Polio – ein Update - Eine gesellschaftliche Verantwortung

Die hohe Mobilität der Bevölkerung von Pakistan ist einer der Gründe, warum es so schwer ist, wirklich jedes Kind zu impfen. © Foto: Khaula Jamil/RI

01.04.2017

Polio – ein Update 

Eine gesellschaftliche Verantwortung

Uta Meyding-Lamadé

Poliobekämpfung ist eine nach wie vor zähe, aber lohnende Angelegenheit, die wir in unserem vermeintlich sicheren Umfeld nicht vernachlässigen dürfen.

Wo stehen wir im Frühling 2017?  Nur noch bestätigte 34 Fälle mit nachgewiesenen Wildpolioviren in drei Ländern weltweit. Das klingt wenig, allerdings ist die Situation in den betroffenen Ländern Pakistan, Afghanistan, Nigeria noch nicht gefestigt. Weltanschauliche, politische und logistische Hindernisse sowie eine schlechte medizinische Infrastruktur erschweren weitere Fortschritte. Es mangelt an Unterstützung vor Ort, so dass nicht alle Kinder von den Impfteams erreicht werden können. Auch die angrenzenden Nachbarregionen dieser Länder sind noch als gefährdet einzuschätzen.  

34 Fälle sind 34 zuviel
Im Vergleich zur Ausrottung der Pocken­erkrankung, die innerhalb von 15 Jahren erreicht werden konnte, gestaltet sich die Vertreibung der Poliomyelitis zäher und schwieriger. Vor fast 30 Jahren (1988) ­wurde das weltweite Projekt zur Poliobekämpfung (GPEI) von der WHO gestartet. Vor Beginn des Projektes waren ca. 350.000 Menschen betroffen, nach Verbreitung der Impfprogramme mit den beiden verfügbaren Impfstoffen (Schluckimpfung mit abgeschwächten Viren und injizierbarer Impfstoff mit abgetöteten Viren) konnte die Zahl der Erkrankungsfälle um über 99,9 Prozent reduziert werden. Finanziert wird das Polioeradikationsprogramm haupt­säch­lich von Rotary International, der Bill und Melinda Gates Stiftung, den US-amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC), Unicef sowie von einzelnen Staaten.

Zwar ist 2016 die Zahl der Poliofälle im Vergleich zum Vorjahr weiter gesunken – 34 Poliofälle 2016, 32 Patienten weniger als im Vorjahr – aber das Wiederauftreten von Poliofällen in Nigeria, welches 2015 als po­liofrei galt, ist sicherlich als kleiner Rückschritt zu werten. Darauf wurde jedoch rasch mit einer erneuten großen Impfaktion sowie verstärkten Laborkontrollen reagiert. Auch die angrenzenden Nachbar­länder sind im Fokus.

Seit April 2016 wird in 155 Ländern ein neuer sogenannter bivalenter Impfstoff zur Schluckimpfung verabreicht, der vor allem bei Kindern besser wirksam sein soll – einen so umgangreichen und schnellen Impfstoffwechsel gab es noch nie. Er besteht nur noch aus zwei abgeschwächten Polioviren (Typ 1 und 3). Typ 2 gilt seit 2015 als ausgerottet und wurde zuletzt 1999 in der Natur gefunden. Polio Typ 3 steht noch unter Beobachtung, dieser Erreger wurde zum letzten Mal im Jahr 2012 nachgewiesen.

Fest steht: die orale Gabe ist am besten wirksam gegen Ausbrüche, sie ist sicherer, effektiver und es gibt weniger Fälle von impfassoziierten Poliofällen mit Typ 2 – wie zum Beispiel vor  eineinhalb Jahren in der Ukraine.

Herdenschutz
Warum ist es in Deutschland wichtig, sich weiterhin gegen Poliomyelitis  oder an­dere Infektionskrankheiten impfen zu lassen? Der geimpfte Einzelne ist vor einer Ansteckung geschützt, falls Krankheitserreger aus Ländern mit niedrigerer Impfrate wieder eingeschleppt würden.

Durch eine hohe Impfrate sind aber auch nicht ge­impf­te oder anfälligere Menschen geschützt, da sich der Erreger nicht ausbreiten kann. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Herdenschutz oder -immunität. Davon profitieren zum Beispiel vorerkrank­te Menschen, Kinder und Säuglinge, die über keinen oder einen eingeschränkten Impfschutz verfügen.

Impfen ist damit nicht nur individuelle Entscheidung, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. Auch wir dürfen in unseren vermeintlich sicheren Rahmenbedingungen nicht impfmüde und nachlässig werden.
Es gilt, die einmalige Chance zu nutzen, die Welt poliofrei zu machen!


Quellen: Epidemiologisches Bulletin, Nr. 42, RKI 24. 10. 2016


polioplus.de, rotary.org

Erschienen in Rotary Magazin 4/2017

Uta Meyding-Lamadé
Prof. Dr. med. Uta Meyding-Lamadé ist Chefärztin der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt/M. und Mitglied der Nationalen Impfkommission für die Polioeradikation in Deutschland am Robert Koch-Institut.

Rotary Magazin 6/2017

Rotary Magazin Heft 6/2017

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Die Debatten um das Traditionsverständnis der Bundeswehr und über die Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur werfen die Frage auf, auf welchem Fundament unsere Gesellschaft steht.

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