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Zwischen Schönheit und Abgrund

von Johann Michael Möller | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Seine jüngsten Reisen haben den Schriftsteller Karl-Markus Gauß nach Slowenien, Sarajewo und Niederösterreich geführt. Auf brillante Weise nimmt er seine Leser mit an die Flanken des Kontinents und entdeckt Randständiges und Abseitiges

Es kommt nicht so häufig vor, ein Buch rezensieren zu können, das gleich in zweifacher Hinsicht Bezug zu unserer rotarischen Welt hat. Das neue Buch von Karl-Markus Gauß mit dem schönen Titel Die Liebe kommt immer zu spät, ist so ein seltener Fall, und ein besonders schöner zugleich. Denn der Autor schreibt nicht nur wunderbare Kolumnen für unser Magazin. Er kommt bei seinen jüngsten Spurensuchen entlang der östlichen Grenzen des alten Europas in die Stadt Slovenj Gradec, die einmal den deutschen Namen Windischgrätz trug, und entdeckt eine Hinweistafel auf das Geburtshaus des österreichischen Dichters Ernst Goll, die vom ortsansässigen Rotary Club gestiftet wurde.

Auch dieses Buch von Gauß lebt wieder von solchen kleinen Entdeckungen am Wegesrand, häufig Spolien einer früheren und oftmals prächtigeren Geschichte, die auf uns Nachgeborene wie ein Echo aus fernen Zeiten klingt. Deren feinfühlige Beschreibungen sind zu einem Markenzeichen des Wanderpoeten Gauß geworden, wenn man ihn so nennen darf.

Traum und Trauma

Seine Bücher liest man nicht einfach; man träumt sich in sie hinein; man glaubt dabei, die Städte und Menschen selbst zu sehen, die dem Autor über den Weg gekommen sind. So entsteht eine mentale Geografie der östlichen Ränder Europas, deren Landschaften und Geschichten man am liebsten mit eigenen Augen abtasten möchte. Manch berühmte Namen sind darunter, wie der des Liedkomponisten Hugo Wolf, der in Windischgrätz geboren wurde, als es dort noch eine einheimische deutsch-österreichische Einwohnerschaft gab; aber eben auch zwei berühmte slowenische Frauen, Ljuba Prenner, die sich kühn über alle Geschlechtergrenzen hinwegsetzte und selbst im Jugoslawien Titos nicht angetastet wurde; und Alma Karlin, die in den Zwischenkriegsjahren zu einer der meistgelesenen Reiseschriftstellerinnen wurde, ein tragisch abenteuerliches Leben lebte und schließlich verarmt und vergessen starb. Wer ihre Lebensbeschreibung von Gauß gelesen hat, möchte keine andere mehr lesen. Denn es gibt nur wenige Autoren, die Lebensgeschichten aus den Gegenden hervorwachsen lassen, in denen sie einst entstanden sind.

Man träumt sich in die Beschreibungen von Gauß hinein; aber erstaunlicherweise träumt man sich aus diesen Büchern auch wieder ins eigene Leben hinaus

 

Man träumt sich in die Beschreibungen von Gauß hinein; aber erstaunlicherweise träumt man sich aus diesen Büchern auch wieder ins eigene Leben hinaus. Beim Lesen seiner Wanderungen durch Bosnien, die das Kernstück des Buches darstellen, ein bis heute vom Bürgerkrieg gezeichnetes Land, fällt mir Jovanka ein, die einmal eine schöne und wie man sagt: stattliche Erscheinung gewesen sein muss. Ihre kupferroten armdicken Zöpfe sind in meiner Familie sprichwörtlich geworden. Sie war Serbin aus der Krajina und lebte mit ihrem bosnischen Mann über Jahrzehnte friedlich mit ihren kroatischen Nachbarn zusammen. Bis eines Tages dieselben Nachbarn zu hasserfüllten Mordbrennern wurden. Den Mann fand man Monate später mit ausgestochenen Augen auf einer Müllkippe wieder. Sie selbst überlebte nur, weil der kroatische Nachbarsjunge sie rechtzeitig warnte. Als ich sie wiedersah, war sie eine gebrochene Frau.

Wie konnte das passieren?

Die Leser von Gauß brauchen eigene Bezüge nicht, um zu begreifen, was den Autor bewegt, solche Schicksale aufzuschreiben. Sein Buch ist zu einem Epitaph für die Toten der Jugoslawienkriege geworden. Über sie schreiben, bevor sie vergessen sind. Die erschütterndsten Passagen seines Buches handeln von der Belagerung Sarajewos, wo die berüchtigten Sniper selbst Kinder und Frauen abgeknallt haben. Mordhungrige junge Männer, die „den Spaß des Tötens genossen und heute vermutlich selbst Familien mit Kindern haben“. Die Kinder wurden „oft nachts im Dunkeln neben den Spielgeräten bestattet, von denen sie heruntergeschossen worden waren“. Die kleinen Grabsteine zwischen den Wohnblocks erinnern daran.

Karl-Markus Gauß: Die Liebe kommt immer zu spät

Paul Zsolnay Verlag 2026, 139 Seiten, 24 Euro

Foto: PR

Wie ein roter Faden zieht sich die immergleiche Frage durch das Buch, wie dieser Bürgerkrieg möglich war; wieso Menschen, die jahrzehntelang in einem gemeinsamen, freilich nicht freiheitlichen Staat zusammengelebt haben, sich solche Torturen überhaupt antun konnten. „Der Patriotismus war die Ausrede, die sie brauchten“, schreibt Gauß, „die Würde der bedrohten Nation das vermeintliche Ideal, das sie verteidigten, doch die Gewalt war ihr Ziel und ihre Lust.“

Schon in diesen Sätzen gibt der Autor zu erkennen, wie groß seine Abneigung gegenüber den neuen, nach ethnisch-nationalen Kriterien vollzogenen Grenzziehungen nach dem Zerfall Jugoslawiens ist und wie sehr er das über Jahrhunderte gewachsene Miteinander der Bevölkerungsgruppen und Religionen auf dem Balkan verklärt.

Der hohe Preis des Friedens

Das berühmte Abkommen von Dayton habe zwar das Morden beendet, zitiert er seinen Gewährsmann Vahidin, einen bosnischen Germanisten. Der hohe Preis dafür sei aber gewesen, dass aus einem multinationalen Staat eine Ethnokratie wurde, in der sich heute alles nach der ethnischen Zugehörigkeit richtet. Das ist freilich ein romantisches, ein zu romantisches Bild der Vergangenheit, in der die verschiedenen Völkerschaften, Kulturen und Religionen friedlich nebeneinander lebten. Gauß zitiert immer wieder seinen Freund, den Schriftsteller Dževad Karahasan, den man die „Stimme Bosniens“ nannte und dessen Porträt der „inneren Stadt“ Sarajewos das Porträt eines solchen Schmelztiegels war. Und es sind oft die Nebensätze, in denen Gauß seine Sehnsucht verrät. So heißt es an einer Stelle des Buches, dass nach altösterreichischer Losung ein Offizier eben „keine Nationalität“ haben darf. Aber dieser verklärende Blick macht vergessen, dass dieses Habsburgerreich, das seit etlichen Jahren eine erstaunliche Wiederentdeckung erfährt, einst mit Schimpf und Schande auseinandergebrochen war. Für die kleinen Völker, wie man sie damals nannte, war dieses Reich zum Völkergefängnis geworden, nur um bald einem maßlosen Nationalismus Platz zu machen, der die vielen übrig geblieben Minderheiten am liebsten eliminierte. Ethnische Säuberungen haben im östlichen Teil Europas eine lange, eine schreckliche Tradition.

Aus Dževad Karahasans Tagebuch der Übersiedlung zitiert Gauß am Ende seiner bosnischen Wanderungen die wahre Bedeutung von Kunst: dass es nämlich zu ihren Grundfunktionen zähle, „die Menschen vor der Gleichgültigkeit zu schützen“. Wer seine Bücher kennt, weiß, dass er sich diese Poetik zu eigen gemacht hat. Man kann Gauß eben nicht lesen, ohne von ihm wachgerüttelt zu sein.

Johann Michael Möller

RC Berlin-Brandenburger Tor, ist Publizist und Herausgeber des Rotary Magazins. Unseren Autor erreichen Sie unter

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