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Hoffmeisters Empfehlungen

Melancholie und Erkenntnis

Hoffmeisters Empfehlungen - Melancholie und Erkenntnis
© Jessine Hein/Illustratoren

Fotos, Film, Musik und Hörspiel kolorieren das Novembergrau

Martin Hoffmeister01.11.2020

Nicht immer und unbedingt stehen Grau und Unwirtlichkeit des Novembers für mentale Indifferenz und verschattete Emotion. Selbst Melancholie vermag das Gemüt apart zu kolorieren, der Reflex auf Vergänglichkeit neue Horizonte zu erschließen.

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© Wiener Symphoniker

Nach der integralen, hochdekorierten Einspielung der Beethoven-Sinfonien warten die Wiener Symphoniker und Dirigent Philippe Jordan mit einem weiteren Gesamtzyklus auf: Im Großen Saal des Wiener Musikvereins wurden die vier Brahms-Sinfonien produziert. Der scheidende Chefdirigent hinterlässt damit nicht nur ein eindrückliches Dokument seiner erfolgreichen sechsjährigen Kooperation mit dem Orchester, sondern schreibt sich überdies nachhaltig in die Schallplattengeschichte ein. Jordan und Orchester verstehen sich blind auf Atem, Puls und Bögen der Brahms’schen Sinfonik. Sie wissen um die Herausforderungen der Form, ebenso wie um die Gestaltung von Klangfarben-Tableaus, Dramatik und Intensität der Vorlagen. So kommt Brahms’ bemerkenswerte, zwischen Leichtigkeit, Opulenz, Melancholie und dramatischem Weltentheater flottierende Sinfonik exemplarisch zum Tragen. Ein diskographisches Monument!

Tel Aviv inspiriert – und überfordert (im besten Sinne). Die pulsierende Metropole am Mittelmeer vereint idealtypisch Weltoffenheit, Lebenslust, Überlebenswillen, wirtschaftliche Prosperität und nervöse Überreizung, aufgeladene Historie und religiöse wie kulturelle Vielfalt. Aus Widersprüchen, Kontrasten, aus Varianz, Heterogenem und Zwischenton erwachsen Stimmungen und Bilder. In seinem aktuellen Bildband vermag der Berliner Fotograf Jan Windszus die atmosphärischen Hotspots und Kraftzentren der Stadt in solitärer Weise zu konservieren. Seine von Tiefenschärfe, spektakulärer Ausleuchtung und delikaten Farbeffekten gezeichneten Impressionen nehmen Menschen, Alltagsszenen, Architektur, jüdisches Leben oder Strandszenen in den Blick. Windszus’ suggestiver Bilderkosmos legt in kunstvoller Manier die mentale DNA des vielgesichtigen Ortes frei.

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© Accentus Music 

Georgien: Im kleinen Vielvölker-Staat im Kaukasus begegnen sich wie in kaum einer zweiten Region die Kulturen des Orients und Okzidents. Zu den kulturellen Aushängeschildern des Landes zählt die legendäre „Paliashvili Musikschule” in der Kapitale Tiflis. Bereits als Georgien noch sowjetische Teilrepublik war, galt sie über  die Grenzen hinweg als eine der renommiertesten musikalischen Talentschmieden. Die vorliegende Musik-Dokumentation „What to do with all this love“ von Marita Stocker porträtiert die Institution mit eminenter Empathie, begleitet in berührenden Bildern Schüler und Lehrer in deren Alltag. Vom Genius loci des maroden Schulgebäudes hoch über der Tifliser Altstadt und der Expertise der Dozenten wissen bedeutende Musikerinnen wie Lisa Batiashvili und Khatia Buniatishvili zu berichten.

Autobiographische Texte bilden seit Jahrzehnten das Zentrum von Annie Ernaux’ Schaffen. Mit „Der Platz“ gelang der französischen Autorin 1983 der literarische Durchbruch. Geschildert wird das versehrte Leben des Vaters, der vom Bauersohn zum Arbeiter, schließlich zum Wirt reüssierte. Ernaux überblendet Erinnerungen mit soziologischen Einlassungen, Kommentaren, Analysen und Reflektionen. Hinter sachlich gehaltenem Erzählstil scheint das Bemühen um Distanz auf. Die emotionale Zerrissenheit der Autorin zwischen Nähe und Ferne zum Vater und dem Milieu des Elternhauses spiegelt beispielhaft die avancierte Hörspielfassung des Buches von Erik Altorfer.


 

  1. Philippe Jordan, Wiener Symphoniker, Brahms Symphonies, WS 021, 4-CD-BOX

  2. Jan Windszus, Tel Aviv, Mare Verlag, 132 S., 58 Euro

  3. Marita Stocker, What to do with all this love, Accentus Music ACC 20442, DVD

  4. Annie Ernaux Der Platz, Hörspiel mit Stephanie Eidt, Der Audio Verlag, CD 1h18min, 14 Euro