Der Mut zur Entscheidung

Konrad Adenauer als Mann der ersten Stunde im Jahr 1949 und als Glücksfall in der Geschichte der Bundesrepublik
GruGeschichte ist grundsätzlich immer nach vorne offen. Sie kennt keine Zwangsläufigkeiten. Geglückte Entwicklungen genauso wie Irrwege sind immer auch Ergebnisse von Entscheidungen Einzelner. Die deutsche Geschichte seit 1871 liefert dafür Anschauungsunterricht. Wer sich mit der Vorgeschichte der Bundesrepublik in den Jahren von 1945 bis 1949 befasst, findet ein Lehrbeispiel in Konrad Adenauers zielgerichtetem und entschlossenem Handeln. Wenn am 5. Januar 2026 aus Anlass von Adenauers 150. Geburtstag an den Gründungskanzler der Bundesrepublik mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen erinnert wird, so bietet er Orientierungspunkte für politisches Handeln in Zeiten der strategischen Ungewissheit. Mut, Charakter und ein klarer Kompass sind die Geheimnisse seines Erfolges. Adenauers Handeln ist zugleich eine Bestätigung des Faktors Zeit. Er war nicht nur im rechten Augenblick an Ort und Stelle.ndtext
Mut, Charakter, klarer Kompass
Adenauer war durch die amerikanischen Besatzungsbehörden am 4. Mai 1945 in sein altes Amt als Oberbürgermeister der Stadt Köln eingesetzt worden. Als im Juni 1945 die Rolle der Besatzungsmacht auf die Briten überging, verblieb Adenauer zunächst im Amt, doch die Kooperation gestaltete sich von Anfang an schwierig. Aus britischer Sicht war es konsequent, dass der Militärgouverneur der Nordrheinprovinz, Tom Barraclough, am 6. Oktober 1945 Adenauer aus seinem Amt entließ. Adenauer wurde zudem mit einem politischen Betätigungsverbot belegt, wohl auch, weil er zu gute Kontakte zu den Amerikanern und Franzosen unterhielt. Seine parteipolitischen Aktivitäten waren dadurch allerdings kaum unterbrochen. Von Beginn an verstand er sich meisterhaft darauf, begrenzte Möglichkeiten vollumfänglich auszuschöpfen. Das Programm der rheinischen CDU, das am 1. März 1946 vom „Zonenausschuss der britischen Zone“ verabschiedet wurde, trug bereits seine Handschrift, etwa wenn dort ausdrücklich von der „Anerkennung des Privateigentums“ die Rede war und Vergesellschaftung als „zur Zeit nicht praktisch“ zurückgewiesen wurde. Die Entscheidung, den parteilosen Staatsminister für Wirtschaft in Bayern und späteren Wirtschaftsdirektor der Bizone, Ludwig Erhard, in seinen Umkreis einzubinden und ihm – immer noch als Nichtparteimitglied – ein Mandat der CDU für den deutschen Bundestag (im Wahlkreis Ulm) zu ermöglichen, war auch eine Grundentscheidung für das Konzept der sozialen Marktwirtschaft.

Adenauers Attacken gegen Schlange-Schöningen, den Leiter des Zentralamts für Ernährung und Landwirtschaft in der britischen Besatzungszone und späteren Direktor der Verwaltung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten beim Frankfurter Wirtschaftsrat, war ebenfalls im Zusammenhang mit der Richtungsentscheidung für die Wirtschaftspolitik zu sehen, wie sie dann die im September 1949 aus der Taufe gehobene „kleine Koalition“ mit der FDP umsetzte. Konrad Adenauer hatte klare politisch-ethische Überzeugungen und ein ausgeprägtes Verständnis für Konstellationen und taktische Manöver. Er war Patriot, kein Chauvinist.
Feines Gespür für das Zumutbare
Adenauer war 1945 zu anderen politischen Schlussfolgerungen als sein sozialdemokratischer Widersacher Kurt Schumacher, aber auch als sein innerparteilicher Konkurrent Jakob Kaiser gekommen. Dies hat die Grundentscheidung für das westliche Bündnis, die Absage an einen zur Neutralität neigenden Nationalismus und eine Entscheidung für den wirtschaftlichen Kurs der sozialen Marktwirtschaft vorbestimmt. Die politischen Überzeugungen, die Adenauer in seinen langen politischen Erfahrungen seit dem Kaiserreich und während der erzwungenen Pause und Verfolgung im „Dritten Reich“ sammeln konnte, waren das Grundgerüst. Adenauer dachte in langen Linien. Wenn er am 22. Dezember 1946 dem Leiter des Nachrichtenamtes der Stadt Köln schrieb, dass „der Nationalsozialismus nichts anderes (gewesen sei) als eine konsequente Weiterbildung des preußischen Staatsgedankens“, so spricht daraus auch tiefe Skepsis gegen die fehlende innere Balance des 1871 gegründeten Deutschen Reiches. Er hielt das deutsche Volk für ein krankes Volk. Der von ihm so häufig bemühte Satz, Deutschland müsse wieder stetig werden, war auch ein Versuch, wie ein erfahrener Arzt seinem schwer erkrankten und gerade wieder genesenen Patienten guten Mut zuzusprechen. Der politische Realismus, der aus diesen Worten sprach, war wohl Adenauers stärkster Trumpf. Seine Reaktion auf die Londoner Empfehlungen der Sechsmächtekonferenz, bei der die drei Westmächte und die Vertreter der Beneluxstaaten von Februar bis Juni 1948 über die künftige staatliche Organisation Deutschlands beraten hatten, zeigt, dass Adenauer, als er von einem „System der Ausbeutung Deutschlands“ sprach, ein sicheres Gespür für das Zumutbare hatte.
Tipp zum Weiterlesen: Norbert Frei: Konrad Adenauer: Kanzler nach der Katastrophe
C. H. Beck 2025, 380 Seiten, 29,90 Euro
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Seine Auseinandersetzung mit dem preußischen Militarismus, auch seine Kritik an Stresemanns Schaukelpolitik in den 1920er Jahren, resultierte in der klaren Absage auch an diejenigen in seiner Partei, der CDU, die Ende der 1940er Jahre virulente Vorstellungen von einem dritten Weg hatten. Erst Adenauers Entscheidung von 1949 für eine konsequente Westintegration hat die Bundesrepublik maßgeblich zu der späteren Erfolgsgeschichte werden lassen.
Die Entscheidung für das westliche Bündnis, die Absage an östliche Verlockungen und die allmähliche Rückerwerbung von Vertrauen durch verlässliche Partnerschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik. Wenn heute politische Kräfte am rechten und am linken Rand diese Orientierung infrage stellen, fragwürdige finanzielle Zuwendungen aus Moskau entgegennehmen und Zweifel an einer eindeutigen Absage an den Nationalsozialismus in Kauf nehmen, ist dies zugleich eine Kampfansage an alles, was Adenauer 1949 so erfolgreich ins Werk gesetzt hat. Er war überzeugt, dass nur mit einer klaren Option für die Zusammenarbeit mit den Westmächten Deutschland die Möglichkeit der Rückkehr in die Staatengemeinschaft als gleichberechtigtes Mitglied eröffnet würde. Er hielt die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, wie sie sich aus der Anti-Hitler-Koalition ergeben hatte, für widernatürlich.
Mit Geschick und Würde
Adenauers eigentliche Stunde kam 1948 beim Parlamentarischen Rat, als er als Präsident bewies, dass er mit allen Finessen der Sitzungsführung vertraut war. Hier schon wurden seine später in der Kanzlerschaft unter Beweis gestellten Stärken sichtbar. Zu Recht hatte ihm Carlo Schmid Geschick und Würde attestiert. Das Grundgesetz mit seinen Antworten auf die Lehren der Geschichte war ein Gemeinschaftswerk, das nicht einmal eine besondere Handschrift Adenauers erkennen lässt. Doch ohne Adenauers auf Ausgleich gerichtete Sitzungsführung wäre es ebenso wenig zustande gekommen wie die nach langem Ringen am 10. Mai 1949 getroffene Entscheidung zugunsten Bonns als künftigem Regierungssitz. Nach der Verabschiedung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 hatte der Parlamentarische Rat eigentlich keine Befugnisse mehr, und die Exekutivfunktionen wären wieder auf die Ministerpräsidentenkonferenz übergegangen. Auch hier taktierte Adenauer, um sich möglichst lang als Ratspräsident im politischen Spiel zu halten. Der Wirtschaftsrat und der Länderrat wurden am 1. September mit Rechtsakten der Militärregierung aufgelöst. Mit dem Inkrafttreten des Besatzungsstatuts am 21. September wurde der Verwaltungsrat aufgelöst. Mit dem leidenschaftlich geführten Wahlkampf zu den ersten Bundestagswahlen am 14. August 1949 hatte Adenauer dafür gesorgt, dass CDU und CSU einen knappen Wahlsieg davontrugen und gegen sie keine Regierungsbildung möglich war. Am 15. September 1949 wurde Konrad Adenauer mit einer Stimme Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt.
Adenauers politische Weichenstellungen waren für den weiteren Verlauf der Geschichte der Bundesrepublik entscheidend. Sie haben sich als Glücksfall erwiesen, und sie sollten Ansporn sein, auch in der Gegenwart mit Mut und Charakter für das einmal als richtig Erkannte einzutreten. Demokratie, auch das kann man bei Adenauer lernen, ist keine Schönwetterveranstaltung.
Ulrich Schlie
ist Historiker und seit 2020 Henry-Kissinger-Professor für Sicherheits- und Strategieforschung an der Universität Bonn. Von 2005 bis 2012 war er Leiter Planungsstab im Bundesministerium der Verteidigung, von 2012 bis 2014 dessen Politischer Direktor.
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