Eine bessere Zukunft für Seher

Pakistan ist eines von zwei Ländern weltweit, in dem Polio weiter zirkuliert. Beim Besuch vor Ort wird klar, was das für das Leben der Betroffenen bedeutet. Und wie die Endemie bekämpft werden kann
Jeden Morgen macht sich die sechsjährige Seher auf den Weg zur Schule. Durch die staubigen Straßen der pakistanischen 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt Faisalabad, vorbei an fahrenden Händlern, die lautstark Bananen und Datteln auf ihren Eselskarren anpreisen, an Bettlern, die am Straßenrand schlafen, und Ziegen, die nach ein paar Grashalmen oder Essensresten suchen.
Hinter einem unscheinbaren rostroten Metalltor befindet sich das Schulgebäude: offener Gemeinschaftsbereich, vier Klassenräume, Büro des Schulleiters, Konferenzraum, Toiletten. Dass Seher und 150 weitere Kinder hier täglich Mathe, Englisch und mehr lernen, ist nicht selbstverständlich. Trägerin der Grundschule ist die pakistanische NGO „Education, Awareness and Community Health“, kurz EACH, die sich seit 2013 in Pakistan vor allem für Kinder der christlichen Minderheit einsetzt, die in der Islamischen Republik im Alltag vielfach diskriminiert wird. Die Schule ist kostenlos und offen für alle Kinder, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit.

Gewalttätiger Ehemann
Finanziert wurde die Grundschule mit Spenden aus Deutschland. Den Großteil der umgerechnet 30.000 Euro streckte die Deutsche Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs- und Siedlungswesen e. V. vor. 25.000 Euro davon sammelte der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen e. V. (VNW), dessen Mitglieder gemeinwohlorientierte Wohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind, zum Jubiläum seines 125-jährigen Bestehens. VNW-Direktor Andreas Breitner (RC Rendsburg) findet: In Deutschland werde vieles kritisiert. Doch wenn man sich in der Welt umschaue, könne man sehen, „mit welchen dramatischen und existenziellen Problemen Menschen in anderen Ecken der Erde konfrontiert sind“.
Sehers Mutter Sumaira, 25, ist dankbar, denn sie selbst habe nie eine Schule besuchen können. Mit ihren Kindern Seher und dem vierjährigen Subhan lebt sie wieder bei ihrer Mutter, seit sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist. Sie schlafen alle zusammen in einem engen Zimmer mit Doppelbett. In einem weiteren Raum wohnt Sehers Onkel, dazwischen gibt es einen kleinen Innenhof mit Gaskocher.

Sumaira humpelt, sie hat mehrere OPs an den Beinen hinter sich. Auch da half ihr die Organisation EACH, denn krankenversichert ist sie nicht. Eine Polio-Infektion habe Lähmungen an ihren Beinen verursacht, bis heute leide sie an Muskelschwäche und Schmerzen. Mit bunten Dekorationsgirlanden aus Papier, die sie zusammen mit ihrer Mutter und Tochter Seher bastelt und an Geschäfte verkauft, versucht sie, trotzdem etwas Geld zu verdienen.
Nomadengruppen besonders gefährdet
Pakistan ist neben Afghanistan das einzige Land, in dem Polio weiterhin endemisch ist. Unsauberes Wasser und fehlende Sanitärinfrastruktur können Nährboden für das Virus sein. Tatsächlich gibt es in dem Armenviertel, wo Seher und ihre Familie wohnen, weder fließend Wasser noch ein funktionierendes Abwasser- oder Müllentsorgungssystem.
Laut WHO gelten insbesondere Nomadengruppen als gefährdet, auch weil sie schwer zu erreichen seien. Zudem kursieren gerade in bildungsfernen Bevölkerungsschichten bis heute Mythen und Verschwörungserzählungen. Auch Sumaira und ihre Mutter Ishrat, 47, berichten davon, wie sie lange geglaubt hätten, die Polio-Impfung führe zu Unfruchtbarkeit und sei haram, also für Muslime verboten. Beide waren nicht geimpft.
Sie haben lange geglaubt, die Polio-Impfung führe zu Unfruchtbarkeit und sei haram, also für Muslime verboten
„Polio bleibt in Pakistan eine komplexe Herausforderung“, bestätigt auch Aziz Memon, Chair des Pakistan National Polio Plus Committee und Mitglied im International Polio Plus Committee. Sicherheitsbedenken, Impfskepsis, Fehlinformationen und große Bevölkerungsbewegungen erschwerten es, „jedes Kind zu erreichen“. Durch strengere Überwachung, gezielte Ansprache, eine koordinierte Impfkampagne mit Afghanistan, stärkere Integration in Routineimpfungen und Aufklärung solle die Übertragung aber bis Ende 2026 „vollständig unterbrochen“ werden. Memon gibt sich optimistisch: Fortschritte seien schon jetzt erkennbar. Die gemeldeten Fälle seien von 74 im Jahr 2024 auf 30 im vergangenen Jahr gesunken. Pakistan habe „einen klaren Weg in eine poliofreie Zukunft vor sich“.
Sumaira hofft, dass ihre Kinder es einmal besser haben werden. Die Voraussetzungen sind gegeben: Gesundheitsvorsorge und Hygiene – auch Impfungen – werden in der Schule besprochen und angegangen. Und Seher weiß, was sie möchte: Lehrerin werden.





