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Deutschland einig Vaterland?

Titelthema - Deutschland einig Vaterland?
Alexanderplatz, Berlin-Mitte, 1985 © Harald Hauswald

Die Ostdeutschen sind seit 1945 gegenüber den Westdeutschen benachteiligt gewesen. Aber von wem? Nicht von den Westdeutschen, sondern vom Schicksal

Richard Schröder01.10.2020

Seit einiger Zeit gibt es verstärkt Bemühungen um eine Revision der Vereinigungsgeschichte. Bisher wurde sie so erzählt: Weil die SED-Führung sich Gorbatschows Reformkurs widersetzte, stieg in der DDR die Unzufriedenheit. Die einen resignierten und wollten nur noch fort. Die anderen protestierten. Erstmals seit 1953 kam es in der DDR zu Demonstrationen, von denen die Leipziger Montagsdemonstration die mächtigste war. Am 9. Oktober sollte sie zerschlagen werden. Es kamen jedoch viel mehr als erwartet. Die Sicherheitskräfte wagten deshalb den Einsatz nicht und zogen sich zurück. Das Eis war gebrochen. Im ganzen Land wurde nun demonstriert. Das führte zu einer Palastrevolte im Politbüro. Drei Politbüromitglieder zwangen Honecker zum Rücktritt. Als sie aber bei der nächsten Sitzung auch Glasnost praktizieren wollten, missriet die erste Pressekonferenz dergestalt, dass Schabowski unbeabsichtigt die Maueröffnung auslöste. Damit stand die deutsche Frage plötzlich auf der Tagesordnung. Die DDR-Bevölkerung fuhr massenhaft in den Westen und befand: so möchten wir auch leben. Zum Erstaunen vieler Westdeutscher kam der Ruf nach der deutschen Einheit aus dem Osten, erst als Zitat aus dem verbotenen Text der DDR-Nationalhymne: „Deutschland einig Vaterland“, im Februar 1990 aber mit drohendem Unterton: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr.“

Nach der Maueröffnung vollzog sich die Delegitimierung der SED-Herrschaft in atemberaubendem Tempo. Am 1. Dezember strich die Volkskammer die führende Rolle der SED aus der DDR-Verfassung. Am 7. Dezember trat der Zentrale Runde Tisch zusammen, je zur Hälfte mit Vertretern der Blockparteien und Vertretern der oppositionellen Bewegungen besetzt, um freie Wahlen und den Übergang zur parlamentarischen Demokratie vorzubereiten. Im ganzen Land bildeten sich solche Runden Tische. Das war die Herbstrevolution, die die Diktatur beendete.

Der Vereinigung folgte eine umfassende Umgestaltung des Ostens. Die „Bezirke“ wurden aufgelöst und die Länder, wie sie noch bei Gründung der DDR bestanden hatten, wiedergegründet. Sie gaben sich neue Verfassungen. Eine neue Verwaltung, ein neues Justizwesen wurden errichtet, die kommunale Selbstverwaltung wiedereingeführt. Der weit fortgeschrittene Verfall der Städte wurde gestoppt, die Infrastruktur rundum erneuert. Und das alles mit erheblicher finanzieller, aber auch personeller westdeutscher Unterstützung.

Diese Einigungserzählung erzählt nichts Falsches. Sie erzählt eine schöne Erfolgsgeschichte. Sie ist aber nicht vollständig. Denn von der DDR-Wirtschaft war bisher nicht die Rede. Das ist aber der Punkt, an dem die Revisionisten der Einigungsgeschichte ansetzen.

Die neue Vereinigungserzählung geht so: Nach der Herbstrevolution gab es für die DDR die Chance, eine neue, der west-deutschen überlegene Form von Demokratie zu verwirklichen. Aber durch den Beitritt habe der Westen diese Chancen niedergewalzt. Mithilfe der Treuhandanstalt sei die DDR-Wirtschaft ruiniert worden, um der westdeutschen Wirtschaft ostdeutsche Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Dabei hätten sich Westdeutsche massiv bereichert, während Ostdeutsche benachteiligt worden seien, indem ihnen höhere Preise genannt, Kredite verweigert und die Altschulden der Betriebe nicht erlassen wurden.

Jetzt geht’s um Ost-West-Gegensätze

Zwei „Streitschriften“, eine von der sächsischen Landesministerin Köpping, die andere von dem renommierten ostdeutschen Historiker Kowalczuk, haben solche Thesen sehr publikumswirksam verbreitet, allerdings pauschal und ohne Belege. In einem Fall aber wird Köpping konkret. Das Elektrokeramikwerk Großdubrau mit modernsten Maschinen sei von einem Westdeutschen gekauft und geschlossen worden. Die Maschinen, die Rezepturen und den Tresor mit dem letzten Gehalt habe er über Nacht gen Westen abtransportiert. Wer bei Google „Großdubrau“ eingibt, kann einem Bericht der Bundesregierung an den Bundestag entnehmen, dass Großdubrau nie an einen Westdeutschen verkauft worden ist. Es gehörte nämlich zum VEB Keramische Werke Hermsdorf. Dieses hat zum Zweck der Standortkonzentration Großdubrau geschlossen und die Maschinen nach Sonneberg in Thüringen verbracht. In Sachen Treuhandanstalt werden serienweise derartige Fake News kolportiert. Da dominiert in Ost und West die Leichtgläubigkeit im Schlechten.

Die neue Erzählung unterscheidet sich von der bisherigen dadurch, dass der Ost-Ost-Gegensatz der Herbstrevolution zwischen Partei und Volk keine Rolle mehr spielt. Jetzt geht es um Ost-West-Gegensätze. Die Ostdeutschen seien enteignet, kolonialisiert und gedemütigt worden. Kowalczuk behauptet gar, die Herabwürdigung der Ostdeutschen sei westdeutsche Staatsraison geworden. Er sollte bedenken: es gibt beabsichtigte und unbeabsichtigte Demütigungen. Und drittens gibt es die eingebildeten. Dafür sind Verunsicherte besonders anfällig. Sicher sind im Zuge der Vereinigung viele Fehler gemacht worden. Hier aber wird anderes unterstellt: niederträchtige Absicht. Die wirtschaftlichen Probleme, die von 1990 an immer deutlicher sichtbar wurden, werden nun nicht mehr der SED und der Planwirtschaft angelastet, sondern der Treuhandanstalt und damit dem Westen. Köpping behauptet gar, die Demütigungen der Ostdeutschen durch die Treuhandanstalt seien der Grund für ostdeutsche Ausländerfeindlichkeit: nun wollen sie auch jemanden demütigen. Dagegen spricht die Chronologie. Der erste ausländerfeindliche Exzess nach der Vereinigung fand 1991 in Hoyerswerda statt. Es folgte 1992 Rostock-Lichtenhagen. Todesopfer forderten aber erst die Anschläge westdeutscher Neonazis in Mölln (1992) und Solingen (1993).

Einigungsschock und Einigungsfrust

Warum findet die neue Einigungserzählung nennenswerte Zustimmung – übrigens auch im Westen? In den 90er Jahren konnte man im Osten sehr oft hören: So habe ich mir die Einheit nicht vorgestellt. Es gab eine Einigungsenttäuschung, die vor allem durch die einbrechende Arbeitslosigkeit, aber auch durch Übererwartungen an die Einheit bedingt waren. Dazu kamen die postrevolutionären Orientierungsprobleme – nicht nur für Jugendliche. Das Bisherige gilt nicht mehr. Was gilt jetzt? Natürlich gab es auch die positiven Erfahrungen, den Freiheitsgewinn: Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Organisationsfreiheit, Wahlfreiheit bei Ausbildung, Studium und (je nach Angebot) Beruf, Gewerbefreiheit. Aber den Einigungsschock und den Einigungsfrust im Osten gab es auch. Sie geben dem neuen Narrativ ein Körnchen Wahrheit, mehr aber nicht. Und mit dem Ausdruck „Einigungsschock“ wird die Sache, genauer besehen, falsch adressiert.

Es ging ja 1989/90 nicht um einen, sondern um drei ineinander verschachtelte Prozesse. Erstens die Herbstrevolution in der DDR. Da waren die Ostdeutschen noch unter sich und erzwangen den Abtritt der SED-Diktatur. Die unausweichliche Folge dieser Revolution war die zweifache Transformation von der Diktatur zur parlamentarischen Demokratie und von der zentralen Planwirtschaft zur (sozialen) Marktwirtschaft. Diese beiden Prozesse mussten alle ehemals sozialistischen Länder durchlaufen. Überall war das sehr schmerzhaft. Da den anderen ehemals sozialistischen Ländern keine Währungsunion mit einem westlichen Bruderland gegeben war, haben sie ihre Staatsschulden durch Inflation getilgt und dabei die Sparguthaben vernichtet. Das blieb den Ostdeutschen erspart. Für all diese Härten stehen den Polen oder Ungarn keine westlichen Sündenböcke zur Verfügung. Sie sagen, es sei ungerecht, dass die Ostdeutschen mit westlicher Unterstützung so komfortabel die sozialistischen Erblasten losgeworden sind, sie aber nicht. Und tatsächlich nimmt in allen ökonomischen Parametern Ostdeutschland unter den ehemals sozialistischen Ländern die Spitzenposition ein – außer bei „Forschung und Entwicklung“.

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Brunnen der Völkerfreundschaft, Alexanderplatz, Berlin-Mitte, 2019 © Harald Hauswald

Das widerspricht aber völlig dem Selbstbild derjenigen Ostdeutschen, die sich als benachteiligt und Bürger zweiter Klasse verstehen. Sensible Westdeutsche schlagen sich deshalb an die Brust. Aber dieses Gefühl der Benachteiligung ist nicht, wie die neue Einigungserzählung behauptet, durch verfehlte westdeutsche Einigungspolitik entstanden. Die Ostdeutschen haben es in die Einigung mitgebracht. Es hat sich ihnen seit 1945 eingebrannt. Von 1949 bis 1989 sind immer zehnmal mehr Ostdeutsche in den Westen gegangen (oft unter Lebensgefahr) als Westdeutsche in den Osten. Die Ostdeutschen hatten, gelinde gesagt, die weniger erfreuliche Besatzungsmacht. Gerecht war es nicht, dass sich dies nach 1990 für sie noch einmal nachteilig ausgewirkt hat, indem sie die postrevolutionären Umstellungsleistungen erbringen mussten, während im Westen zunächst alles bei Gewohntem blieb, da dort keine Revolution die Verhältnisse erschüttert hatte.

Ja, die Ostdeutschen sind seit 1945 gegenüber den Westdeutschen benachteiligt gewesen. Aber von wem? Nicht von den Westdeutschen, sondern vom Schicksal. Denn die Verteilung der Besatzungsmächte ist 1945 nicht nach Verdienst der Bevölkerung erfolgt, hat aber extrem verschiedene Lebenschancen zur Folge gehabt, und zwar bis heute.

Wenn die neue Einigungserzählung im Osten tatsächlich mehrheitlich feste Überzeugung wäre, müssten die Ostdeutschen als Betrogene und Bestohlene mit ihrer persönlichen Lage höchst unzufrieden sein und die deutsche Einheit verfluchen.

Mehr Vorteile als Nachteile

Umfragen belegen das Gegenteil. Der Deutsche Post Glücksatlas hat erhoben, dass auf einer Skala von 1 bis 10 die Westdeutschen ihre Zufriedenheit je nach Bundesland zwischen 7,12 und 7,44 platzieren und die Ostdeutschen zwischen 6,76 und 7,09. Die Differenzen innerhalb des Ostens und des Westens sind also fast so groß wie die zwischen Ost und West. Das heißt: sie trennen nicht. Zudem erklären 70 Prozent der Ostdeutschen, ihre heutige Lage habe sich gegenüber der in der DDR verbessert. Und 60 Prozent der Ostdeutschen erklären, die Vereinigung habe ihnen mehr Vorteile als Nachteile gebracht. Von den Westdeutschen sehen das nur 56 Prozent so.

Und wenn wirklich die Treuhandanstalt die DDR-Wirtschaft ruiniert hätte, wie bitte wollen wir dann erklären, dass die Arbeitslosenquote (das heißt die Anzahl derjenigen, die Arbeit suchen und keine finden) sich in Ost und West kaum noch unterscheidet und die Beschäftigungsquote (das heißt der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung, die tatsächlich einen Arbeitsplatz hat) im Osten sogar höher ist als im Westen? Die Treuhandanstalt habe ohne Not massenhaft Arbeitsplätze im Osten vernichtet, aber heute gibt es davon im Osten ein wenig mehr als im Westen – wie bitte reimt sich das?


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Richard Schröder
Prof. Dr. Richard Schröder (RC Berlin-Brandenburger Tor) war bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie in Verbindung mit Systematischer Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender der SPD in der letzten und einzig frei gewählten Volkskammer der DDR sowie Abgeordneter im Deutschen Bundestag zur Zeit der Wiedervereinigung. Schröder ist Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Nationalstiftung. Zuletzt veröffentlichte er „Weltoffenes Deutschland?: Zehn Thesen, die unser Land verändern“ (Herder Verlag, 2018).

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