Peters Lebensart - Im Wirtshaus die Welt vergessen

"Es wäre schade, würde die kulinarische Gentrifizierung den Respekt vor einfachem Genuss verdrängen" © jessine hein/illustratoren

01.10.2017

Peters Lebensart

Im Wirtshaus die Welt vergessen

Peter Peter

Zum guten österreichischen Wein gehört ein Besuch im Beisl oder beim Heurigen.

Der Rausch als Lebensziel. Was für ein rebellisch bequemer, emanzipiert nostalgischer,  egoistisch ehrgeizloser Gegenentwurf zu unserer effizient getakteten Welt der permanenten Selbstoptimierung und Social-Media-Kontrolle. Aber, folgt man dem Tenor der Wienerlieder, einer Art kollektiver Definition des Lebensgefühls der Donaustadt, die die politische Katastrophe des Zusammenbruchs der k.u.k. Monarchie einst durch süßes Vergessen, durch die selten gewordene Kunst der Leichtlebigleit zu verdrängen suchte. Der wichtigste Helfer dieser epikuräischen Lebensphilosophie ist der Wein, diese „vergorene Heimat“ der Österreicher (Christoph Ransmayr): „I bin a g’mütlich’s Haus, will net politisieren, sitz’ gern beim Glaserl Wein allein … I druck’ mi’ in mein Winkerl, das ist mein stilles Glück ... I lass’ die andern streiten, trink’ ruhig meinen Wein, was kümmern mi’ die Zeiten, i will gern selig sein.“
Wer so denkt, wer so fühlt, hat ein anderes, dankbareres Verhältnis zum Wein als die analysierenden promillebewussten modernen Degustations-Nipper. Zu seiner Utopie gehört, dass die Gottesgabe Wein in Strömen fließt, und als kennerhafter „Weinbeißer“ will er, dass er billig und gut ist. Erst dann wird sorgloses Zechen möglich.
Beides bot, beides bietet Wien mit seinen Beisln, diesen Refugien entschleunigten Daseinsgenusses, die „vorschriftsmäßig so aussehen, als hätte es sie immer schon gegeben“ (Eva Menasse). Einst einfache holzgetäfelte Volkslokale mit günstigen Speisen wie Kleines Gulasch, Würstel oder Krautfleckerln, oft von Zugewanderten aus Böhmen oder den Kronländern begründet, frequentiert von Männern, die nach der Plackerei des Alltags ihre Schillinge haushälterisch lieber für Alkohol, sprich Wein, ausgaben.
Reich des Dopplers, dieser heute viel geschmähten „Volksmagnum“, die manch kratzigen Portugieser enthielt, aber eben auch herrlich resche, leicht alkoholische Veltliner, die weit besser als hochgradige Premium-Tropfen zu einer Abendplanung passen, die nach ein paar Vierterln mit Tratsch beim Steh- und Flucht­achterl (das Wort existiert angeblich nur als plurale tantum, da kein anständiger Beislbesucher nur eins trinken wird) ausklingt.
So war’s, so ist’s schon wegen steigender Gewerbemieten immer weniger, wenn auch einige Bastionen wie das Weinhaus Sittl oder Steindl standhalten. Längst gibt es eine Fülle kulinarisch exzellenter Nobelbeisl wie das „Skopik & Lohn“ oder das „Woracziczky“, die zu Tafelspitz oder Kalbswiener Smaragdriesling oder Barrique-Blaufränkisch aus der Bouteuille ins mundgeblasene Zalto-Glas ausschenken.
Heurige, die früher nur Neu- und Altwein zu Walnüssen und Bratlfettbrot anboten, schwelgen in Gourmetbuffets und sortenreinen Jahrgangsweinen statt Gemischtem Satz. Diese kulinarische Gentrifizierung zum Restaurant und zur Wine-Bar ist eine enorme Bereicherung im Sinne konzentrierten Genießens, aber es wäre schade, würde sie den Respekt vor dem einfachen Genuss, den volkstümlichen Freiraum vom kleinen Glück im Alltag verdrängen. Oder dem kleinen Unglück: Denn in der behutsamen Öffentlichkeit des Beisl fühlen sich auch die Einsamen, Halbgescheiterten aufgehoben und akzeptiert.
Wie in Hans Mosers unvergessenem Ohrwurm vom Alten Herrn Kanzleirat, der von der verpassten Heirat träumt. Die Therapie des Wirts: „Na trinkt er halt a bisserl mehr vom Wein!“ Was wohl Sigmund Freud zu dieser alkoholischen Sublimierung nicht ausgelebter Sexualität gesagt hätte?

Erschienen in Rotary Magazin 10/2017

Peter Peter

Peter Peter ist Dozent für Gastrosophie an der Universität Salzburg, Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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Rotary Magazin 10/2017

Rotary Magazin Heft 10/2017

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