Das Rätsel guter Führung

Sie entzündet Begeisterung, lenkt in Krisen, verändert den Lauf der Dinge – und bleibt dennoch ein Rätsel. Was macht den Unterschied zwischen Managern und wahren Führungspersönlichkeiten aus? Eine Spurensuche zwischen Geschichte, Psychologie und persönlicher Erfahrung
Führung entzündet Begeisterung, lenkt in Krisen und verändert den Lauf der Dinge – und bleibt doch schwer erklärbar. Warum folgen Menschen einigen Persönlichkeiten voller Vertrauen, während andere trotz Amt und Titel nicht inspirieren? Trotz explosionsartiger Wissenszunahme auf vielen Gebieten bleibt Führung rätselhaft. Ich habe in aller Welt sehr viele Verantwortungsträger kennengelernt. Doch nur wenige habe ich als echte Leader erlebt; die Mehrheit waren solide Manager. Ein einfacher Test lautet: Was bleibt von der Person, wenn jemand sein Amt verliert?
Die Macht der Stimme
Oft kristallisiert sich Führung in ungewöhnlichen Umständen heraus. Winston Churchill sprach von dem Moment, in dem das Schicksal „an die Schulter tippt“. Dieser Moment lässt sich nicht erzwingen, doch starke Persönlichkeiten treten hervor, wenn es darauf ankommt. Kann man vorhersehen, ob jemand zum Führer wird? Die folgenden zwei Beispiele lassen daran zweifeln. So schreibt der Schriftsteller Franz Blei über Lenin im Jahr 1901 in München: „Konnte man es ihm ansehen? Nein, nichts war zu sehen, außer der Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben trug. Tausende besitzen diese Leidenschaft. Aber dann, durch Zufall, steht einer von ihnen am Kreuzungspunkt der Ereignisse. Er findet das Wort, auf das die Menge reagiert.“ Auch Wladimir Putin zeigte als KGB-Offizier in Dresden keine Anzeichen für seine spätere Rolle. Sein damaliger Kollege Vladimir Usoltsev sagt rückblickend: „Dass er als Staatsmann geeignet war? Keiner seiner Dresdner Kollegen hat das je gedacht.“
Die „doppelt Geborenen“ eint ein Gefühl des Andersseins – gerade diese Distanz gibt Kraft, Neues zu wagen
Max Weber verstand Charisma als außeralltägliche Qualität, die Gefolgschaft stiftet. Moderne Forschung betont die nonverbale Dimension: Inhalte allein reichen nicht; Körpersprache, Präsenz und Stimme prägen, wie Botschaften ankommen. Albert Mehrabian kam zu dem viel zitierten Befund, dass Tonfall und Ausdruck stärker wirken als der reine Inhalt. Schon der Römer Quintilian wusste: Mittelmäßiger Inhalt, brillant vorgetragen, überzeugt mehr als Geniales, schlecht präsentiert. Wer führen will, sollte seine Stimme bewusst entwickeln und Feedback einholen.
Die „doppelt Geborenen“
William James unterschied zwischen „einfach Geborenen“ mit geradlinigem Leben und „doppelt Geborenen“, die durch Brüche und Krisen geformt werden. Letztere entwickeln Distanz und Unabhängigkeit – häufig die Voraussetzung, gegen den Strom zu schwimmen und Wandel auszulösen. Beispiele illustrieren das: Hans Riegel übernahm mit 23, direkt aus der Kriegsgefangenschaft kommend, Haribo nach dem Tod des Vaters und führte die Firma 66 Jahre lang. Reinhold Würth musste mit 19 einspringen, als sein Vater starb, und baute die Firma zu einem globalen Konzern für Montageprodukte aus. Miky Lee gründete trotz schwerster körperlicher Beeinträchtigungen die koreanische CJ Group und entwickelte sie zu einem Unterhaltungs- und Handelskonzern mit 30 Milliarden Dollar Umsatz. Die „doppelt Geborenen“ eint ein Gefühl des Andersseins – gerade diese Distanz gibt Kraft, Neues zu wagen. Der englische Ausdruck „outstanding“ beschreibt dieses Phänomen.
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Fallstricke und Paradoxien
Führung dient nicht immer den Geführten. Populistische Führung lebt vom Paradox: Im Namen des „Volkes“ wird Politik betrieben, die diesem jedoch langfristig schadet. Sie fußt auf emotionalen Narrativen und der Abwertung von Institutionen und Gegnern; Kritik gilt als Auszeichnung, wirtschaftlicher Niedergang als notwendiger Preis der „Rebellion“. Das wirksamste Gegenmittel sind Transparenz und eine offene Debattenkultur, die Schwarz-Weiß-Denken unterläuft. Auch Unternehmen kennen Risiken: falsche Besetzungen, informelle Loyalitäten, ein Klima ohne Widerspruch – und die Neigung schwacher Manager, noch schwächere einzustellen. Wo sich diese Dynamik verfestigt, versiegt Erneuerung. Darum raten kluge Beobachter, sich einen „Hofnarren“ zu halten: eine unabhängige Stimme, die offen widerspricht.
Die Prinzipien guter Führung sind zeitlos; ihre Ausprägung verändert sich gleichwohl. Im 21. Jahrhundert verliert Zwang an Wirkung, während Sinn, Freiwilligkeit und geteilte Werte an Bedeutung gewinnen. Die Balance zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung, die Fähigkeit, Generationen und Kulturen zu verbinden, und das Verständnis für globale Zusammenhänge sind heute wichtiger denn je. Wie sich die künstliche Intelligenz auf Führung auswirkt, lässt sich nicht abschließend beantworten. Kern bleibt die Kunst des Beziehungsaufbaus: Menschen in gemeinsame Ziele einbinden, Vertrauen schaffen und zugleich den Zukunftsblick schärfen. Peter Drucker formulierte dies wie folgt: Management soll Menschen zu gemeinsamen Zielen, Werten, Strukturen und kontinuierlichem Lernen befähigen – die Umsetzung bleibt die eigentliche Herausforderung.
Bleibende Lehre
Führung ist bunt und widersprüchlich. Sie verlangt Demut vor den Tatsachen, Mut zur Entscheidung ohne vollständige Gewissheit und das Gespür für den Moment, der alles verändert. Vielleicht bleibt sie gerade deshalb ein Rätsel – weil sie am Schnittpunkt von Persönlichkeit, Moment und Geschichte entsteht. Und das ist der Grund, warum wir, solange es Organisationen gibt, immer wieder aufs Neue nach guter Führung suchen – und sie doch nie vollständig erreichen.
Prof. Hermann Simon
ist Gründer und Honorary Chairman der weltweit tätigen Unter-nehmensberatung Simon-Kucher. Er prägte den Begriff der Hidden Champions, der die Leistungsfähigkeit des deutschen Mittelstands beschreibt.
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