Titelthema - Putins letztes Turnier

Fußball in Russland: Begeisterung ja, aber nicht so groß wie in England oder Deutschland © Illustration: Simon Prades

01.06.2018

Titelthema

Putins letztes Turnier

Igor Grezkij

Die Fußball-WM nach Russland zu holen, war ein persönliches Anliegen des russischen Präsidenten. Seine Landsleute teilen die Begeisterung für den Sport eher nicht

Die Fußballweltmeisterschaft 2018 wurde im Jahr 2010 in einer sehr angespannten Lage an Russland vergeben. Aus diesem Grund hielten die Buchmacher ein Jahr vor dem Votum nicht Russland, sondern England für den aussichtsreichsten Kandidaten.

Zudem hatte McKinsey für die FIFA sämtliche Bewerbungen ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass die Risiken, die vorhandene Infrastruktur und die zu erwartenden Einnahmen nicht für Russland sprachen. Und hinzu kam, dass Journalisten der britischen BBC wenige Tage vor der endgültigen Abstimmung argwöhnten, dass das FIFA-Exekutivkomitee bei der Wahl der Gastgeberländer der Weltmeisterschaften bestechlich sei.

Die Anschuldigungen waren so massiv, dass das Mitglied des Olympischen Komitees Russlands, Schamil Tarpischtschew, der Meinung war, dass nach diesen Enthüllungen Russland kein Spitzenanwärter mehr wäre und wohl auch kaum der Gastgeber des Turniers würde. Doch entgegen allen Umständen war die FIFA Russland sehr wohlgesonnen und traf ihre endgültige Wahl zu seinen Gunsten. Gewissermaßen siegte von allen Bewerbern derjenige, der am wenigsten zur Ausrichtung des Turniers in der Lage war.

Kein Fußball-Land
Die Russen selbst nahmen diese Nachricht positiv auf, eine Euphorie ist allerdings ausgeblieben. Dies liegt nicht etwa daran, dass sich in Putins Regierungszeit die Leute daran gewöhnt haben, dass in ihrem Land immerzu irgendwelche Top-Turniere stattfinden. Vielmehr kann man Russland ganz allgemein kaum als Fußball-Land bezeichnen. Fußball ist hierzulande keine Leidenschaft, wie in Deutschland oder England, sondern nichts weiter als ein hitziges Schauspiel im Fernsehen, wie so vieles.

In den Großstädten sind nicht Fußball, sondern Fitness und Schwimmen die am meisten verbreiteten Sportarten. In Fußball-Stadien gehen die Russen nicht allzu gern. Die durchschnittlichen Besucherzahlen von russischen Meisterschaftsspielen haben sich seit sieben Jahren nicht verändert und liegen bei 12.000–13.000 Besuchern, während es in Deutschland 44.500 sind. Die Tickets für die Spiele sind zwar einigermaßen erschwinglich, jedoch halbleere Ränge bei Spielen der Premier-Liga vollkommen alltäglich.

Die Fußballfans schreckt ab, dass eine geeignete Infrastruktur fehlt und Polizei und Stadionmitarbeiter die Leute abfällig behandeln. Eine relativ qualitätsvolle Atmosphäre vermochten in den Stadien allenfalls nur die regelmäßig auf internationalem Parkett spielenden Klubs wie „Spartak“, „Zenit“, „ZSKA“ und „Krasnodar“ zu erzeugen. Im Unterschied zu europäischen Mannschaften leben die russischen Profi-Fußballklubs von Sponsorengeldern und nicht vom Geld der Zuschauer.

Fast alle werden vom Staat unterhalten. Und für den Fall, dass sich die Finanzen des Klubs plötzlich verbessern, wird die finanzielle Unterstützung des Staats gekürzt. Unter diesen Umständen wird niemand allzu erpicht sein, mit Fanartikeln oder Tickets Geld zu verdienen. Man zieht die stabilen Geldspritzen seitens des Staates bzw. staatlicher Unternehmen vor. Private Mittel investiert niemand in den russischen Fußball, da der Durchschnittspreis für ein Ticket 2 bis 5 Euro kostet und dies jede Investition unrentabel macht.

Gleichwohl hat es die Regierung nicht eilig, die ineffiziente Subventionierung der russischen Clubs einzustellen, da Fußballspiele die beliebteste Sportunterhaltung im TV sind. Dennoch hat der Fußball in den letzten 30 Jahren nach und nach sein Fernsehpublikum verloren, das Seifenopern anstelle von farblosen Fußballspielen auf höckerigem und zertrampeltem Rasen bei leeren Tribünen immer mehr den Vorzug gibt. Im Jahr 2017 z.B. lag die höchste Zuschauerzahl der Spiele der Premier-Liga bei 5,4 Millionen, was ungefähr nur die Hälfte der Zuschauerzahl in der Mitte der 2000er Jahre ist.

Als Folge davon haben die Fernsehanstalten immer weniger Lust, Rechte an der Ausstrahlung der Spiele zu erwerben. Zum Vergleich: Die Einnahmen der deutschen Bundesliga aus dem Verkauf der Fernsehrechte betrugen in der Saison 2017/18 1,4 Milliarden Euro, während die russische Premier-Liga lediglich 30 Millionen Euro einspielte. 

Die Spiele des Präsidenten
Nachdem Russland dennoch die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2018 zugesprochen wurde, erklärte Wladimir Putin, dass er mit einem Sieg der russischen Auswahlelf bei den Heimmeisterschaften rechnet. Damals sagte sein enger Freund, der Chef des russischen Fußballverbandes, Sergej Fursenko, dass dieses strategische Ziel ganz sicher erreicht wird. Heute will man von diesen Erklärungen lieber nichts mehr wissen, und die führenden Persönlichkeiten des Staates halten sich in ihren Wertungen zurück.

In den letzten sechs Jahren ist Russland im FIFA-Rating heftig abgerutscht, von Platz 9 (2012) auf Platz 66, was das schlechteste Ergebnis überhaupt in der gesamten Geschichte ist. Bei der Meisterschaft zu Hause wird die Mannschaft neben Saudi-Arabien die schwächste unter allen Teilnehmern sein. Im Übrigen: Auch die Fans verlieren allmählich das Interesse an den Spielen der Nationalelf.

Im Herbst 2017 fand ein Freundschaftsspiel gegen eine der ganz großen Mannschaften des internationalen Fußballs, die Auswahl Argentiniens, statt. Die Übertragung haben lediglich 14,2 Millionen Russen gesehen. 2009 hatten die Begegnung der gleichen Gegner noch über 21 Millionen russische Zuschauer am Bildschirm verfolgt. Nur vier Prozent der Russen glauben, dass Russland den Pokal gewinnt, was im Großen und Ganzen mit dem statistischen Fehler bei Umfragen vergleichbar ist.

Bei der vorhergehenden Meisterschaft machten die Optimisten noch 13 Prozent aus. Indes ist die sportliche Komponente der Weltmeisterschaft für die russischen Behörden nur zweitrangig. Viel wichtiger ist die Wirkung für die Politik und die Propaganda. Die Fußball-Weltmeisterschaft ist das großartigste internationale Sportereignis. Das Endspiel werden an den Fernsehern mindestens zehn Prozent der Erdbevölkerung verfolgen. Für den Kreml ist das eine unschlagbare Möglichkeit zu zeigen, dass Russland nicht isoliert ist und die Sanktionen des Westens wirkungslos und ineffizient sind.

Auch die innenpolitische Bedeutung des Turniers ist nicht zu unterschätzen. Für dieses Sportereignis werden neue Stadien, Straßen, Bahnhöfe und Flughäfen gebaut und dafür riesige Summen aus dem Staatshaushalt bereitgestellt. Wie schon bei den Olympischen Spielen in Sotschi haben den Zuschlag für deren Bau Unternehmen erhalten, an deren Spitze Leute aus der engeren Umgebung Putins stehen.

Für die kremlnahe Elite ist dies eine sichere Methode, auf Kosten des Staates reich zu werden, und für Putin, einen noch stärkeren Einfluss auf seine Umgebung zu erlangen und sein Regime von innen heraus zu festigen. Die Versuche, die Weltmeisterschaft 2018 zu boykottieren und die Aufrufe manch ausländischer Politiker, Russland die WM wegzunehmen, helfen Putin lediglich dabei, den Schatten, den die Korruption wirft, beiseitezuschieben und seinen Personenkult unter den Russen zu forcieren.

Letzten Endes ist diese Strategie jedoch aussichtslos. Denn nach den Doping-Affären im russischen Sport und dem hoffnungslos ramponierten Ruf auf der internationalen Bühne darf behauptet werden, dass die Weltmeisterschaft 2018 für Russland die letzte Großveranstaltung der Ära Putins sein wird.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2018

Igor  Grezkij
Dr. Igor Grezkij ist promovierter Historiker und Dozent am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität St. Petersburg sowie Mitglied des russisch-deutschen Forums „Petersburger-Dialog“.

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