Rotary und der Carinthische Sommer

Der Carinthische Sommer ist nach den Salzburger und Bregenzer Festspielen das dritte große sommerliche Kultur- und Musikfestival in Österreich und hat einen engen Bezug zu Rotary // André Hensel (RC Villach) und Klemens Fheodoroff (RC Hermagor)
Alles begann im ehemaligen Benediktinerstift Ossiach am gleichnamigen See in Kärnten. 1963 wurde Jakob Stingl Pfarrer von Ossiach. Seit der Aufhebung des Klosters 1783 im Zuge der Reformen Kaiser Josephs II. war das Gebäudeensemble zunehmend dem Verfall preisgegeben. Zur Finanzierung der Renovierung der Stiftskirche veranstaltete Stingl Orgelkonzerte. Der Genius Loci, also die Kombination aus tausendjähriger spiritueller und architektonischer Tradition sowie der Landschaft zwischen See und Berg, zog bedeutende Künstler an, darunter den Pianisten und Komponisten Friedrich Gulda (1930–2000), den Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker Helmut Wobisch (1912–1980) sowie den Komponisten und Dirigenten Nikolaus Fheodoroff (1931–2011), Leiter des Kammerorchesters des Österreichischen Rundfunks (ORF) in Kärnten. 1968 gründete Gulda den Verein Musikforum Ossiachersee, um eine internationale Konzert- und Seminarreihe zu entwickeln, die sich der „Weltmusik“ widmet.
Zu den Beiräten des Vereins gehörten unter anderem Pfarrer Stingl, Nikolaus Fheodoroff, Helmut Wobisch und Wolfgang Wick. Die beiden letztgenannten waren Rotarier. Wobisch war 1959 Gründungsmitglied des RC Wien-West gewesen und hatte im rotarischen Jahr 1965/66 dessen Präsidentschaft innegehabt. Wolfgang Wick (1911–1991) war Generaldirektor der Österreichisch-Amerikanischen Magnesitwerke (ÖAMAG) und Präsident der Kärntner Industriellenvereinigung (IV). 1951 wurde er in den RC Klagenfurt kooptiert. Dieser Club war bereits 1928 gegründet, im Zuge des „Anschlusses“ 1938 zwangsaufgelöst und 1947 als „Klagenfurter Herrenklub“ wiedergegründet worden. Bei Rotary startete der umtriebige Wick eine Blitzkarriere: Im rotarischen Jahr 1956/57 war er Präsident seines Clubs und nur zwei Jahre später (1958/59) wurde er der dritte Governor des 1956 eingerichteten Rotary-Distrikts für Österreich. In den 1960er Jahren engagierte er sich auch bei Rotary International (RI): 1966 wurde er RI-Direktor, 1967/68 war er 3. RI-Vizepräsident und zu Beginn des Jahres 1976 wurde er schließlich zum RI-Präsidenten nominiert und wäre somit beinahe der erste deutschsprachige Rotarier im höchsten Amt von Rotary geworden. Was folgte, war eine Art rotarische Waldheim-Affäre, in welcher seine NS-Vergangenheit in der Weltpresse thematisiert wurde, was schließlich zu seinem Rücktritt führte.

Zweigleisige Strukutur
Das erste „Musikforum Ossiach“ (MFO) im Sommer 1968 stand unter dem Motto Improvisation. Das gefiel nicht allen, und bald darauf kam es zu Konflikten um die Ausrichtung und die künstlerische Gestaltung des Forums. Wobisch und Fheodoroff wollten auch klassische Konzerte abhalten, was Gulda kategorisch ablehnte. So kam es 1969 zu einer konkurrierenden, zweigleisigen Struktur: Neben dem MFO wurde in der Stiftskirche eine klassische Konzertreihe unter dem Titel „Carinthischer Sommer“ (CS) abgehalten. Die Bezeichnung wurde von Carinthia, dem lateinischen Namen für Kärnten, abgeleitet. Wobisch ließ seine Beziehungen zur Musikwelt spielen und engagierte unter anderem den berühmten deutschen Pianisten Wilhelm Backhaus (1884–1969), der allerdings während seiner Darbietungen einen Schwächeanfall erlitt und wenige Tage später im Villacher Krankenhaus verstarb.


Trotzdem war der erste CS ein voller Erfolg, und es wurde beschlossen, das Festival groß aufzuziehen und jährlich zu veranstalten. Allerdings brauchte eine Veranstaltung dieser Größenordnung ebenfalls ein passendes juristisches Konstrukt. Wobisch wandte sich daraufhin an einen rotarischen Freund, den Villacher Rechtsanwalt Anton („Tonto“) Gradischnig (*1931), der seit 1967 Mitglied des RC Villach ist. Dieser Club war bereits 1932 gegründet, im Zuge des „Anschlusses“ 1938 zwangsaufgelöst und 1954 wiedergegründet worden. Wobisch ließ sich von Gradischnig zur geeigne-ten Rechtsform beraten, um als Veranstalter Rechtssicherheit zu haben und Subventionen abrechnen zu können. Gradischnig empfahl einen gemeinnützigen Verein und bot sich auch gleich als Mitorganisator an. Im Frühjahr 1970 warb Gradischnig in seinem Rotary Club sehr erfolgreich um Unterstützer. So liest sich die Liste der Gründungsmitglieder des Vereins Carinthischer Sommer wie das Mitgliederverzeichnis des RC Villach: Neben Gradischnig waren es der Neugründungspräsident von 1954, Heinrich Zak, der Bundesbahnpräsident und spätere Distrikt-Governor Johann Pontasch, die Bergbaudirektoren Felix Klose und Walter Ressler, die Ärzte Max Scheibner und Erich Sumalvico sowie der Wirtschaftstreuhänder Dietrich Birnbacher, späterer Finanzreferent im Verein. Damit begann eine lange Reihe von Rotariern im Trägerverein des CS, die sich bis heute durchzieht. Die konstituierende Gene-ralversammlung fand am 9. Juli 1970 in Ossiach statt. Zum Obmann wurde Helmut Wobisch gewählt und Pfarrer Jakob Stingl zum Kassier. Schriftführer wurde Nikolaus Fheodoroff.

Erfolgreicher Start
1970 startete der CS sehr erfolgreich, während das MFO ausfiel. Es zeigte sich, dass die Gemeinde Ossiach mit ihren damals gerade einmal 560 Einwohnern für zwei große Musikfestivals zu klein war. Gulda unternahm mit dem MFO 1971 noch einen letzten Versuch und holte die berühmte britische Rockband Pink Floyd nach Ossiach, was einen Ansturm junger Fans verursachte und die Infrastruktur überlastete. Guldas Vorschlag, das MFO in einer temporären Zeltinfrastruktur stattfinden zu lassen, wurde von der Gemeinde Ossiach abgelehnt. Das MFO fand schließlich eine neue Wirkungsstätte im ehemaligen Zisterzienserstift Viktring im Süden von Klagenfurt. Damit hatte sich der CS in Ossiach endgültig durchgesetzt. Mit dem 1971 eröffneten Villacher Kongresshaus (heute: Congress Center Villach, CCV) gab es nun endlich Veranstaltungsräume für große Orchesterkonzerte. So wurde die zweitgrößte Stadt Kärntens ab 1972 zur Festspielstadt und zu einem Kulturzentrum in Südösterreich. Viele berühmte Musiker aus der ganzen Welt gaben sich ein Stelldichein. Die Moskauer und die Wiener Philharmoniker wechselten sich im CCV ab. 1977 wurde im Rahmen des CS das erste Europäische Leonard-Bernstein-Festival veranstaltet, welches weltweite Beachtung fand.
In der ersten Hälfte der 1970er Jahre stießen weitere Villacher Rotarier zum Verein CS, darunter Hans Hechenleitner, Felix Klose, Heinz Filaferro und Alfred Edler von Sallmann. Wobisch blieb bis zu seinem Tod 1980 in der Doppelfunktion als Intendant und Vereinsobmann des Carinthischen Sommers. 1976 wurde er zum Ehrenmitglied des RC Villach ernannt und erhielt 1979 den Ehrenring der Stadt Villach. Nach seinem Tod wurden Straßen in Ossiach und Villach nach ihm benannt. 2013 wurde seine nationalsozialistische Vergangenheit vom Wiener Historiker Oliver Rathkolb (RC Wien-Stephansplatz) aufgearbeitet, was in weiterer Folge zur Aberkennung des Ehrenrings und einer Umbenennung der Wobisch-Straße im Stadtteil Landskron führte.

Nach dem Tod Wobischs wurden Vereinsvorsitz und Intendanz getrennt. Neuer Vereinsobmann wurde Nikolaus Fheodoroff. Nachfolgerin als Intendantin wurde Wobischs langjährige Assistentin Gerda Fröhlich (1943–2025), die damit zur europaweit ersten Frau in derartiger Funktion wurde. Sie erweiterte das Festivalprogramm über das Klassische hinaus mit Kompositionsaufträgen für Kirchenopern sowie für Kinderopern im Rahmen des neuen Schwerpunktes „Carinthischer Kindersommer“. Zum Pensionsantritt 2003 wurde sie zum Ehrenmitglied des RC Villach ernannt. Gleichzeitig wurden Georg Birnbacher (Finanzreferent 2015–2020), Sohn von Gründungsmitglied Dietrich Birnbacher, und Peter Scheibner vom RC Villach aufgenommen. Letzterer ist der Sohn von Gründungsmitglied Max Scheibner und war von 2008 bis 2014 stellvertretender Finanzreferent. Darüber wurde auch Klemens Fheodoroff vom RC Hermagor kooptiert. Er ist der Sohn von Nikolaus Fheodoroff und war von 2017 bis 2025 Obmann des Vereins CS. Damit hatte die nächste Generation das Ruder im Verein CS übernommen. Schließlich wurde im selben Jahr mit Claudia Pacher auch erstmals eine spätere Rotarierin des RC Villach-Park aufgenommen. Sie war von 2006 bis 2019 Schriftführerin und zudem von 2011 bis 2016 Obmann-Stellvertreterin. Neuer Intendant wurde Thomas Daniel Schlee (1957–2025), der mit „CS alternativ“ einen neuen Zyklus mit Jazz und Weltmusik einführte. Weitere Rotarier im Vorstand wurden Michael Michor vom RC Hermagor (Mitglied seit 2014 und bis 2019 stellvertretender Finanzreferent) sowie Ulrich Glaunach vom RC Wien-Oper (Mitglied seit 2016 und von 2017 bis 2025 Obmann-Stellvertreter).


Von 2016 bis 2023 war Holger Bleck Intendant des CS. An neuen Spielorten in Kärntner Schlössern und Gärten fanden Musiksalons, Picknick- und Stationenkonzerte statt. Mit dem neuen Format „CS unterwegs“ wurden moderne Bearbeitungen von Volksmusik im öffentlichen Raum kostenfrei angeboten. Jazz und Crossover waren gleichberechtigt neben der klassischen Musik vertreten. 2018 folgte eine weitere rotarische Generation: Past-Gov. Arno Kronhofer (Schriftführer 2020–2022) vom RC Hermagor sowie Sabine Seidler und Maria Radinger (Schriftführerin 2022–2025) vom RC Villach-Park. 2022 wurde ergänzend zum Verein die Carinthischer Sommer Festival GmbH gegründet, um die Organisation zu professionalisieren.

Neuer Schwung ab 2024
2024 übernahm Nadja Kayali die Intendanz des CS. Sie konnte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) als neues Festivalorchester gewinnen. Hinzu kamen neue Formate wie die Morgenkonzerte in der evangelischen Kirche mit Musik und Lesungen sowie anschließendem Frühstück, welches von den Mitgliedern der beiden Villacher Rotary Clubs serviert wird. Ein Höhepunkt stellt auch das Carinthia Meeting als Rahmenprogramm zu einem ausgewählten Konzert dar, zu welchem alle Kärntner Rotary Clubs eingeladen sind. Im Dezember 2024 wurden der Obmann Klemens Fheodoroff und die neue Intendantin Nadja Kayali zu Ehrenmitgliedern des RC Villach ernannt. Seit 2025 wird im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt neben dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis auch ein Preis als Festivalschreiber/-in beim CS vergeben. Im Juli und August 2025 wurden bei rund 50 Veranstaltungen über 15.000 Besucher gezählt, was in Relation zur Kapazität der Spielstätten einer Auslastung von über 90 Prozent entsprach. Tonto Gradischnig erhielt im November 2025 als letzter noch lebender Mitbegründer des Carinthischen Sommers und gleichzeitig erster Kärntner Rotarier vom Landeshauptmann die höchste Auszeichnung für ehrenamtliche Tätigkeit, den Kärntner Lorbeer in Gold mit Brillanten.
Carinthischer Sommer 2026: 2. Juli bis 2. August. Das Abschlusskonzert bildet den Rahmen für ein Intercity Meeting, organisiert von den beiden Villacher Clubs.
Mehr: carinthischersommer.at/programm
Festspielkalender 2026
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