Standpunkt - Impfmüdigkeit adé

Der Impfstoff im Labor © Rotary International

01.03.2017

Standpunkt 

Impfmüdigkeit adé

Uta Meyding-Lamadé

Impfen ist nicht nur eine individuelle Verantwortung, sondern auch eine gemeinschaftliche.

Masern sind wieder in aller Munde – gleich zwei Meldun­gen gehen im September 2016 um die Welt: „Americas Region Declared Free of Endemic Measles“ (Center for Disease Controll, 27. 9. 2016); Rumänien verzeichnet eine Epidemie mit 675 registrierten Fällen, drei Säuglinge müssen sterben. Die Triplex-Impfung ge­gen Masern, Mumps und Röteln wird in Rumänien im Alter von einem bis sieben Jahre empfohlen und ist nicht gesetzlich vorgeschrieben.

Und in Deutschland werden wieder Masernpartys gefeiert, 2016 wurden 323 Erkrankungen registriert, 2015 waren es sogar 2464 Fälle. Das Zusammenführen gesunder, nicht geimpfter Kinder mit Kin­dern, die akut erkrankt sind, zuletzt in den 1950er und 1960er Jahren weit verbreitet, steht ein halbes Jahrhundert später wieder bei Impf­gegnern hoch im Kurs. Hat man einmal gesehen, welch schreckliches Leid Familien erleiden, wenn geliebte Kinder plötzlich (verhinderbar) sterben oder schwerste Schäden erleiden, fragt man sich, warum wir es nicht schaffen, in Deutschland die Impfmüdigkeit zu beenden.

Hohe Dunkelziffer
Jährlich sterben circa 315 Kinder weltweit an Masern, die Dunkel­ziffer ist hoch. Ein Beispiel: Ein 14-jähriges Mädchen kommt in die Sprechstunde mit Husten und Fieber, fühlt sich schlapp und wird zunehmend apathisch, sechs Tage nach Symptomauftritt verstirbt das Mädchen. Auch sie war nicht gegen Masern geimpft. Der verwendete Impfstoff ist gut verträglich.

Die Ausrottung der Poliomyelitis (Kinderlähmung) hat schon fast geklappt. Dank großem Einsatz nicht zuletzt auch von Rotary, Polio ist zu 99 Prozent ausgerottet, weltweit. Liegt es hier an den weltweiten Kampagnen oder doch daran, dass die Spätfolgen der Kinderlähmung, das Post-Polio-Syndrom (PPS), allen ein Begriff ist? Einige erinnern sich sicher auch noch an die „Ei­serne Lunge“, das erste maschinelle Beatmungsgerät. Das PPS tritt erst rund 15 Jahre nach der Primärinfektion auf, die zumeist im Kleinkind­alter vonstatten geht, die Behandlung erfolgt rein symp­tomatisch. Denken wir an Masern, Mumps, Röteln und auch Polio, verbinden wir das im Allgemeinen mit „Kinderkrankheiten“. Aber nicht nur Polio verursacht Spätfolgen. Die Spätfolgen sind häufig tödlich, auch die Komplikationen nach einer In­fek­tion, ohne Impfschutz, sind meist tödlich. Masern, Mumps und Röteln sind eben keine „harmlosen“ Kinderkrankheiten.

Bei Masern sind die Komplikationen einer Infektion vor allem Masernpneumonie (Lungenentzündung) und die post­infektiöse Enzephalitis. Durchschnittlich sechs bis acht Jahre nach einer Infektion kann die subakute sklerosierende Panenze­phalitis (SSPE) auftreten, die oft zu einem qualvollen Tod führt. Rötelnkomplikatio­nen sind beispielsweise eine Myo-/ Perikarditis und eine Enzephalitis. Die konnatale Rötelninfektion kann zu schweren Missbildungen, Behinderungen, aber auch zu Aborten und Totgeburten führen. Der letzte an das Robert Koch-Institut gemeldete Fall konnataler Röteln war im Jahr 2013, die Rötelninfek­tion wurde 2016 immer noch 28 Mal gemeldet, 2015 waren es 21 Fälle. Insbesondere postpubertär treten Meningitis, Meningoenze­phalitis und Pankreatitis als Mumpskomplikationen auf. 2015 wurden 703 Fälle von Mumps gemeldet, 2016 steigt die Zahl der  gemeldeten Fälle nochmals an (740 Fälle).

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine der Erkrankungen, die durch eine Impfung vermeidbar ist. Gerade die golden Agers, die aktiven älteren Menschen, die zum Beispiel mit dem Mountainbike durch die Wälder radeln, sind gefährdet, an einer FSME zu erkranken, vor allem ist bei ihnen die Sterblichkeit bei einer Erkrankung um ein Vielfaches höher als bei jüngeren Patienten. Dennoch sind es gerade sie, bei denen die Durchimpfung viel seltener ist als bei den Jüngeren, bei Schulkindern und Kleinkindern. In Hessen etwa liegt der Median der Impfquote in der Gesamtbevölkerung bei 19,8 Prozent. Im Vergleich hierzu liegt er bei Schulanfängern bei 22,1 Prozent.

Warum nehmen wir unsere eigene Gesundheit, aber auch die von uns anvertrauten Personen so auf die leichte Schulter? Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präven­ti­ven Maßnahmen in der Medizin, moderne Impfstoffe sind allgemein gut verträglich und das Nebenwirkungsprofil ist gering. In Deutschland besteht keine Impfpflicht. Impfungen werden von den obersten Gesundheitsbehörden der Länder auf der Grundlage der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) entsprechend dem Infektionsschutzgesetz empfohlen. Gerade ältere Menschen nehmen Impfempfehlungen/-leistungen nicht in Anspruch, oft liegen hier die Informationen nicht vor. Mit einem Impfschutz tun wir nicht nur etwas für unsere eigene Gesundheit, sondern übernehmen auch Verantwortung für die Gesundheit unseres Umfeldes.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2017

Uta Meyding-Lamadé
Prof. Dr. med. Uta Meyding-Lamadé ist Chefärztin der Klinik für Neurologie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt/M. und Mitglied der Nationalen Impfkommission für die Polioeradikation in Deutschland am Robert Koch-Institut.

Rotary Magazin 9/2017

Rotary Magazin Heft 9/2017

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