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Ein Stück Gerechtigkeit

von Karl-Markus Gauß | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Das Museum der Verlorenen Generation in Salzburg gibt Künstlern, die in der NS-Zeit ihrer Existenz beraubt wurden, eine würdige Bühne

In und um Salzburg gibt es eine Vielzahl von Museen, die den Besuch wahrlich lohnen und alljährlich von Abertausenden Touristen besucht werden. Denn mit den Museen der Welt hat es eine eigenartige Bewandtnis. Kaum ist man für ein paar Tage in einer fremden Stadt gelandet, schon schaut man, was sie an Museen zu bieten hat, die man sich als pflichtbewusster Reisender nicht entgehen lassen mag. In seiner eigenen Heimatstadt geht man es mit dem selbst gestellten kulturellen Auftrag hingegen oft nachlässiger an.

Das trifft auch auf mich zu, doch immerhin suche ich geradezu gewohnheitsmäßig alle paar Monate ein kleines Museum auf, das in dem schönen, um 1300 errichteten Steinhauserhaus im Herzen der Altstadt von Salzburg untergebracht ist. Es findet sich in der Sigmund-Haffner-Gasse Nr. 12, die nach dem reichen Sohn einer Händlerdynastie benannt ist, der 1756, im selben Jahr wie Mozart, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft auf die Welt kam und sechs Jahre vor seinem Freund starb, der ihm eine seiner berühmtesten Symphonien, die sogenannte „Haffner-Symphonie“, widmete. Im Steinhauserhaus lebte etliche Jahre Mozarts Schwester Maria Anna („Nannerl“), die selbst eine hervorragende Musikerin war und ihre Talente wohl deswegen nicht ganz entfalten konnte, weil es damals als unschicklich galt, wenn Frauen nicht einzig im privaten Salon als Pianistinnen bezaubern, sondern auch vor großem Publikum auftreten oder gar Musikstücke für Orchester verfassen.

Geht man auf uralten Steintreppen in den ersten Stock hinauf, betritt man die fünf hellen Räume eines Museums, das ausschließlich Künstlern und Künstlerinnen gewidmet ist, denen die nationalsozialistische Diktatur ihre Laufbahn zerstörte: Sie wurden den „entarteten Künstlern“ zugerechnet, von der „Reichskammer für bildende Kunst“ um Ateliers und Ausstellungen gebracht, politisch, ästhetisch, rassisch verfemt, verfolgt, vertrieben oder gar ermordet. Das „Museum der Verlorenen Generation“ favorisiert keine bestimmte ästhetische Schule, sondern trägt aus allen Himmelsrichtungen Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen vieler Stilrichtungen zusammen; was sie allesamt vereint, ist die Tatsache, dass diese Werke nach 1933 aus dem öffentlichen Raum verschwanden, der Vernichtung oft nur durch Zufall entgingen – und dass ihre Schöpfer um ihr Werk, ihre Zukunft und manche von ihnen auch ums Leben gebracht wurden. Die einen mussten im Geheimen arbeiten, ohne Aussicht, ihre Bilder je verkaufen zu können, die anderen flüchteten ums pure Überleben und blieben nach 1945 meist im Exil, wo immer sie es gefunden hatten. Und wieder andere, etwa Dora Bromberger, Leon Weissberg, István Farkas oder Adolphe Feder, von denen prächtige, erschütternde Ölbilder zu sehen sind, wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Das einzigartige Museum wurde erst 2017 gegründet, und es ist noch immer im Wachsen. Derzeit umfasst es rund 700 Werke von 290 Künstlern und Künstlerinnen, aber stetig kommen durch Kauf und Schenkungen neue Werke dazu, und zwar aus aller Welt. Denn die einst vertriebenen Künstler sind nie in die Heimat zurückgerufen worden, haben in den USA, in Israel, England, Neuseeland gelebt, sind in Armut und Vergessenheit oder als renommierte Lehrer und erfolgreiche Designer gestorben; und nun sind es oft schon ihre Enkel, die von diesem Museum gehört haben und Bilder, die seit Jahrzehnten nur ihrer eigenen Familie bekannt waren, nach Salzburg bringen. Jedes Bild hat seine eigene Geschichte, der das famose Team um die Kuratorin Marie-Christin Gebhardt nachspürt, jeder Künstler hat seine unbekannte, vergessene Lebensgeschichte, die recherchiert werden muss, um endlich erzählt werden zu können. 

Die Geschichte des Sammlers Böhme

Hinter Museen stehen oft mächtige Kulturpolitiker, aber gar nicht so selten auch einzelne Persönlichkeiten, die sich ihrem Ziel mit Leidenschaft, Ausdauer und mäzenatischer Hingabe widmen. Das Museum der Verlorenen Generation ist das Lebenswerk eines solchen Menschen, des 1932 in Leipzig geborenen Heinz R. Böhme. Kind eines Friseurs, der sich weigerte, sich von seiner Frau, einer österreichischen Jüdin, zu trennen, entkamen Böhme, sein Bruder und seine Mutter nur knapp der Deportation ins KZ, indem sie in Wien untertauchten; zahlreiche Mitglieder der Familie fielen der Schoah hingegen zum Opfer. In den 1960er Jahren arbeitete Böhme als Mediziner in der DDR, ab 1972 lebte er in Bayern, wo er zwei Jahrzehnte als Chefarzt einer Klinik für Angiologie wirkte. Damals begann er – ein Bild sowie das Schicksal des geflüchteten, 1942 in Jerusalem verstorbenen Malers Ludwig Jonas vor Augen und im Herzen – Werke von vergessenen Künstlern der von ihm so genannten verlorenen Generation zu sammeln. Er war schon 85, als er in Salzburg sein Museum gründete. Jetzt, da er 94 Jahre zählt, ist es zu einer einzigartigen Stätte der Kunst sowie der Geschichte einzelner Werke und ihrer Schöpfer geworden. Während viele berühmte Museen der Moderne weltweit oft mit einer Parade der immer gleichen Malerfürsten aufwarten, kann man hier Bilder bewundern, die noch nie öffentlich gezeigt wurden, und Künstler entdecken, die völlig zu Unrecht vergessen sind.

Wie etwa Mack Kock, der in Dresden als Sohn eines chinesischen Diplomaten und einer deutschen Mutter geboren wurde und sich in seinen jungen Jahren einen Namen als surrealistischer Maler machte. Im „Dritten Reich“ verlor er die Grundlagen seiner Existenz als Künstler und nach der Bombardierung Hamburgs fast alle seine Gemälde im Feuersturm. Nur ganz wenige Bilder haben sich von ihm, der 1946 erschöpft, entkräftet, enttäuscht 49-jährig starb, erhalten. Zu sehen sind sie wie die Neuerwerbung Frau mit Pfeife im Museum, das einer ganzen verlorenen Generation verspätete Gerechtigkeit zollt.

Karl-Markus Gauß

ist Schriftsteller in Salzburg. Seine Reiseerzählungen wurden in viele Sprachen übersetzt und mit nam-haften Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Foto: Kurt Kaindl