Rotary AktuellStandpunkt

Wie amerikanisch ist Rotary International?

von Christine Büring | 
 |  Lesezeit: 3 Minuten

Standpunkt: Nur noch ein Viertel der Mitglieder weltweit stammt aus den USA. 29 Prozent der Mitglieder leben in Europa oder Afrika, in Asien/Ozeanien sind es 38 Prozent. Von einem „Amerika mit Anhang“ ist Rotary inzwischen weit weg

Das können wir nicht mitmachen! Rotary ist zu amerikanisch – damit wollen wir uns nicht mehr identifizieren.“ Sätze wie diese höre ich immer wieder. Die Diskussion um die Umbenennung von DEI und den Eindruck von Bevormundung durch unsere Verwaltung in Evanston ist leidenschaftlich. Gibt es einen Verlust unserer Werte? Brauchen wir eine Positionierung gegenüber den USA und damit unserer eigenen Organisation?

Mitte Januar war ich gemeinsam mit rund 500 Governorn elect bei der International Assembly in Orlando, wo sie für ihr Amt im Rotary-Jahr 2026/27 – mit dem Nigerianer Yinka Babaola als RI-Präsidenten – geschult wurden. Anschließend tagte das RI Board noch zwei Tage. Wir waren im MAGA-Staat Florida, und ich erwartete ein eher behutsames Umgehen mit den „heißen“ Themen. Aber weit gefehlt. Diversity, gleiche Chancen beim Mitmachen für alle, mutig Zeichen setzen: All dies wurde auf der Bühne ausgesprochen, eingefordert und in den Diskussionen und Begegnungen gelebt. Unterschiedliche Perspektiven, jung, bunt, oft weiblich, aus allen Kontinenten.

Jedes Mitglied hat die Möglichkeit, sich als deutsche oder europäische Stimme in internationalen Projekten zu engagieren

 

Strukturell ist Rotary nicht mehr „Amerika mit Anhang“. Die USA stellen 25 Prozent der Mitglieder weltweit, Europa/Afrika 29 Prozent und Asien/Ozeanien 38 Prozent. Wie in der Politik brauchen wir neue Allianzen – ich suche sie.

Ja, noch immer kommen die meisten Spenden aus den USA. Aber auch das ändert sich. Ravishankar Dakoju aus Indien und seine Frau Paola haben in Orlando eine Spendenzusage über 50 Millionen Dollar gemacht. In diesem Jahr sind viele Schlüsselpositionen im RI Board aus Europa/Afrika besetzt: ein RI-Präsident aus Italien, sein Vize aus Belgien, der Vorsitzende des Executive Committee aus Rumänien, insgesamt fünf Direktoren aus Europa gegenüber vier aus den USA. Nächstes Jahr folgen ein afrikanischer Präsident, ein indischer Vize und eine niederländische Vorsitzende des Executive Committee. Die nächsten Conventions sind in Taipeh, Dubai und Minneapolis, für 2029 und 2031 wurden die europäischen Städte Barcelona und Dublin ausgewählt.

Unnötig: Moralische Fingerzeige

Wir sind amerikanisch und werden in­ter­na­tio­nal. Amerikanisch, weil wir mit Sitz in den USA die Gesetze des Landes mit allen Kapriolen befolgen müssen. Das betrifft die Administration. Interna-tional sind wir in der Art, wie wir Rotary vor Ort leben und in unseren Gesellschaften positionieren.

Jedes Mitglied hat die Möglichkeit, sich als „deutsche oder europäische Stimme“ in internationalen Projekten zu engagieren und eigene Schwerpunkte zu setzen. Oder sich um ein internationales Amt zu bemühen und dabei europäische Perspektiven einzubringen. Zum Beispiel in den „RI Committees“, die das RI Board beraten. Die Positionen werden jeweils im Juli für das darauffolgende rotarische Jahr für drei Jahre ausgeschrieben. Jedes Rotary-Mitglied kann sich entsprechend der erforderlichen Qualifikationen bewerben. Es geht um Finanzen, IT-Entwicklung, Programme, Mitgliedschaft, Jugend und mehr.

Das Wegfallen des Akronyms DEI ist aus Vorsicht geschehen, um unseren Status als steuerbegünstigte Organisation in den USA nicht zu gefährden. Nicht, weil Rotary die Ziele Vielfalt, Miteinander und gleiche Chancen für alle aufgegeben hat. Mit moralischen Fingerzeigen verändern wir die Welt nicht. Wir sollten sie nehmen, wie sie ist, und unser internationales Netzwerk nutzen und ausbauen. In den USA und in allen anderen Nationen, in denen Rotary hilft und gelebt wird.