„Bei uns herrscht Größenwahn vor “

Wenn es um die kritische Infrastruktur in Deutschland geht, kommt man an dem Experten Albrecht Broemme nicht vorbei. Er warnt, wie trügerisch das vorherrschende Sicherheitsgefühl ist. Schon lange fordert er, dass das Land resilienter werden muss.
Schon vor der ersten Frage kommt er ins Reden. Broemme hat viel zu sagen, und es lohnt sich, ihm zuzuhören.
Albrecht Broemme: Die kritischen Infrastrukturen sind kein neues Thema. Ich beschäftige mich damit schon lange. Jetzt kommt endlich Dynamik in die Sachen, denn wir haben dank des Stromausfalls in Berlin Anfang Januar eine neue Situation. Plötzlich ist das Thema präsent, es passiert was. Wahlkämpfe spielen dabei natürlich auch eine Rolle, denn wir hatten beziehungsweise haben noch ein paar Landtagswahlkämpfe vor uns.
Wie bewerten Sie den Stromausfall?
Das war ein krimineller Anschlag. Dabei hätte noch nie mehr passieren sollen. Es war auch die Schädigung eines Wasserwerkes geplant. Dann wären zwei Millionen Berliner ohne Wasser gewesen. Das ist aber nicht eingetreten, weil die Wasserbetriebe, nicht nur in Berlin, im hohen Maße resilient sind.
Wir sind schon mitten im Thema, dabei wollte ich mit meiner Einstiegsfrage etwas anderes von Ihnen wissen. Sie wollten mit Beginn des Ruhestandes 2019 endlich zum Cellospielen kommen. Doch daraus wurde zunächst nichts. Erst kam die Corona-Pandemie und sie haben für das Land Berlin ein Notfallkrankenhaus auf dem Berliner Messegelände aufgebaut und anschließend Impfzentren. Dann begann der Ukrainekrieg und sie haben das Ankunftszentrum für Geflüchtete gebaut und dann die Unterbringung organisiert. Dieser Vertrag mit dem Land Berlin ist Ende vergangenen Jahres ausgelaufen. Wie oft haben Sie seitdem Cello gespielt?
Noch kein einziges Mal. Immerhin, es steht mahnend in der Ecke. Es ist ein Einsteigerinstrument, wenngleich ich kein blutiger Anfänger bin.
Seit wann steht es in der Ecke?
Seit fünf Jahren. Ich hatte früher auch mal Unterricht, aber im Moment habe ich einfach keine Zeit dafür. Ich habe ja auch noch andere Interessen. Mir tun Leute leid, die gar keine Hobbies haben. Was mich derzeit vom Spielen abhält ist die Frage, wie die Stadt Berlin resilienter werden kann.
Die Berliner Senatskanzlei hat eine Expertenkommission eingesetzt, die nun Handlungsempfehlungen erarbeiten soll, wie kritische Infrastruktur geschützt und in Notfällen reagiert werden kann. Da sind Sie Mitglied. Gibt es erste Ergebnisse?
Wir haben erst vor kurzem mit der Arbeit wirklich begonnen. Da können Sie jetzt noch nicht viel erwarten. Die Mitglieder der Kommission sind alle sehr erfahren, kennen sich untereinander gut und vor allem auch die Stadt Berlin. Die Voraussetzungen stimmen. Insofern erwarte ich eine spannende harmonische Zusammenarbeit, die mit Sicherheit zu Ergebnissen führen wird, die aber auch umgesetzt werden müssen. Wir werden uns davor scheuen, Papiere zu produzieren, auf denen steht, man müsste, man könnte, man sollte. Darauf wird stehen, das ist Priorität Eins, das Zwei und dies die Drei. Ob man dem dann folgt, steht wieder auf einem anderen Papier. Wir werden es klar und deutlich kommunizieren. Ein Beispiel: Die Kommunikation zwischen der Bevölkerung und den Stellen, die für das Krisenmanagement verantwortlich sind, dies sind dann nicht nur staatliche Stellen, die ist auf jeden Fall verbesserungswürdig. Wenn ich Menschen über das Internet oder eine App über eine Gefahrenlage informiere, die Menschen aufgrund eines Stromausfalles aber gar kein Internet mehr haben, um diese Nachrichten abzurufen, dann ist das ein untauglicher Versuch. Wenn der Warner in der App schreibt, sie finden im Internet mehr zur Gefahrenlage, dann hat dieser den Sinn der Aktion nicht verstanden.
Eine amüsante Fallbeschreibung.
Ich will mich nicht über solche Fehler lustig machen. Sie sind schon passiert und sie fallen auf, gerade den Mitgliedern der Expertenkommission. Wir wollen diese Fehler dokumentieren und erklären, wie es besser gemacht wird. Nur die Fehler zu dokumentieren, ohne Verbesserungsvorschläge zu machen, wäre primitiv.
Was wäre denn in Ihrem konkreten Fall die richtige Vorgehensweise gewesen?
Da hilft nur eines: Sie müssen die Sirenen laufen lassen. Die funktionieren weiterhin. Mit organisierten Lautsprecherdurchsagen der Polizei auf der Straße können Informationen kundgetan werden. Ich darf da aber nicht während der Durchsage mit dem Auto fahren, denn dann hören die einen Anwohner den Satzbeginn und die anderen das Satzende. Moderne Lautsprecher haben einen Radius von 300 Metern. Das muss gut vorgeplant und organisiert werden. Ansonsten droht ein Dilemma.
Ich finde es erschreckend, dass wir derzeit auf solche Szenarien nicht vorbereitet sind.
Stromausfälle sind ein Szenario, bei dem wir stark verwundbar sind. Wir sind als Gesellschaft total abhängig vom Strom, und diese Abhängigkeit wird immer größer. Ohne Handynetz mit Internet würden einige Kinder nicht mehr von der Schule nach Hause finden. Ein Stromausfall bedeutet nicht weniger als eine Unterbrechung des normalen Lebens. Trotz dieser Gefahr fällt es vielen schwer, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Wie oft höre ich, ach, das deutsche Stromnetz ist sicher. Die deutschen Brücken sollen ja auch sicherer als die italienischen sein. Bei uns herrscht dieser Größenwahn vor: Bei uns passiert so etwas doch nicht. Nach dem Stromausfall in Berlin habe ich dann gehört, in Bayern könnte so was ja nicht passieren. Aber es liegt nicht am Bundesland. Kriminelle können überall zuschlagen.
Nun gab es aber auch von Seiten der Behörden Fehler im Umgang mit dem Stromausfall. Wäre diese in anderen Bundesländern auch passiert?
In fast allen Bundesländern gibt es sogenannte Katastrophenleuchttürme. Das sind Informationspunkte, bei denen sich die Bevölkerung informieren kann. Das erste Land, was diese vorgeschrieben hat, war glaube ich Baden-Württemberg. Diesbezüglich bedarf es Vorgaben. Diese müssen natürlich nachgehalten werden. Da ist man in Bayern sicher weniger großzügig als in Berlin. In Berlin nimmt man an, dass das schon irgendwie gemacht würde. Ich bin für konkrete Kontrollen und nachhaken.
Natürlich kann man einen Stadtstaat wie Berlin auch nicht mit einem Flächenland wie Bayern vergleichen.
Das Konstrukt der zweistufigen Verwaltung in Berlin ist schon besonders. Die klassische Aufteilung der Kompetenzen und der Weisungsbefugnis der Fach- und Dienstaufsicht ist in Berlin anders geregelt, um es mal freundlich auszudrücken. Man kann Bezirksämtern was sagen, aber ob die das dann machen oder nicht, ist denen selbst überlassen. Das geht so auf dem Gebiet des Katastrophenschutzes aber nicht. Da müssen wir rechtliche Änderungen vornehmen. Das wird sicher ein Punkt sein, den wir vorschlagen werden.
Sie haben ein Buch mit dem Titel „Deutschland in der Krise“ geschrieben. Darin beschreiben Sie mehr als 20 Katastrophenszenarien. Was sind die wesentlichen strategischen Fehler und praktischen Versäumnisse, die sie identifiziert haben?
Der Hauptfehler ist die fehlende Bereitschaft, sich mal damit zu beschäftigen. Wenn ich mich mit einem Szenario befasse, nehmen wir das hässliche Beispiel Krieg, dann muss ich auch für ein solches Szenario planen, wenngleich ich es womöglich für unwahrscheinlich halte, dass es eintritt. Wenn wir über zivil-militärische Zusammenarbeit sprechen oder über den Operationsplan Deutschland, denn reden wir über Krieg. Wenn ich für einen extremen Fall etwas gut geplant habe, kann ich es auch im Normalfall gut benutzen. Wenn ich mich zum Beispiel mit der Lebensmittel- oder Trinkwasserversorgung der Bevölkerung beschäftige, dann hilft eine Planung bei anderen Szenarien, bei denen eine Wasserleitung mal blockiert ist. Denn dann weiß ich sofort, wie ich eine Notwasserversorgung bereitstelle. Das zweite Versäumnis ist, dass man meint, man wird mit solchen Szenarien schon irgendwie fertig werden. Deutschland ist bekannt dafür, dass es, wenn es darauf ankommt, irgendwie eine Lösung findet. Das ist dann mühsam, zäh, nicht sehr elegant, mit hohem Aufwand und oft auch mit hohen Kosten verbunden. Würden wir im Voraus planen, könnten wir viel entspannter und schneller die gleiche Wirkung erzielen.
Nehmen Sie jetzt auch nochmal Bezug auf den Stromausfall in Berlin?
Das Szenario der Energiemangellage wurde auch schon mal geübt bei einer länderübergreifenden Übung, organisiert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Da haben Fachleute gesagt, das kann doch gar nicht eintreten. So weit weg sind wir nicht von einer Energiemangellage. Sie ist zum Glück noch nicht eingetreten. Wenn ich mich aber nicht mit den Fragen beschäftigt habe, in welcher Reihenfolge wird die Gasversorgung abgestellt, wenn es knapp wird, wer bleibt am längsten versorgt, wie funktioniert das Runterfahren, wie fahre ich später die Versorgung wieder hoch, dann wird es nicht funktionieren.
Das eine sind Pläne für Notfallsituationen, das andere sind die finanziellen Voraussetzungen. Haben wir genug Mittel für den Bevölkerungsschutz?
Nein, haben wir nicht. Wir müssten Milliarden investieren, aber dazu ist niemand bereit. Aber wir hätten schon bessere Voraussetzungen, wenn nur geringe Summen wenigstens bewilligt würden. Nehmen Sie den Berliner Haushalt. Im Haushaltsgesetz stehen mehrere Posten drin, aber mit der Haushaltssumme 0,0. Das bedeutet nicht nur nichts, sondern gar nichts.
Ich merke, Sie haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.
Wenn es aber immerhin einen Titel im Haushaltsgesetz gibt, dann ist das schon mal der erste Schritt, um irgendwann mal auch dafür Geld zu erhalten. Die Vergesslichkeit ist leider sehr groß. Ich bezeichne das gerne als Katastrophendemenz. Nach einem halben Jahr ist die Hälfte vergessen, nach einem Jahr alles. Im Moment haben wir die anhaltende Aufregung nach dem Stromausfall und das müssen wir ausnutzen. Das wird auch bei der bevorstehenden Wahl in Berlin noch von Bedeutung sein.
Das Krisenmanagement hat medial hohe Wellen geschlagen. Da haben nicht alle Verantwortlichen eine gute Figur gemacht.
Es gibt immer Leute, die haben ein Händchen, wo sie sich zeigen, wo sie was machen, wo sie was sagen und wo sie geschickt die Klappe halten und nur kurz vorbeischauen. Man braucht ein Gespür für die Situation und dazu gehört nicht die Gier im Fernsehen zu erscheinen. Als Berliner Feuerwehrchef habe ich mir immer ein Bild von der Lage gemacht, ohne gleich die Einsatzleitung zu übernehmen. Das ist durch nichts zu ersetzen. Ich kenne Politiker, die auf diesem Klavier gut spielen können, die profitieren von solchen Katastrophenlagen. Andere profitieren davon nicht.
Was ist Ihnen als Katastrophenschützer denn lieber? Ein Politiker, der sich perfekt inszeniert oder jemand, der sich zurückhält und Sie in Ruhe Ihre Arbeit machen lässt?
Man muss Politikern die Inszenierung ermöglichen. Die brauchen Bilder. Sonst ist alles Mist. Ich darf denen diese Möglichkeit nicht entziehen. Aber wenn dadurch der Einsatz gelähmt wird, weil alle eine Stunde für das Bild stillstehen müssen, dann hört der Spaß auf. Es gibt Politiker, die merken, wenn sie zu lange stören.
Beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Kai Wegener, war es ein missglückter Auftritt, wenngleich es nicht daran lag, dass er zu lange störte. Ein Politikertyp wie Markus Söder hätte sich die THW-Jacke übergestreift und perfekt als Retter in der Not inszeniert.
Es gibt unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten. Mich stören meist weniger die Politiker vor Ort. Ich würde mir viel mehr wünschen, es gebe in Notunterkünften weniger Journalisten als Menschen, die dort untergebracht sind. Aber es ist klar, auch der Katastrophenschutz benötigt Bilder, wie wichtig er ist. Medien sind wichtige Partner und müssen Botschaften transportieren. Wenn die Menschen sehen, dass Katastrophenschützer vor Ort sind und sich kümmern, dann sendet das die Botschaft von Sicherheit und Geborgenheit.
Lassen Sie uns nochmal bei Kai Wegener bleiben. Der verbrachte nicht nur einige Zeit auf dem Tennisplatz, sondern leistete sich auch einen missglückten Auftritt in einer Notunterkunft.
Ein Regierungschef kann auch auf dem falschen Fuß erwischt werden. Er kam zu einer Unterkunft, wo nur wenige Menschen temporär untergebracht waren. Von insgesamt vier Leuten waren dort zwei, die dort nicht hingehörten. Bei einer Frau regte sich noch der Sohn auf, warum seine über 90-jährige Mutter hierhergebracht worden sei, anstatt in ein Altenheim. Da hätte ich als Regierungschef den Sohn gefragt, warum er seine Mutter nicht bei sich zu Hause aufnimmt. Man kann den Spieß auch umdrehen.
Ob das gut ankommt, wage ich zu bezweifeln. Herr Wegener hätte sich auch persönlich um den Fall kümmern können.
Ja, das hätte man en passent auch machen können. Nur aus meiner Sicht handelt ein Regierungschef an der falschen Stelle, wenn er sich um die Unterbringung einer einzelnen Person kümmert. Das ist nicht sein Job.
Die Fernsehbilder jedenfalls haben nicht das Vertrauen ins Krisenmanagement der Regierung gestärkt.
Es wurde die falsche Botschaft gesendet, da haben Sie recht.
Was ist aus Ihrer Sicht aktuell das größte Risiko für die deutsche Bevölkerung? Sind das Naturkatastrophen, technische Störungen, Cyberangriffe oder gar ein Krieg?
Ich habe mich nicht mit Wahrscheinlichkeiten beschäftigt. Aber ich halte Naturkatastrophen für die größte Herausforderung. Hinzu kommen noch Menschen direkt verursachte Probleme, wie der Stromausfall in Berlin.
Was haben Sie aus der Flutkatastrophe im Ahrtal oder verheerenden Waldbränden in Brandenburg gelernt?
Die typische Katastrophe, das sage ich jetzt mit zwinkernden Augen, fängt freitags nach Dienstschluss an. Das war Anfang des Jahres in Berlin hier auch so. Welche Folgen hat das? Einige störende Führungskräfte sind nicht da, sondern schon zu Hause. Das ist manchmal auch besser für die-jenigen, die arbeiten müssen. Die typische Katastrophe fängt meist auch klein an, und man merkt gar nicht, wie groß die Auswirkungen noch sein werden. Meist merken betroffene Personen gar nicht, in welcher Lage sie sich befinden.
Hat das auch damit zu tun, dass Führungskräfte und Personen an entscheidenden Stellen für solche mitunter durchaus komplexen Lagen gar nicht ausgebildet sind?
Bei Polizei und Feuerwehr sowie bei der Bundeswehr gibt es dafür Ausbildungen und ich behaupte mal, die werden nicht auf dem falschen Fuß erwischt, wenn sie einen Stab aufbauen müssen. Ein generelles Problem ist die Durchhaltefähigkeit dieser Stäbe. Was mache ich, wenn ein Einsatz vier Wochen dauert? Wie lange dauert eine Schicht? Das muss vorher anhand eines Rasters geklärt sein. Ich habe in meinem Buch die Szenarien so beschrieben, dass sie von Bundes- und Landesbehörden abgearbeitet werden können. Die Kunst ist, dass man die Leute nicht abschreckt mit den Szenarien, sondern sie verstehen, auf was man sich vorbereiten sollte.
Derzeit wirken Behörden immer wieder überfordert.
Man hätte zum Beispiel vermutenkönnen, wenn es ein extra Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten in Berlin gibt, dass dieses auch mit der Lage klarkommt. Die hatten mit niederschwelligen Zahlen geplant, wo es eigentlich auch kein Problem hätte sein sollen, diese zu bearbeiten. Als die Zahlen stiegen, gab es einen Rückstau.
„Deutschland ist bekannt dafür, dass es irgendwie eine Lösung findet. Das ist dann mühsam und oft auch mit hohen Kosten verbunden.”
Und dann kamen Sie ins Spiel.
Ich komme immer dann ins Spiel, wenn was klemmt. Ich freue mich ja, wenn ich helfen kann. Mir fällt aber auch nicht alles allein ein.
Jetzt sind Sie bescheiden. Sie sind der Problemlöser für Berlin und darüber hinaus.
Das freut mich, wenn dem so ist. Die Frage ist, warum ist das so. Ich glaube, es liegt nicht daran, weil ich besonders intelligent oder besonders begabt bin. Sondern, weil ich kreativ bin. Ich bin von Haus aus Elektroingenieur und ich bin zuversichtlich. Mein Motto lautet: Wir finden eine Lösung.
Sie sind immer lösungsorientiert.
Ja. An der Stelle auf jeden Fall. Wenn man im Beruf oder im Dienst oder im Ehrenamt sehr gut ist, muss das ja nicht bedeuten, dass man auch zuhause sehr gut ist. Das sind zwei Paar Stiefel. Ich versuche aber auch zu Hause einige Dinge in Ordnung zu halten.
Sie sind für Ihr positives Praxisdenken und Pragmatismus bekannt. Fehlen diese Eigenschaften in den Verwaltungen?
Viele Verwaltungen haben nicht gelernt, dass auch ein gut ausgebildeter Sachbearbeiter Entscheidungen treffen kann. Was wir denen abverlangen, ist leider nicht deckungsgleich mit deren Ausbildung. Bis auch nur irgendeine Entscheidung getroffen wurde, ist es im Alltag schwer. Ich frage mich: Wie können wir dieses Potenzial heben? Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Kanzlerin der Freien Universität Berlin teilte mir mit, wir hätten Gebäude und Liegenschaften, dort könnten Menschen untergebracht werden.
Sie gaben diese Informationen weiter, aber niemand interessierte sich dafür. Wie frustrierend ist es für Sie, wenn das Land Berlin Sie als Experte holt, aber späterIhren Empfehlungen nicht folgt?
Jeder muss in dieser Situation damit rechnen, dass ein fachlich gut begründeter und logischer Vorschlag abgelehnt wird. Egal, wie viele Fachleute da drübergeschaut haben, die Politik hat in vielen Fällen Gott sein Dank das Recht, es anders zu machen. Ich hatte überlegt, ob Berlin zusammen mit Brandenburg das gemeinsame europäische Asylverfahren umsetzt. Da hatte sich Berlin aber dagegen entschieden. Wichtig ist, dass solche Ablehnungen dokumentiert sind. Das ist besser, als wenn Expertenvorschläge sich gleich daran orientieren, was die Politik möchte. In der Hauptstadt hat man sich für wenige große Flüchtlings-unterkünfte anstelle von vielen kleineren entschieden und beschlossen, im Wahljahr keine neuen in Betrieb zu nehmen.
Sie persönlich könnten aufgrund dieser Erfahrungen sagen, wenn ihr das nächste Mal einen Experten braucht, bitte ruft nicht mehr bei mir an.
Das könnte ich tun, habe ich bisher aber nie getan. Ich nehme gegenteilige Entscheidungen zur Kenntnis. Ich bin zu sehr Beamter, als dass mich dies kränken könnte. Aber ich habe in meiner Laufbahn auch nur wenige solcher Fälle erlebt. Eine sehr viel interessantere Entscheidung war die Frage, ob die Grenzen in Deutschland 2015 geschlossen werden sollen oder nicht. Dabei wird schon die Frage meistens falsch gestellt. Viele haben gefragt, ob man sie öffnen sollte. Die Grenzen innerhalb Europas sind offen, man kann sie also nur schließen. Die Frage haben wir am Tisch des Bundesinnenministers diskutiert, unter welchen Voraussetzungen dies möglich wäre. Da haben wir gesagt, dass die Schließung zwar denkbar wäre, aber das würde kaum funktionieren, und es hätte dann Bilder gegeben, die keiner haben will. Deswegen hat man sich auf politischer Ebene auch gegen die Schließung ausgesprochen.
Deutschland war weder auf die eine noch auf die andere Entscheidung vorbereitet.
Man kann sich wundern, dass es noch Grenzen gibt. Und wenn ich weiß, dass ich diese im Zweifel auch schützen muss, brauche ich dafür das entsprechende Personal. Wobei der Schutz an der Grenze heute nicht nur eine Frage des Personals ist. Ich kann vieles auch mit KI lösen. Dass man Polizist an Polizist stellt, ist Schnee von gestern.

Sind wir denn für die moderne Grenzüberwachung ausgerüstet?
Nein. Wir haben nicht genug Personal und können diesen Mangel auch nicht kompensieren durch intelligente technische Ausstattung.
Also haben wir auf beiden Ebenen ein Problem und können das eine nicht durch das andere ersetzen.
Ich würde aber nicht mehr Polizisten einstellen, die dann überflüssig werden, wenn ich dann neue technische Möglichkeiten erhalte. Allein die Drohnentechnik wird uns noch vieles ermöglichen, wovon wir im Moment noch träumen. Ich muss mir überlegen, was ist machbar und was kostet uns das.
Die Entwicklungsgeschwindigkeit in diesem Bereich ist enorm, natürlich auch aufgrund des Ukrainekrieges.
Diese Frage lautet heute, hast du in sechs Monaten ein neues Drohnensystem im Einsatz oder in fünf. Die Frage darf nicht sein, habe ich in fünf Jahren oder fünf Monaten ein Projekt aufgesetzt, um eine neue Drohne zu planen. Aber das ist die deutsche Vorgehensweise.
Deswegen können wir froh sein, dass wir nicht in der Situation der Ukraine sind.
Ja. Ich teile auch nicht die Annahme, dass wir im Kriegsfall auch so schnell wie die Ukraine wären. Das Thema Digitalisierung spielte in der Ukraine schon wesentlich früher als bei uns eine entscheidende Rolle.
Die baltischen Staaten sind uns auch weit voraus.
Das ist eine Frage der Gesellschaft. Man möchte dort digitaler sein und man nimmt damit auch in Kauf, dass man ein Stückchen gläsern wird. Man kann nicht sagen, ich möchte nur die Vorteile, aber nicht die Nachteile. Wenn ich ein Projekt nicht möchte, gibt es bei uns hier vier wesentliche Begriffe: Datenschutz, Brandschutz, Naturschutz, und Denkmalschutz. Einer dieser vier Begriffe passt immer. Ein plakatives Beispiel: Wenn ich einen Zaun errichte, der 2,20 Meter hoch ist, dann ist es ein genehmigungspflichtiges Bauwerk. Das ist unsere Rechtsgrundlage. Wenn ich jetzt aber einen zweiten Zaun hinter den ersten setze, ist es wieder andere rechtliche Grundlage. Hier gelten von Menschen gemachte Gesetze und ich erinnere gerne daran, dass diese auch geändert werden können. Das Einzige, was wir nicht ändern können, sind die Naturgesetze und die zehn Gebote.
Aber kommen wir dann nicht zum nächsten Problem, dass wir zu lange für Gesetzesänderungen brauchen?
In Berlin hat man festgestellt, wir müssen das Datenschutzrecht ändern, um die Videoüberwachung öffentlicher Straßenräume an gefährdeten Stellen überhaupt machen zu dürfen. Von der Erkenntnis bis zur Einbringung des Datengesetzes sind nur vier Wochen vergangen.
Erstaunlich, es geht doch schnell, wenn man will.
Das ist das alte Prinzip, wenn das Ziel klar ist, dann findet man auch einen Weg. Wenn das Ziel jedoch unklar ist, stimmt jede Richtung.
Kommen wir zu einem anderen Problem: Deutschland hatte lange Zeit kein umfassendes Schutzraumkonzept mehr.
Wir hatten gar keins mehr.
Noch schlimmer. Wie weit sind wir jetzt beim Wiederaufbau von Schutzräumen?
Ich komme etwas sarkastisch mit einem Sprichwort: Wenn man ab Abgrund steht, ist ein Schritt zurück ein Fortschritt.
Ich würde im Ernstfall den nächsten Zug in die Schweiz nehmen. Die haben für mehr als 100 Prozent der Bevölkerung Schutzräume.
Ja, aber auch, weil die davon ausgehen, dass die Menschen tagsüber woanders sind als nachts.
Selbst wenn die sich das schön rechnen, wir kommen nicht ansatzweise auf solche Werte.
Wir hatten nie mehr als vier Prozent gehabt. Selbst zu Hochzeiten des Kalten Krieges war das Bunkerkonzept bei vier Prozent. Dann waren leider die Gelder verbraucht, die Bunker waren wahnsinnig teuer gewesen. In der Ukraine hat man einfach Schutzräume organisiert. Da ist jeder Raum, der verhindert, dass Menschen etwas auf den Kopf kriegen, ein Schutzraum. Der Schutzraum gilt als sicher, wenn er nicht im Trümmerschatten von Hochhäusern steht, wenn diese zusammenbrechen. Das können Bauingenieure vorher berechnen. Fazit: In der Ukraine sind im Verhältnis zur Kriegsdauer relativ wenige Zivilisten ums Leben gekommen. Hinzu kommt, dort funktioniert dank Digitalisierung das Warnsystem. Davon können wir nur träumen. Ich habe die ukrainische Warn-App bei mir auch installiert. Da wird nicht nur ein Heulton ausgelöst, sondern es wird auch angezeigt, wo der nächste Schutzraum ist. Einziges Manko: Die App zeigt nicht an, ob im Schutzraum noch Platz ist. In Finnland hat man auch für 120 Prozent der Bevölkerung Schutzräume. Das sind dort aber schon Bunkeranlagen. Da finden sie aber keine Küche und somit keine Essensausgabe. Die Philosophie ist, wenn man in den Bunkern muss, macht man das nicht, um sich dort zu amüsieren, sondern um sich zu schützen. Man muss sich eben Essen mitbringen, Wasser wird aber ausgeteilt. Diese Selbstständigkeit ist bei uns überhaupt noch nicht angekommen. Bei uns gibt es die Erwartungshaltung: Ich gehe nur in den Bunker, wenn es dort einen Fitnessraum gibt, wenn ich dort eine Erste-Hilfe-Station habe und wenn es eine Küche gibt.
„Ich bin dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen.”
Zunächst müsste die Bevölkerung wissen, wo ist der nächste Schutzraum.
Die gibt es ja auch gar nicht.
Selbst wenn es sie gäbe, wo könnte ich überhaupt erfahren, wo der nächste Schutzraum ist.
Eine App dafür müssten wir erst entwickeln.
Es gibt einen Notfallratgeber des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Den kennt aber niemand. Keiner hat ihn zuhause liegen.
Ich habe ihn mehrfach hier liegen.
Sie sind wahrscheinlich auch darauf vorbereitet, im Ernstfall 72 Stunden im eigenen Haus ausharren zu können.
Das kann ich noch länger.
Das empfohlene Kurbelradio ist auch vorhanden?
Natürlich. Ich habe mir sogar die Mühe gemacht und habe die Liste mit Empfehlungen für die private Vorsorge nach dem Stromausfall erweitert.
Was haben Sie ergänzt?
Zum Beispiel die Trillerpfeife.
Wozu benötige ich die?
Wenn das Handy nicht geht, dann ist die Trillerpfeife die einzige Möglichkeit, wenn man nicht brüllen kann, Hilfe zu holen. Ich bin für einfache Lösungen. Ich habe auch Stift, Papier und Kreppband ergänzt. Wenn ich das Haus verlasse, weil ich woanders unterkomme, bringe ich an der Haustür einen Zettel an, dass das Haus leer ist. Dadurch wissen Katastrophenhelfer im Ernstfall, dass sie dieses Haus nicht nach Überlebenden durchsuchen müssen.
Das eigene Leben sollte im Zweifel auch wichtiger sein als die Angst vor Einbrechern.
In der Tat.
Haben Sie die Erweiterungen weitergeleitet oder behalten Sie diese für sich?
Ich verteile meinen Zettel.
Schweden hat ein solches Informationsblatt an alle Haushalte geschickt. Warum machen wir das nicht?
In Berlin wird das auch der Fall. Das kann ich Ihnen hiermit schon einmal ankündigen.
Warum nicht für das Deutschland?
Ich bin in dem Fall nur für Berlin zuständig.
Trotzdem, was spricht denn dagegen?
Es gibt eine leider noch verbreitete Scheu von vielen Politikern, angeblich manchmal auch von Verwaltungen. Es ist die Angst, Leute damit zu beunruhigen. Die könnten das falsch interpretieren und glauben, sie seien einer direkten Gefahr ausgesetzt. Ich entgegne dem immer: Der nicht informierte Mensch wird eher zu einer Gefahr als der gut informierte Mensch.
Absolut.
Mich interessiert auch nicht, dass solche Informationen auch falsch interpretiert werden könnten oder Menschen in Sozialen Netzwerken darüber herziehen. Unser Hauptziel ist, zu informieren.
Sollten wir damit in der Schule schon anfangen?
Unbedingt. Es gibt zwei Bereiche, in denen wir beginnen sollen. Ein Bereich sind Kindergärten und Grundschulen. Kinder haben großes Interesse an solchen Themen, hören zu und kleben förmlich an den Lippen der Lehrer. Das andere Ende der Fahnenstange sind die Altenheime. Die dortigen Bewohner Zeit ohne Ende und sind vielseitig interessiert. Wir müssen die Bevölkerung in die Zange nehmen.
Sie waren schon in vielen Krisenregionen der Welt unterwegs. Was ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?
Eine Rakete der Huthi-Rebellen, die mich am Flughafen in Riad um 30 Sekunden verfehlt hat.
Das ist der Einstieg Ihres Buches.
Ja. Ich habe das erst später richtig begriffen, was da passiert ist. Ich bin dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Das ist ein markantes Beispiel.
Ich habe gelesen, dass sie auch als Experte im Gazastreifen gefragt sind. Wann reisen Sie dort hin?
Dafür habe ich derzeit keine Zeit. Es ist aber nicht der Gazastreifen, sondern nach Palästina. Ich bin von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GEZ) angefragt worden, um zu helfen, freiwillige Strukturen aufzubauen. Ich werde erst im Sommer dorthin reisen können.
Die warten so lange auf Sie?
Müssen sie.
Bleibt noch Zeit für …
… in der Ecke steht das Cello.
… ihre zweite Wahlheimat Astypalea, einer kleinen griechischen Insel.
Ich muss da manchmal hin, weil ich auch noch Fachberater des griechischen Zivilschutzes bin.
Bleibt da noch Zeit für den Besuch des eigenen Rotary Clubs?
Ich halte derzeit mehr Vorträge in anderen Clubs als dass ich meinen eigenen besuche. Aber ich habe nicht vergessen, was meine rotarische Heimat ist: Berlin-Süd.
Was schätzen Sie besonders an Rotary?
Was mich bei Rotary am meisten interessiert, sind die Vorträge. Ein Mitglied hat mal einen Vortrag über seine Veterinärstätigkeit im Zweiten Weltkrieg berichtet. Die deutsche Wehrmacht hatte fünf Millionen Pferde im Einsatz. Ein Mathelehrer von mir war dies auch, und der erzählte mal, dass er die Schreie der verwundeten Pferde nie vergessen werde. Ein anderer Clubfreund war mit der Tochter eines Widerstandskämpfers befreundet. Ihr Vater gehörte zu den Personen, die wirklich letzter Sekunde im Bendlerblock hingerichtet wurden. Zeitzeugenberichte finde ich sehr spannend. Ich habe mich gefreut, als ich gefragt wurde, ob ich Rotarier werden möchte und es nie bereut.
ZUR PERSON:
Albrecht Broemme (RC Berlin-Süd) ist Experte für Zivil- und Katastrophenschutz. 1992 wurde der studierte Elektrotechniker mit 39 Jahren der jüngste Leiter der Berliner Feuerwehr. Von April 2006 bis Ende 2019 war er dann Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk. Im April des vergangenen Jahres erschien sein Buch „Deutschland in der Krise“.





