Wie Brandenburg zum Wasserstoff-Land wurde

Über Energie, Energiewende und neue Energien
„Für ein Gelingen der Energiewende braucht es Menschen und Unternehmen, die gezielt anpacken und umsetzen“. Der Rotarier, der das sagt, hat als langjähriger Clubmeister nicht nur die Entwicklung des Clubs Eberswalde-Barnim mit beeinflusst, sondern ist auch Geschäftsführer der Kreiswerke Barnim. Das kommunale Unternehmen hat gemeinsam mit Partnern ein Projekt umgesetzt, das Strahlkraft weit über das Land Brandenburg hinaus besitzt.
Den Begriff „Wasserstoff-Wirtschaft“ hören nicht nur die Mitglieder der Clubs im Distrikt 1940 nahezu täglich in Nachrichten und Hintergrund-Berichten. Dass die damit verbundenen Maßnahmen mitunter nachhaltigen Einfluss auf ihr Leben haben, ist aber vielen nicht bewusst. Umweltverträglicher Nahverkehr und abgasfreie Abfallentsorgung sind es im Landkreis Barnim, wo durch das Projekt jährlich Tausende Tonnen Dieselkraftstoff eingespart werden.
Zentrale Orte des Geschehens sind zwei Wasserstoff-Tankstellen, eine am Bahnhof Basdorf, die andere in Bernau bei Berlin. In einem ehemaligen Kohlebunker für Dampf-Lokomotiven ist in Basdorf mit Förderung des Bundesministeriums für Verkehr eine komplexe Anlage entstanden, in der Wasserstoff unter hohem Druck gelagert und portionsweise an Regionalzüge der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) abgegeben wird. Dieses auch als „Heidekrautbahn“ bekannte Nahverkehrs-Unternehmen hat sieben Züge in Dienst gestellt, die statt durch Dieselmotoren mit Strom erzeugenden Brennstoffzellen betrieben werden. Das Antriebsmittel dieser Stromerzeuger ist Wasserstoff, chemisch H₂, als Verbrennungsrückstand entsteht lediglich Wasserdampf.
Lieferant des Gases ist die Enertrag AG, ein deutsches Unternehmen mit Sitz in der Uckermark. Es hat sich zur Aufgabe gestellt, mittels regionaler Wind- und Solar-Anlagen Wasserstoff herzustellen und zu speichern. Dieser als „grüner Wasserstoff“ bezeichnete Energieträger soll dann an regionale Kunden abgegeben werden. Laut Enertrag ermöglicht die Nutzung von Wasserstoff allein auf den Strecken der Heidekrautbahn eine Einsparung von bis zu 2,5 Mio. Kilogramm CO₂ und rund 840.000 Liter Diesel pro Jahr. Da rund 30 Prozent des deutschen Schienennetzes aus unterschiedlichen Gründen nicht elektrifiziert werden können, bietet der Brennstoffzellen-Antrieb auch für andere Bahnbetreiber erbliches Potenzial.
Bereits seit Ende 2024 fahren die Brennstoffzellen-Züge der Heidekrautbahn im umweltverträglichen Betrieb. Einziger Wermutstropfen des Leuchtturm-Projekts, an dem außer NEB und Kreiswerken Barnim auch die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt sind, ist die Tatsache, dass noch nicht genügend regional erzeugter Wasserstoff zur Verfügung steht. Er muss deshalb bislang per Lkw-Trailer herangeschafft werden.
Dies wird sich in absehbarer Zeit ändern. In Wensickendorf (Landkreis Oberhavel) wurde 2025 der erste Spatenstich für ein Wasserstoff-Werk gesetzt. Es soll nach Angaben des Betreibers, der Enertrag, eine Elektrolyseleistung von vier Megawatt haben und wird dann pro Jahr bis zu 380 Tonnen grünen Wasserstoff erzeugen. Ein wesentlicher Teil davon, rund 230 Tonnen, ist künftig für die Versorgung der Heidekrautbahn zwischen Barnimer Bahnhöfen und Berlin reserviert.

Zweiter wesentlicher Teil der Projekts sind Aufbau und Betrieb einer weiteren Tankstelle für grünen Wasserstoff. Sie befindet sich auf dem Betriebsgelände der Kreiswerke Barnim in Bernau. Dort sind elf Müllentsorgungs-Fahrzeuge stationiert, die ebenfalls von Brennstoffzellen angetrieben werden. Ein zwölftes wird demnächst in Dienst gestellt. Sie sind täglich auf den Straßen des Landkreises unterwegs und je gefahrener Tour werden von ihren Besatzungen rund 700 und 900 Abfallbehälter geleert. Pro Monat fährt jedes einzelne Fahrzeug zwischen 14.000 und 18.000 Bio-Abfallbehälter an.
Die Menge des bei diesen Touren nicht verbrauchten Dieselkraftstoffs – und damit auch die Vermeidung von Abgasen – ist enorm. Immerhin konsumiert ein herkömmlich angetriebener, rund 20 Tonnen schwerer Entsorgungs-Lkw je 100 Kilometer Strecker um die 50 Liter Diesel. Ausgehend von einer Jahres-Laufleistung von 25.000 Kilometern je Fahrzeug werden von den elf Müllwagen mit Brennstoffzelle also zusammen etwa 143.000 Liter Sprit eingespart.
Umwelt- und Klimaschutz sind bekanntlich nicht zum Nulltarif zu haben. Wegen der wachsenden Nachfrage einerseits ist der Preis von Wasserstoff in der letzten Zeit erheblich gestiegen, andererseits sind die Entsorgungsfahrzeuge wegen ihrer komplexen Technik sehr kostspielig. Während ein Müllwagen mit herkömmlichem Antrieb mit rund 300.000 Euro veranschlagt wird, ist für die Variante mit Brennstoffzellen-Antrieb eine siebenstellige Summe fällig.
Darin stecken die hohen Entwicklungskosten für Erstserien-Modelle und die noch geringen Stückzahlen, da der Markthochlauf seine Zeit beansprucht. Dank der weit gediehenen Anwendung durch die Kreiswerke Barnim konnte das Unternehmen bereits Fahrzeuge übernehmen, die an anderer Stelle im Bundesgebiet nicht ausgelastet waren. Zur Aufbringung der Investitionskosten zahlt das Bundesamt für Logistik und Mobilität eine Art „Umwelt-Prämie“ und fördert die Anschaffung des Alternativ-Fuhrparks zu 90 Prozent.
Christian Mehnert ist zufrieden mit dem Fortschritt des Projekts. Die Kreiswerke sind inzwischen mit dem Betrieb eines Holzkraftwerks auch in der fossilienfreien Energie-Erzeugung engagiert. Man wolle beweisen, „dass mit Risikobereitschaft und Tatkraft auch auf alternativen Gebieten etwas bewegt werden kann“. Eingefahrene Wege führten nicht immer zu dem Ziel, das man sich wünsche.










