 77“.


Landhaus von Václav Havel, genannt Hráde?cek (Burglein), 5. Oktober 1976: Václav feiert seinen Vierzigsten. Sein Anspruch an sich, stets originell zu sein, ist unerbittlich. Auch in der Küche. Jeder der geladenen Freunde erhielt im Voraus eine Liste, was er „besorgen“ sollte (schließlich ging man in der kommunistischen Mangelwirtschaft nicht einfach so einkaufen), und dann offenbart der Gastgeber, dass er gedenkt, uns einen „Dreier“ zu kredenzen: Er würde in einer Gans ein Hähnchen und in dem Hähnchen eine Taube braten, gleichzeitig. Kaum dass die Kreation im Ofen landet, steigt im Wohnzimmer eine „fröhliche Party“. Václavs Frau Olga macht den Kamin an, und bald vergessen wir in der Hitze der politischen Dispute den Bräter, den Václav zwischendurch zur Abkühlung auf die aufgeklappte Ofentür gestellt hat. Als er schließlich wieder in die Küche geht, entfährt ihm ein entsetzlicher Schrei. Der Bräter ist leer! Und Olga bemerkt, dass auch ihre Schnauzer-Lady Aida sowie unser Schauzer Moula verschwunden sind. Die Hunde haben Václavs Werk gestohlen und vernascht.


Während es für uns nun Würstchen aus der Dose gibt, fragt der Hausherr nach Freiwilligen, die den Hunden ihre gerechte Strafe zuführen würden. Da sich keiner bereit erklärt, übernimmt er die Aufgabe schweren Herzens selbst und verschwindet mit den Tieren in seinem Arbeitszimmer. Doch statt den beiden den Po zu versohlen, liest er ihnen (wie später dem tschechischen Volk) allen ernstes die Leviten: Natürlich sei Eigeninitiative lobenswert, auch ein kreativer Umgang mit Problemen, aber was ist mit der Verantwortung? Na? Wie sein Namenspate, der heilige Wenzel, ist Havel überzeugt, dass Gewaltlosigkeit das Markenzeichen eines zivilisierten Menschen ist.


Meine Wohnung in der Prager Pa?rížská-Straße, 20. Mai 1977: Im Januar war die „Charta 77“ gegründet und Václav daraufhin als einer der drei Verfasser und Sprecher verhaftet worden. Vier Monate später, nachdem er eingestanden hat, dass er als „Chartist“ vom kapitalistischen Westen missbraucht worden sei, kommt er frei. Das Regime veröffentlicht seinen „Widerruf“, in dem er sogar schwört, „alle Aktivitäten zu unterlassen, die man als kriminell einstufen könnte“. Ein Schlag ins Gesicht aller, die sich endlich (auch seinetwegen!) erhoben hatten.  Es ist schon dunkel, als er am Tag seiner Entlassung an meiner Wohnungstür klingelt. Er wolle nicht stören, aber er möchte eine Erklärung formulieren. In dieser Erklärung, die zwei Tage später im „Westen“ erscheint, erklärt er kategorisch, dass er den „kleinen Finger“, den er dem Regime gereicht hat, als ein „unverzeihliches moralisches Versagen“ empfindet und darunter leidet. Dennoch steht er zu der „moralischen Verpflichtung, die sich aus der Charta ergibt“.


Heute frage ich mich: Weiß er in dieser Nacht, dass er für seine klaren Stellungnahmen irgendwann auch Verantwortung in der politischen Praxis übernehmen muss, um glaubwürdig zu bleiben? Denn auch dies ist in Böhmen Tradition: Dieses Prachtland im Herzen Europas war stets zu klein, um gute Berufspolitiker hervorzubringen. Also sind es immer wieder Akademiker, die als Ersatzpolitiker antreten müssen.Havel wird erneut eingesperrt. Die 189 Wochen Haft sind bedrohlich, aber sie sind auch der Schlüssel zu einer unverwechselbaren Identität. Er „rettet“ sich, indem er schreibt. Seine klugen „Briefe an Olga“ zirkulieren und zünden, seine Freilassung nach dem letzten Gefängnisaufenthalt zementiert seinen Ruhm und sein moralisches Standing.


Prager Burg, genannt Hrad?cany, 29. Dezember 1989: Unter den Losungen des Novembers 1989 in Prag findet sich eine von rarer Prägnanz: „Ahoj, Godote!“ (Hallo, Godot!). Das Warten ist zu Ende, das Unverhoffte ist eingetreten. Havel ist bereit für das größte „Stück“ seines Lebens. Geschrieben hat er es nicht, dafür übernimmt er die Titelrolle: Das Gesicht der „samtenen Revolution“ wird an diesem Tag von dem noch überwiegend kommunistischen Parlament einstimmig zum Präsidenten gewählt.


Die Aufführung von Dvo?áks „Te Deum“ im Sankt-Veits-Dom am Silvesterabend, die der Krönung eines „Erlösers“ gleicht, gibt einen Vorgeschmack auf seinen, sagen wir mal: „unkonventionellen“ Regierungsstil. Der Dramatiker-Präsident krempelt die Burg zu einem Bühnenwerk um. Die Wände des Präsidentenbüros zieren witzige Fresken mit Bildern von Spionen und Clowns und seinem Hund. Jeder, der auf sich hält, eilt nach Prag, um den „schillernden Schüchternen“ zu treffen: Politiker von Rang, Movie-Stars, die Rolling Stones.


Havel bekennt: „An der Macht bin ich mir ununterbrochen verdächtig“. Und er redet, als könnte er sich an Worten festhalten. In seiner ersten Ansprache heißt es: „Ich setze voraus, dass Sie mich nicht deshalb für dieses Amt vorgeschlagen haben, damit auch ich Ihnen Lügen sage. Unser Land blüht nicht.“ Er macht es seinen Landsleuten nicht leicht. Als er sich für die „zutiefst unmoralische Vertreibung der Deutschen“ entschuldigt, bringt ihm das in Deutschland Beifall ein, schwächt aber seine Position daheim. In der Folge distanziert er sich immer mehr von dieser Distanzierung. Den Zerfall des gemeinsamen Staates der Tschechen und Slowaken erlebt er als Niederlage.


Mit allen Vollmachten eines Helden ausgestattet, verlässt er sich immer öfter auf seinen Charme und sein Charisma, statt auf „Handwerk“. Und bleibt ein „Solist“. Sein innerer Kreis aus alten Weggefährten ist vertrauenswürdig, aber ohne Fachkompetenz. Dazu kommt, dass das Wählervolk (und eigentlich auch die ganze Welt) unbewusst einen Deus ex Machina erwartet. Doch die wirtschaftliche Realität schlägt zurück.


Und dann heiratet Havel, der mittlerweile von einigen gar als „moralischer Führer Europas“ tituliert wird, kaum ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Olga die Schauspielerin Dagmar. Seine Sympathiewerte sind im Keller. Aber im Grunde verletzt ihn seine Unbeliebtheit nicht: „Man hat mich zum Mythos gemacht, und nun will man mich entmythisieren.“ Manchmal steht sich der glorreiche Dickschädel selbst im Weg.


Hrad?cany, 17. Dezember 2002: Als Hamburgs Kultursenatorin überreiche ich Havel einen Scheck über eine Million Euro, die die Hanseaten für die Opfer der verheerenden Elbe-Flut im Sommer gesammelt haben. Obwohl Vacláv nicht an einen bärtigen, allmächtigen Alten der Kirche glaubt, schreibt er mir „Ich bitte Dich, bete für mich“ auf einen Zettel. Er spürt: Eine Katharsis ist überfällig. Auch hat in er in seiner 13-jährigen Amtszeit den Parteien und den Protagonisten des „Mafiakapitalismus“ so oft und so öffentlich ins Gewissen geredet, dass er über den Gegenwind, der ihm in jenen Tagen entgegenschlägt, kaum erstaunt gewesen sein wird. Man kann sich über die selbstherrlichen Allüren des Präsidenten mokieren, aber er verliert nie den Scharfblick.


Hráde?cek, ab 2. Februar 2003: Havel kehrt nach dem Ende seiner Amtszeit in aller Stille zu seinem alten Beruf zurück und ist entschlossen, sich dem Alter und der Krankheit nicht kampflos zu ergeben. Sein letztes Stück „Abgang“ verfilmt er selbst. „Abgang“ erzählt von einem alten Mann, der Abschied nehmen muss von einem Amt, das seine Identität bedrohte.

P. S. Als ich ihn im September 1990 erstmals nach seiner Wahl wiedersehe, sieze ich ihn, wie es sich bei einem Staatsoberhaupt gehört. Er aber umarmt mich, legt seinen Kopf auf meine Schulter und sagt: „Spinnst Du? Die Hütte hat sich geändert, der Hund ist der alte geblieben.“ Das ist er. Allen Versuchungen der Macht zum Trotz.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2014

Dana Horáková
Dana Horáková war von 2000–2001 stellv. Chefredakteurin der „Welt am Sonntag“ und 2002–2004 Hamburger Kultursenatorin. Zuletzt erschien „Starke Frauen. Verehrt, geliebt, verteufelt“ (Quadriga 2011).

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