Titelthema: Tradition - Das ungeliebte Problemwort

Die Weimarer ­Klassik gilt als ­Inbegriff ­deutscher Hochkultur. Doch ein Maßstab für alle Deutschen ist auch sie nicht. Kann vor die­sem Hintergrund Kultur ein Maßstab für Integration sein? © Foto: ddp images/Arkivi UG

01.06.2017

Titelthema: Tradition

Das ungeliebte Problemwort

Jens Nordalm

Der Begriff der „Leitkultur“ ist umstritten. Und doch braucht die Gesellschaft einen Wertekanon, der Einheimische und Zuwanderer verbindet.

Dies ist gefühlt die tausendste Auflage der Leitkultur-Debatte. Da hatte neulich einer ihrer Kri­tiker nicht Unrecht. Aber das heißt wiederum auch, dass es um etwas zu gehen scheint. Und zweitens, dass Bei­träge zur Klärung des Begriffs und der Be­griffe nach wie vor nötig sind. Um uns klar zu werden, ob der Begriff der „Leitkul­tur“ die Antwort richtig benennt, müssen wir uns zuerst um die richtige Fassung der Frage bemühen.

Grundlagen des Zusammenlebens

Was wir wissen wollen, ist doch: Was kann Integration heißen? Was kann den Zusammenhalt einer Gesellschaft von Menschen verschiedenster Herkunft begründen? Wie können wir das nennen, dessen Anerkennung durch jeden in Deutschland Lebenden wir fordern wollen? Was sind die Grund­lagen eines gelingenden gesell­schaft­lich-politischen Zusammenlebens? Was wir sein und erreichen wollen, ist doch: eine Gesellschaft von Bürgern, welcher Her­kunft auch immer, die unser Gemeinwesen bejahen und an ihm möglichst teil­­nehmen, zumindest als einigermaßen wohl­wollende Beobachter.

Dieses „Wir“, nebenbei, von dem hier die Rede ist, soll das Wir einer staatsbürgerli­chen politischen Diskussionsgemeinschaft sein, sozusagen das Wir des Bundespräsi­denten, wenn er sich an die Bürgerinnen und Bürger wendet. Es passiert in dieser Debatte schnell, dass dieses Wir als ein von vornherein ausgrenzendes denunziert wird, gegen „die Anderen“. Es ist aber ein­fach das probeweise Wir einer versuchten staatsbürgerlichen Selbstverständigung.

Grundlage unserer gesellschaftlichen und politischen Ordnung sind Werte. Ohne die Aneignung von Werten, also von Kulturellem, sind die Achtung dieser Ordnung und ein bürgerliches Mithandeln im gesellschaftlich-politischen Raum un­­mög­lich. Die Werte, die Kultur, die wir da anzuerkennen fordern können, sind: die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen; die Gleichwertigkeit der Menschen und die sich aus ihr ableitende Gleichheit der Rechte der Bürger, unabhängig von Geschlecht oder anderen Merkmalen; der unvergleichliche Wert jedes Menschen und sein Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit; die Anerkennung der Lebensentwürfe und geistigen Orientierungen anderer und damit auch der Respekt vor der Freiheit des religiösen Bekenntnisses (einer Freiheit, die die Trennung von Staat und Religion zwingend macht).

Es macht nun offensichtlich keinen Sinn, diese in unser Grundgesetz eingegangenen Werte als Momente einer deutschen Kultur zu bezeichnen. Sie sind viel­mehr Ausdruck und Erbe europäischer antiker, jüdisch-christlicher, humanistischer und aufklärerischer Traditionen. Man könnte die Forderung, diese Werte anzunehmen und die entsprechende Ordnung wertzuschätzen, die Forderung nach einem „Verfassungspatriotismus“ (Dolf Sternberger) nennen. Und dies geschieht auch oft, meist aber leider, um einem solchen Ent­wurf dann „Kälte“ und „Unvollständigkeit“ vorzuwerfen. „Wir lieben doch nicht unser Grundgesetz, ein Papier!“, heißt es dann. Nein, einen Text nicht; aber die ihm weitgehend folgende Freiheitsordnung, die könnten wir schon lieben.

Aber vor allem ist gegen jene Rüge des Verfassungspatriotismus zu fragen: Was ist denn dieses „Mehr“ über die genannten Werte hinaus, von dem dann fordernd die Rede ist? Welche Rolle kann denn in unserem Zusammenhang der Patriotismus als „enge emotionale Bindung an Heimat und Brauchtum“ spielen, wie es ja formuliert wird? Was kann die „Liebe zu Deutschland“, was können Stolz und Freude an Schiller und Beethoven, an unseren Dörfern und Fachwerkhäusern, an unseren gepflegten Landschaften, am Wirtschaftswunder oder an der sozialen Sicherheit bei uns (so sind ja die Listen) zur Erhellung der Frage beitragen, was wir sinnvoll als Integrationsbereitschaft fordern können?

Erschienen in Rotary Magazin 6/2017

Jens Nordalm
Dr. Jens Nordalm ist Historiker und Publizist. Er hat u.a. als Redenschreiber im Bundespräsidialamt gearbeitet sowie für Die Welt, FAZ und Merkur geschrieben. jens-nordalm.de

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