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Rotary Aktuell

Was Corona mit unserem Denken macht

Rotary Aktuell - Was Corona mit unserem Denken macht
Mitte März: Papst Franziskus betet vor dem Pestkreuz in der Kirche San Marcello al Corso in Rom © Vatican Media/ag.siciliani/kna

Das Virus raubt Freude, Freunde und Familie, aber gleichzeitig beflügelt es unsere Vorstellungs- kraft. Aus der Gelegenheit resultiert die Verpflichtung, neu zu Denken.

Manuel Herder01.06.2020

Stellen wir uns einmal Folgendes vor: Vor einem halben Jahr, also im Dezember 2019, wäre ein jüngeres Mitglied Ihres Clubs auf Sie zu gekommen und hätte Sie gefragt: „Mein rotarischer Vorsatz für das Jahr 2020 ist es, unseren Club einmal dazu zu bringen, ein Meeting im Internet per Videokonferenz abzuhalten.“ Dann wäre das jüngere Mitglied Ihres Clubs auf den Punkt gekommen und hätte Sie gefragt: „Wissen Sie, ich bin ja noch neu hier und traue mich die Frage nicht selbst zu stellen. Aber könnten Sie nicht beim nächsten Meeting das Wort erheben und einmal vorschlagen, dass wir uns alle via Internet treffen?“ Ich erspare Ihnen unangenehmes Grübeln und gebe zu, meine Antwort wäre „Nein“ gewesen. Zwar habe ich von Berufs wegen regelmäßig Videokonferenzen über unsere verschiedenen Unternehmensstandorte hinweg und arbeite in einem digitalisierten Verlagshaus, aber Rotary per Videokonferenz? Unvorstellbar. Auf so eine verrückte Idee konnten nur Spinner oder Nerds kommen.

Einige davon hatte ich einige Jahre früher im Sommer kennengelernt, als sich bei unserer Distriktkonferenz ein paar junge Leute vorstellten und sagten, dass sie vom Online-Rotary-Club kämen. Ich war wirklich interessiert und sie schickten mir einen Link, unter dem ich hätte teilnehmen können. Glauben Sie, ich hätte jemals teilgenommen? Mittlerweile tagt mein Rotary Club via Online-Konferenz, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das im Dezember noch Unvorstellbare ist im Juni zur Selbstverständlichkeit geworden. Corona macht Unmögliches möglich. Technisch? Nein, die Technik war schon da. Es macht Unmögliches in unseren Köpfen möglich. Es verändert unser Denken. Denken. Was ist das eigentlich?

Das Undenkbare wird möglich

Wir alle kennen den Denker von Auguste Rodin. Wir kennen die Endprodukte jeweiligen Denkens, aber wissen nur kaum, wie es zu diesen Ergebnissen kam. Als Rodin Mitte 30 war, zog er nach Italien, um das Geheimnis Michelangelos zu verstehen. Die Ergebnisse seines Denkens sind in seiner Kunst ansichtig, aber wie kam er dahin? Wie dachte er?

Stellen Sie sich vor, ein Unternehmer oder Behördenleiter wäre letztes Jahr vor seine Mitarbeiterschaft getreten und hätte gesagt, dass das Bürogebäude einige Monate saniert wird und deswegen alle so schnell wie möglich, spätestens ab nächster Woche, für diese Zeit ins Homeoffice gehen mögen. Unvorstellbar! Was hätten die Führungskräfte gesagt? Was hätte der Betriebsrat erklärt? Was wäre aus der Motivation im Unternehmen geworden und welche Schulungen und wie viele Workshops hätte es gebraucht, um die Belegschaft darauf vorzubereiten? Im März dieses Jahres haben viele Unternehmer und Führungskräfte erlebt, dass ihre Mitarbeiterschaft das Undenkbare konnte. Innerhalb von kürzester Zeit stellten Unternehmen und Behörden auf Homeoffice um. Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe.

Als die Möglichkeiten voll umfänglich genutzt wurden, kamen die Erkenntnisse. Schon nach dem ersten rotarischen Online-Treffen stellte ein eben pensionierter Freund, der beruflich eine Behörde geleitet hatte, fest, dass er sich die meisten seiner Dienstreisen in die zwei Stunden entfernte Landeshauptstadt hätte sparen können. Aber das war vor sechs Monaten noch nicht denkbar. Nicht weil es die Technik nicht gegeben hätte, sondern weil die Vorstellungskraft fehlte.

Corona ist schlimm. Für die betroffenen Menschen kann es tödlich sein, kann ihnen Familie und Freunde rauben. Deswegen haben wir Angst vor Corona, und unser Gefühl für Wichtiges und Unwichtiges unterliegt einem so grundlegenden Wandel, dass von einem paradigmatischen Wandel gesprochen werden kann. Wir denken unser Leben plötzlich neu und wir entwickeln ein neues Gespür für das, was wesentlich ist. Einige Paradigmenwechsel zeichnen sich schon jetzt ab.

Müssen wir so viel reisen?

Da ist zum einen ein paradigmatischer Wandel in unserer Vorstellung, was Begegnung und Beziehung bedeutet. Handschlag, Küsschen links und rechts, tanzen oder in vollen Bars und Kneipen Nähe zu anderen Menschen verspüren und genießen. Weiterbildungen, Messen, Kongresse und Tagungen, Empfänge. Alles gelernte Formen von Wertschätzung und Vertrautheit. Sie müssen alle neu gedacht und neu gelernt werden. Wer gute Freunde haben will, muss ein guter Freund sein. Woran merken meine Freunde in Zukunft, dass sie meine Freunde sind, wenn ich stets Abstand von ihnen halte?

Als Nächstes werden wir unser Verhältnis zur Mobilität neu verorten. Mein eigener Rhythmus lautete bislang: zwei oder drei Tage im Büro und ansonsten unterwegs sein. Warum eigentlich? Hier geht es mir wie dem Freund, der eine Behörde leitete und sich jetzt fragt, warum die Reiserei sein musste. Ich hatte kürzlich das Glück, den Vorstandsvorsitzenden einer der führenden DAX-Gesellschaften zu hören. Er wisse zwar noch nicht, was die vollen Auswirkungen sein würden, aber dass der Gesamtkonzern alle Reiseaktivitäten mindestens halbieren werde, sei schon beschlossen. Und privat? Wer will Urlaub auf anderen Kontinenten machen, wenn er nicht weiß, ob er sich vor Ort anstecken könnte und dann nicht mehr zurückkommt? Wie werden sich Flugpreise entwickeln? Und überhaupt, haben unsere Kids nicht Woche für Woche dafür demonstriert, dass wir weniger Sprit verbrennen sollen?

Das meiste mündet in den dritten paradigmatischen Wandel. Die Akzeptanz digitaler Kommunikation über alle Generationen hinweg. War es bislang ein Ausdruck mangelnden Respekts, einen Termin nicht durch eine Reise, sondern durch eine Videokonferenz wahrzunehmen, ist dieses jetzt zur Selbstverständlichkeit geworden. Warum eine solche Errungenschaft aufgeben, selbst wenn man sich impfen können wird?

Besinnung auf das Wesentliche

All diese Veränderungen bringen einen weiteren Aspekt mit sich. Die Besinnung auf das Wesentliche. Ich habe das angenehme Gefühl, die im Märchen beschriebene Prinzessin auf der Erbse habe sich über Nacht von ihrer Forderung nach immer neuen Matratzen erholt und ihr gesunder Menschenverstand habe wieder eingesetzt. Vor Corona suchten wir Gründe und erklärten uns wechselseitig, was alles nicht geht. In den Unternehmen, in der Politik, in den Kirchen. Nichts schien mehr zu gehen, und die kleinsten Erbsen wurden zu großen, unüberwindbaren Klötzen stilisiert. Seit Corona suchen wir Möglichkeiten. In Anbetracht einer echten Bedrohung schauen wir wieder auf das Wesentliche. Ob wir uns das wohl über einige Zeit erhalten werden?

Deutlich wird das am Beispiel von Papst Franziskus. In den letzten Jahren mühte er sich mit seinen rund achtzig Lebensjahren um Reformen und Neuerungen, erntete Kritik und Widerstand. Nichts ging mehr. Im Moment der Not, als in Italien die Verstorbenen vom Militär geborgen werden mussten, holte er das jahrhundertealte Pestkreuz hervor, stellte es auf und betete. Ganz allein auf dem großen Petersplatz. Vergessen die Synoden hier und da, vergessen die Skandale und Forderungen. Im Mittelpunkt stand ein Mann mit seiner erbeigensten Aufgabe.


Hinweis

Dieser Beitrag steht stellvertretend für mehrere rotarische Zuschriften, die uns in den vergangenen Wochen zum Thema „Rotary und Corona“ erreicht haben. Das Online-Dossier mit allen Beiträgen finden Sie unter rotary.de/corona