Zwischen allen Welten

Interview: Barbara Honigmann, Chronistin der Juden der zweiten Generation, schreibt in ihrem Buch „Mischka“ über Moskauer Dissidenten und unglückliche Überlebende
Barbara Honigmann, 76, ist eine Meisterin darin, in ihren Büchern vom Privaten aufs Weltgültige zu schließen. 35 Jahre lebte sie an der Schnittstelle zwischen Nato-Staatenbund und Warschauer Pakt in Ost-Berlin. Als Kind einer Ex-Geheimagentin, vier Jahre nach Kriegsende geboren. Wilde Jahre zwischen intellektueller Theater-Existenz und rituellem Judentum. Seit 1984 lebt sie als Deutsche in Frankreich, in Straßburg, und schreibt ausschließlich auf Deutsch.
Wenn sie wollte, könnte sie eine der führenden jüdischen Stimmen sein. Will sie aber nicht. Weil sie sich nicht als Sprecherin sieht, sondern als Schriftstellerin, die durch ihre Bücher spricht. Ende Januar ist ihr 14. Buch erschienen: Mischka ist eine erweiterte Familiengeschichte.
Porträtiert wird eine Gruppe jüdischer kommunistischer Intellektueller, denen 1972 lange schon bewusst ist, dass es mit dem Sowjetkommunismus kein gutes Ende nehmen wird. Barbara Honigmann ist 23 Jahre alt, sitzt mit am Tisch in der Moskauer Küche, die doppelt so alte Mischka hegt mütterliche Gefühle für das Mädchen aus Ost-Berlin und rechnet kurzerhand ab mit dem „ganzen sozialistischen System“: Es sei nur dem „Kult der Gewalt gewidmet“, es habe eine „Gesellschaft der Heuchelei und Grausamkeit“ hervorgebracht und zu „unendlichen Verbrechen“ geführt.
Und tatsächlich bleiben die nächtelangen Diskussionen in der Moskauer Küche nicht privat, selbstbezogen und nichtig. Bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte weht einen an, hier nun erstmals in jüdischem Kontext.
Mischka und ihre Genossen sind Dichter und Dissidenten, die mit Heinrich Böll und Wolf Biermann verkehren. Mischka darf die Sowjetunion verlassen, sitzt nun in der Kölner Küche von Heinrich Böll, und weil die Welt klein ist, kennt der ihren geschiedenen Mann: Kurt „Kutschi“ Müller, einstiger KPD-Funktionär, von den Sowjets in den Gulag interniert. „Den kenne ich“, ruft Böll, „der arbeitet jetzt für die Friedrich-Ebert-Stiftung!“
In zwei weiteren Kapiteln werden exemplarisch Juden vorgestellt, wie sie zumeist inkognito innerhalb der Mehrheitsgesellschaft leben. Ihnen allen eigen ist eine lebenslange Unruhe, Rast- und Ratlosigkeit, wie sie nur unter ihresgleichen erkannt wird: „Im Grunde ähnelt alles, was wir da hörten, den vielen anderen schwierigen und oft traurigen, selten geglückten Wegen und Schicksalen all derer, die man die zweite Generation nennt, die Kinder der ehemaligen jüdischen Exilanten und Überlebenden der Lager.“



Barbara Honigmann ist Teil dieser sogenannten zweiten Generation und deren Chronistin. Eigentlich, sagt sie, möge sie keine Interviews. Nun aber erzählt sie in Mischka von Yvette, von Peter, Klaus, Thomas, Wolfgang – also sei auch die eine oder andere Frage an sie, an Barbara, gestattet.
Sie sind Jahrgang 1949: Wie sehr jüdisch durfte mansein, in Ost-Berlin, in Karlshorst, als Sie Kind waren?Die Familie war nicht religiös – war denn nachaußen hin überhaupt klar, dass die Honigmanns jüdisch sind?
Das wussten offensichtlich alle, wir sahen ja schon anders aus. Man fragte mich immer: Hast du dir heute nicht die Augen gewaschen? Viel Besuch, aus England, aus Österreich …
Wie hat die Abrechnung der Moskauer Dissidenten mit dem Sozialismus, 17 Jahre vor dem Zusammenbruch, auf Sieals junge Frau gewirkt?
Das war beeindruckend, aber einleuchtend.
Gab es darüber Konflikte mit den Eltern?
Ich habe das vermieden. Die Probleme wurden beschwiegen, aber nicht geleugnet. Vielleicht waren meine Eltern sogar froh, dass ich es in dieser familiären Mischka-Atmosphäre erfahren hatte und sie mich nicht aufklären mussten.
Für die DDR-Führung war die UdSSR ideologisches Vorbild, Schutzmacht und Brudervolk. Für den Großteil der Bevölkerung galt „der Russe“ als Besatzer. Wie haben Sie es wahrgenommen?
Die Leute haben die Russen gehasst und verachtet. Mir wurden sie als Befreier überliefert. Ich habe als Kind mit den Kindern der Sowjet-Offiziere in den Höfen ihrer Häuser gespielt, das machte kein deutsches Kind. Ich wundere mich heute noch, dass ich da freien Zugang hatte. In Karlshorst war die Garnison, und es gab ein ziviles abgesperrtes „Schtetl“, wo die wohnten, aber wir Kinder, ich mit zwei Freundinnen, gingen da einfach hin, und niemand hat uns gehindert.
Ihr Vater emigrierte 1933 als Journalist nach London, war nach dem Krieg in führenden Positionen bei der Berliner Presse und der Defa tätig, dazu Kabarett-Direktor. Ihre Mutter war in erster Ehe mit einem KGB-Agenten verheiratet und selbst Spionin gewesen. Sagt man sich da als Kind: Ich werd mal Spionin?
Ich habe die ganze Geschichte erst 1988 aus dem Fernsehen erfahren. Und ansonsten sprach meine Mutter darüber nicht.
In West-Berlin hatte man als Student die Wahl zwischen unterschiedlichen K-Gruppen, man konnte zu den Maoisten oder zu den unpolitischen Hippies: War da nichts für Sie dabei?
Ganz bestimmt nicht.
ZUR PERSON: Barbara Honigmann
ist eine deutsch-jüdische Schriftstellerin und Künstlerin, deren Werk stark von der Erfahrung der „zweiten Generation“ nach der Schoah geprägt ist. In autobiografisch gefärbten Erzählungen und Essays verbindet sie Themen wie jüdische Identität, Exil, Erinnerung und religiöse Tradition und gilt damit als eine der wichtigen literarischen Stimmen des zeitgenössischen deutsch-jüdischen Schreibens.
„Als wir in den achtziger Jahren nach Straßburg kamen“, heißt es in Mischka, „haben wir noch einmal eine ganz andere jüdische Welt kennengelernt als die, in der wir uns in Berlin bewegt haben, wo wir in den winzigen Kreisen eines sozusagen defizitären Judentums lebten, in einer Art Außenseitertum, das gleichzeitig elitäre Züge trug und in dem wir uns ständig, ,fern von irgendwo‘ fühlten, jenseits des Kosmos der jüdischen Weggefährten der Eltern, in dem das Judentum eigentlich immer ein Geheimnis blieb.“
Als die Honigmanns 1984 mit Mann, Sohn und Kater „Atze“ Ost-Berlin verlassen, ziehen sie nicht aufs Geratewohl nach Straßburg, sondern in die jüdische Gemeinde dort. Straßburg liegt schon nach dem Ersten Weltkrieg – aus jüdischer Sicht und von Polen aus betrachtet – auf einer Westroute nach Amerika, über Berlin, Wien, Prag, Straßburg, Paris, entlang der osteuropäischen und chassidischen Gemeinden.
Sie hätten nach Zürich, London oder New York ziehen können. Warum Straßburg?
Man hatte uns Straßburg als besonderen Ort auf der jüdischen Weltkarte geschildert und empfohlen. Es gab in Frankreich eine neue offenere Ausrichtung dem religiösen Judentum und seinen Texten gegenüber, durch verschiedene Persönlichkeiten: André Neher, Levinas, Rabbiner Abitbol …
War diese Entscheidung auch eine Häutung und Ablösung von den übermächtigen Eltern, ein Heraustreten aus deren biografischem Schatten, ein Stück Selbstermächtigung?
Es war ein „religious turn“, wie es ein Freund so richtig benannte, die Entscheidung, oder mehr der Wunsch, das Defizit des (religiösen) Judentums zu füllen.
Barbara Honigmann: Mischka
Drei Porträts Hanser Verlag, 112 Seiten, 22 Euro
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In Ihrer Stasi-Akte steht: „Die B.H. unternahm mehrfach Reisen in die SU und unterstützte den W.B. maßgeblich bei der Übersetzung sowjetischer Renegaten und stellte Verbindungen zu dortigen Regimekritikern her.“ – Sie haben Wolf Biermann Kontakte vermittelt, das klingt wie eine Auszeichnung.
Den Kontakt zu Mischka hatte er schon, es war umgekehrt, Mischka hat mich zu Biermann geschickt, und von da an waren wir halt in diese Verbindungen „verstrickt“ und wollten auch zusammen nach Moskau fahren, aber sie haben ihn nicht rausgelassen, und ich war allein mit seiner Mutter in Moskau.
Hat die Stasi nie angeklopft?
Doch, hat sie. Der „Geheimagent Kupfer“, wie wir ihn nannten, tauchte bei mir zu Hause auf. Von diesem Besuch habe ich dann am nächsten Tag im Café Espresso unter den Linden allen erzählt und allen anderen, die ich irgendwo traf, auch, und damit war der Kontakt beendet.
Die Porträts im Buch Mischka sind eine späte literarische Würdigung traumatisierter Menschen, manche von ihnen haben keinen Halt mehr gefunden und in der Gesellschaft nicht mehr Tritt gefasst. „Ein eigenes Leben besaß er nicht“, schreibt Barbara Honigmann über einen.
Haben wir, hat die Gesellschaft über das Grauen und das Trauern hinaus die Überlebenden vergessen, Frau Honigmann?
Die Gesellschaft hatte ja genug eigene Verrückte, die mit der Unfähigkeit der Eltern, zu trauern, nicht fertig wurden.
Eine Pointe des Buches ist, dass die um 1900 geborene Generation der Mischkas und „Kutschis“, die durch zwei Diktaturen gegangen ist, in sibirischer Verbannung lebte, den Gulag überstand, sich eine unglaubliche Resilienz aneignete, steinalt wurde: Wilhelmine „Mischka“ Müller-Slavutzkaja, geborene Magidson, 100 Jahre, Kurt Müller, SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneter, 87 Jahre alt. Und darüber offenbar nie den Humor verlor: „An jedem 5. März, zur alljährlichen Feier von Stalins Todestag, wurde ein Festessen gegeben, bei dem jeder Teilnehmer nach der Anzahl der Jahre, die er im Gefängnis, Zuchthaus oder Gulag verbracht hatte, mit einer ,Brotration‘ bemessen wurde, pro Jahr eine Scheibe.“
Mit Barbara Honigmann sprach Jo Berlien.
Jo Berlien
ist freier Autor, Redakteur und Journalist. Er hat als Ghostwriter und Redenschreiber für die Politik in Berlin, Hamburg und Brüssel gearbeitet und für seine journalistische und literarische Arbeit diverse Preise erhalten.





