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Hoffmeisters Empfehlungen

Das Gesamtwerk zählt

Hoffmeisters Empfehlungen - Das Gesamtwerk zählt
© Jessine Hein/Illustratoren

Künstlerische Qualität lässt sich nur mit dem Blick auf das Ganze beurteilen

Martin Hoffmeister01.09.2018

Besonders bei den Künsten gilt: Verhältnisse wie Qualitäten geben sich reflexionsfest erst im Blick auf ein Gesamtwerk zu erkennen. Wenn entsprechend Wunsch und Verlangen nach Vollständigkeit formuliert werden, so scheinen weniger Hybris oder unmäßiger Anspruch durch, eher das Anliegen objektivierten Maßstabs.

„It’s good that the world can explode this way“, rühmte in einem Gedicht der US-amerikanische Autor Charles Bukowski der Musik des österreichischen Symphonikers Anton Bruckner nach. Zwar verfügte der Dichter kaum über formale Musikkenntnisse, doch wusste er intuitiv Größe, Drama, Wucht und spirituellen Atem des opulenten Werkekosmos zu erfassen. Insbesondere in Bruckners Sinfonien vernahm Bukowski eine tiefe existenzielle Dimension und die Affinität des Meisters zu Entgrenzung und Ekstase. Nur wenige Orchester stellen sich der Herausforderung, sämtliche neun Sinfonien Bruckners aufzunehmen. Dass die jüngste Einspielung aus dem kanadischen Montreal kommt, ist Engagement und Passion des weltweit reüssierenden Dirigenten Yannick Nézet-Séguin zu danken. Seine Bruckner-Exegesen zeigen Spannkraft, Transparenz, klangliche Brillanz, natürliche Phrasierung, subtil ausgelesene Farben und lyrisches Raffinement ebenso wie fein justierte Dynamik und die Bereitschaft zu orchestraler Attacke und überbordender Klangwelle. Ein Monument der Tonträgergeschichte.

Politycki, Gedichte
© Hoffmann und Campe

Mittlerweile 30 Jahre umfasst das lyrische Schaffen des Hamburger Literaten Matthias Politycki. Seine Arbeiten sind Zeugnisse skrupulösen Formwillens, sprachlicher Vielgesichtigkeit, präziser Zeitdiagnose und des avancierten Experiments. Die vornehmlich Alltagsphänomenen, Reiseerfahrungen und Mann-Frau-Gestimmtheiten gewidmeten Tableaus verdichten Realität zu erkenntniszeitigender, fokussierter Botschaft. Wenn man die Lektüre unterbricht, dann nur, um das Ungelesene – wie einen Schatz – möglichst lang zu bewahren.

Cornwall, die südwestlichste Grafschaft Englands, repräsentiert mehr als nur touristischen Sehnsuchtsort mit Aussichten und endlosen Stränden. Sie fungiert als stellares Versprechen insbesondere denjenigen, die Exzentrisches, Verrücktes, Mystisches und die Magie des unerklärlich Anderen suchen zwischen dionysischer Landschaftserfahrung und einnehmendem Klima. Tatsächlich überwältigt die Region nur vorderhand mit pittoresken Buchten, bedrohlichen Klippen, subtropischen Pflanzen, Mooren, arkadischen Gärten, mit unvermeidlichen Fixpunkten wie Land’s End, St. Michael’s Mount, Minenromantik und zahllosen keltischen Relikten. Vielmehr wirkt auf den Besucher das suggestive, bisweilen eigentümliche Amalgam aus wechselndem Licht, Nebelattacke, südlicher Lebensart, Wasser-Varianz, rätselhaften Sagen und singulärer Begegnung mit Einheimischen.

Charakter und Besonderheiten kornischer Landschaften und Menschen, von Wetterkapriolen, mythischen Orten und Baumonumenten abzubilden und in ihrer Tiefendimension zu spiegeln, intendiert der Band des dänischen Fotografen Joakim Eskildsen. Dessen Kunst ist nicht beliebiger Postkarten-Ästhetik verpflichtet, vielmehr der existenziellen respektive archaischen Dimension seiner Sujets. In den tiefen- und konturscharfen (Moment-)Aufnahmen gilt sein Blick stets auch der Sub-Ebene, dem Bild hinter dem Bild. Nicht nur für Anglomane ein Fest.


Matthias Politycki, Sämtliche Gedichte 2017–1987, 639 Seiten, 28 Euro //
Nikolaus Gelpke (Hrsg.), Cornwall, Fotografien von Joakim Eskildsen, mit Texten von Martina Wimmer, 132 Seiten, Format 30 x 26, 58 Euro //
Bruckner, Les 9 Symphonies, Yannick Nézet-Séguin, Orchestre Metropolitain de Montreal, Atma Classique (10 CDs), ACD 22451, CD

Martin Hoffmeister

Martin Hoffmeister publiziert regelmäßig in nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen. Als Redakteur im Kulturressort des MDR-Hörfunk beobachtet er die Musik- und Literaturszene seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und Fundstücke von seinen Reisen.

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