15.06.2010

Dokumentation

Der richtige Papst

Martin Mosebach

Die spirituelle Aushöhlung hatte bedrohliche Ausmaße erreicht. Ist es sehr zynisch, zu vermuten, dass eine solche Kirche vielen ihrer Feinde nicht unwillkommen war?

In Zeiten, in denen Papst Benedikt von vielen kritisiert wurde, ergriff der Schriftsteller Martin Mosebach in der Tageszeitung Die Welt Partei für den Pontifex. Wir dokumentieren einen Auszug:

„Eine uralte Formel nennt auf offiziellen Dokumenten der Kirche jeden Papst, gleichgültig ob er sich in höchster Bedrängnis befand oder ob ihm seine historische Stunde günstig war, ‚feliciter regnans – einen glücklichen regierenden Papst’. Es könnte so aussehen, als hätte diese Formel, auf Benedikt XVI. angewandt, einen ironischen oder gar bitteren Beigeschmack.

Hat ein Mensch, der mit jeder seiner Äußerungen Fehldeutungen auslöst, wirklich Glück? Der als erster Papst seit Petrus den Versuch unternimmt, das Neue Testament mit den Augen eines Juden zu lesen, und dem dennoch beständig der Ruf entgegenschallt, er sei Antisemit?

Der mit seiner Regensburger Rede den ersten wirklich profunden und überaus fruchtbaren Dialog der katholischen Kirche mit dem Islam angestoßen hat und der stattdessen beschuldigt wird, das Verhältnis zum Islam zerstört zu haben? Der den Missbrauch von Kindern durch Priestern mit einer Schärfe verurteilt hat, als habe er das christliche Mitleid mit den Sündern vergessen, und dafür beschimpft wird, er decke in Wirklichkeit die Übeltäter?

Das Gegenteil von Glück ist Pech. Hat Papst Benedikt einfach Pech? Gelingt es seinen Gehilfen nicht, den Papst wirkungsvoller ‚zu verkaufen’ , wie eine Redewendung lautet, die suggeriert, man könne mit den richtigen, den durchtriebenen Methoden alles an den Mann bringen? Im einzelnen Fall könnte dieser Eindruck entstehen, aber wenn man alles zusammennimmt, dann erkennt man schnell: Nein, Pech ist das falsche Wort.

Natürlich ist da die Erinnerung an die öffentlichen Erfolge seines Vorgängers, des die Herzen bezwingenden Johannes Paul II. Er führte die Kirche zu einer Präsenz in der Welt, die nur noch mit der Wirkung der mittelalterlichen Päpste vergleichbar war. Aber es ist kein Geheimnis, dass hinter einer strahlenden Fassade der innere Zustand der Kirche längst aufs Höchste gefährdet war.

Die spirituelle Aushöhlung hatte bedrohliche Ausmaße erreicht. Ist es sehr zynisch, zu vermuten, dass eine solche Kirche vielen ihrer Feinde nicht unwillkommen war? Eine Kirche, die dabei war, ihr religiöses Gewicht zu verlieren, ihre Andersheit, ihre Sakralität – mit der kam man zurecht, da konnte die alte, immer noch aktuelle Devise Voltaires ‚Écrasez l‘infâme’ eine Weile zur Seite gelegt werden.

Bei Benedikt spürt man den beinahe schon vergessenen Wahrheitsanspruch der Kirche zurückkehren; es wird deutlich, dass der Papst es mit seinem Kampf gegen den Relativismus ernst meint und dass er vor allem die Katholiken dafür gewinnen will, wieder katholisch zu sein. Das begreift ein einflussreicher Teil der veröffentlichten Meinung als Kriegserklärung. Ihre Antwort darauf ist: Dieser Papst darf keinen Fuß auf den Boden bekommen. Wäre er ein Politiker, er müsste nervös werden. Aber die Stärke dieses sanften und behutsamen Mannes, der für sich selbst die Anwendung von Machtmitteln ablehnt, besteht darin, dass er eben kein Politiker ist.

Er hat seine Aufgabe erkannt, er ist der Einzige, der sie erfüllen kann, er ist an der richtigen Stelle – ist das nicht auch Glück? Und deshalb ist Benedikt XVI. im vollen Wortsinne gleichfalls ein ‚glücklich regierender Papst’.

 

Den vollständigen Text finden Sie unter www.welt.de

Erschienen in Rotary Magazin 6/2010

Martin Mosebach

Martin Mosebach ist Autor zahlreicher Romane und Essaybände. Zu seinen wichtigsten Titeln gehören „Westend“ (1992), „Der Nebelfürst“ (2001), „Schöne Literatur. Essays“ (2005) und „Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind“ (2007). Zuletzt erschienen „Was davor geschah“ (2010) und „Als das Reisen noch geholfen hat. Von Büchern und Orten“ (2011). Martin Mosebach ist u.a. Träger des Kleist-Preises (2002) und des Georg-Büchner-Preises (2007). Sein Werk erscheint im Münchner Carl-Hanser-Verlag.

www.martin-mosebach.de

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