Der Neue aus Chicago

Jahrhundertelang war ein US-Papst undenkbar – zu mächtig, zu politisch, zu verdächtig. Erst jetzt sitzt einer auf dem Stuhl Petri. Und soll die Weltkirche zwischen Moral, Macht und Migration neu aufstellen
Warum gab es bisher noch nie einen amerikanischen Papst? – In der Neuzeit war das römische Papsttum von den katholischen Monarchien Europas abhängig, die freilich häufig miteinander im Krieg lagen. Da durfte der jeweilige Bischof von Rom, wenn er seine geistliche Autorität gegenüber allen Kirchen behaupten wollte, selbst aus keiner der mächtigen Nationen wie Spanien, Frankreich, Österreich-Ungarn stammen, um nicht unter den Verdacht zu fallen, im Interesse dieser oder jener Monarchie zu handeln.
Ein ähnliches Problem stellte sich nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Bischof von Rom durfte nicht aus einer früheren Kolonialmacht stammen; das hätte ihn in ehemaligen Kolonien sofort unglaubwürdig gemacht, insbesondere unter den katholisch erzogenen Eliten der neuen, nachkolonialen Nationalstaaten. Ein Papst aus den USA aber wäre im Kalten Krieg nur als „Messdiener Washingtons“ attackiert worden.
Beim Krakauer Erzbischof Karol Wojtyła hingegen fielen nationale Herkunft und christliche Freiheitsbotschaft zusammen. Seine Identifikation mit dem gewaltlosen Freiheitskampf der polnischen Opposition wider den sowjetischen Imperialismus widersprach der katholischen Lehre keineswegs, sondern bescherte ihr zusätzliche Wirkung. Johannes Paul II. war, jedenfalls zu Beginn seiner Amtszeit, der weltweit wohl populärste Papst des letzten Jahrhunderts.
Sein engster theologischer Kampfgefährte Josef Ratzinger war nach Jahrzehnten als Dogmenkontrolleur der vatikanischen Glaubenskongregation längst zum „Römer“ geworden – seine deutsche Nationalität stand der Wahl Papst Benedikts XVI. nicht mehr entgegen. Doch der kulturell konservative bayerische Professor konnte der im Süden des Globus wachsenden katholischen Weltkirche keinerlei neuen Impulse vermitteln und war im Vatikan bald zum Opfer einander bekämpfenden Fraktionen und Lobbys geworden. Nach Benedikts Scheitern und Rücktritt war endlich die Zeit für einen Papst aus dem „globalen Süden“ gekommen: den Erzbischof von Buenos Aires, also vom „katholischen Kontinent“ Südamerika.
Das Scheitern seiner Vorgänger
Jorge Bergoglio war in der Weltkirche weder der theologischen Linken noch den ideologischen Bewahrern der katholischen Dogmatik zuzuordnen, aber als populärer Seelsorger bekannt. In der Tat hat dieser Papst Franziskus in den ersten Jahren seiner Amtszeit mit persönlichem Charisma die universale Freiheitsbotschaft des Christentums extrem erfolgreich verkörpert und öffentlichkeitswirksam um die ökologische Dimension ergänzt. Er konnte sich dabei auf heimische Traditionen stützen, etwa auf den argentinischen Populismus Juan Domingo Peróns oder die in Lateinamerika entstandene „Theologie der Befreiung“, die bislang aus Rom vom Antikommunisten Wojtyła wie vom Alteuropäer Ratzinger energisch bekämpft worden war. Zudem: Bergoglio war Jesuit. Er konnte also in seinem Orden auf ein von der Kurie unabhängiges internationales Netzwerk von Spezialisten und Zuarbeitern zurückgreifen, das ihn gegenüber den Seilschaften im Vatikan unabhängig machte. Nach außen hatte „Bewegungspapst“ Bergoglio gewaltigen Erfolg – gerade unter Nichtchristen war er höchst beliebt, mehr als unter vielen Funktionsträgern der Kirchenhierarchie.
Prevosts sozialpolitische Haltung, auf die er mit seiner Namenswahl „Leo“ anspielt, liegt in jedem Fall quer zu Donald Trumps rabiaten Methoden des Umgangs mit sozialen Konflikten
Sein Programm bestand in einer den Armen und Randgruppen der Gesellschaft zugewandten „sozialen Seelsorge“. In den „existenziellen Peripherien“ der Gesellschaft und in ihren moralischen Konfliktzonen müsse die Kirche „eine bessere Synthese aus Wahrheit und Barmherzigkeit“ praktizieren als in der bisherigen Tradition katholischer Verbote. Nicht zuletzt in der Sexualmoral, etwa beim Umgang mit geschiedenen Ehen oder auch homosexuellen Beziehungen. Darüber ließ Franziskus die gesamte Kirche in mehreren weltweiten Bischofssynoden (von 2014 bis 2024) extensiv diskutieren.
Doch im Ergebnis scheiterte Franziskus: Es kam nicht zu einem neuen lebensfähigen katholischen Gemeinsinn; eine einmütige Wende zur Pastoral der „Unterscheidung“ (zur Feinabstimmung kirchlicher Normen und Haltungen) stellte sich auf dem synodalen Weg weltweiter Bischofsversammlungen keineswegs ein. Die Weltsynoden haben am Ende die Spaltung zwischen führenden Bischöfen in der Weltkirche eher noch verfestigt. Nur das Kirchenvolk bereitete Franziskus nach seinem Tode einen bewegten, triumphalen Abschied.
Der Baseball-Fan aus dem Süden Chicagos
Einen US-Amerikaner hatte niemand als Bergoglios Nachfolger erwartet, zumal angesichts eines US-Präsidenten wie Donald Trump. Doch vor einem Jahr traf der Heilige Geist gerade mit der Berufung eines US-Amerikaners auf den Bischofsstuhl Petri eine unerwartet klare Anti-Trump-Entscheidung: die Wahl eines aus der South Side von Chicago stammenden Ordenspriesters. Nach Bergoglios häufigen charismatischen Stresstests für den Vatikan sitzt nun ein studierter Mathematiker, zuletzt ein personalpolitisch wichtiger Funktionär des römischen Apparats und ausgebildeter Kirchenjurist an der Spitze der Weltkirche. Der eingeschworene Fan des Baseball-Teams der Chicago White Sox Robert „Bob“ Prevost war Theologieprofessor in Philadelphia, weltweiter Ordenschef der Augustinereremiten und vor allem: Er war für über zwei Jahrzehnte Missionar, Seelsorger, Staatsbürger und Diözesanbischof in Peru. Leo XIV. mag ja der erste Nordamerikaner auf dem päpstlichen Stuhl sein, er ist ebenso der zweite Lateinamerikaner.

Die Mehrheit der US-amerikanischen Bischöfe, die überwiegend konservativ, also katholisch-traditionalistisch eingestellt sind, vertritt er jedenfalls nicht – und das bestätigte die US-Bischofskonferenz USCCB alsbald mit der Wahl ihres neuen, konservativen Vorsitzenden Paul Oakley. Immerhin: Auch die USCCB verurteilte die rabiate Anti-Einwanderungspolitik von Präsident Trump scharf als „wahllose Massenabschiebung von Menschen“.
Auf den Bischofssitz der Diözese New York, den bisher der „rechte“ Kardinal Timothy Dolan innehatte, berief Papst Leo nun seinen relativ jungen Amtskollegen Ronald Hicks, der in mancher Hinsicht einen ähnlichen Werdegang hatte wie Prevost selbst: In einer Chicagoer Vorstadt geboren (wenngleich im Gegensatz zu Bob Prevost Fan des Baseball-Teams der Chicago Cubs) hatte Hicks fünf Jahre in Lateinamerika gearbeitet, als regionaler Leiter „Unserer kleinen Brüder und Schwestern“, eines kirchlichen Dienstes in der sozialen Jugendarbeit.
Eine klare Linie in der vatikanischen Außenpolitik lässt Leo XIV bisher vermissen. Dieser Papst nimmt sich vor wichtigen Entscheidungen Zeit
Prevosts sozialpolitische Haltung, auf die er mit seiner Namenswahl „Leo“ explizit anspielt, liegt in jedem Fall quer zu Donald Trumps rabiaten Methoden des Umgangs mit sozialen Konflikten. In Europa war die katholische Kirche erst mit Papst Leos XIII. „Sozialenzyklika“ Rerum novarum (1891) im Industriezeitalter und seinen Klassenkonflikten angekommen. Heute knüpft Leo XIV. ebenso an die sozialökologische Stoßrichtung seines Vorgängers Franziskus an wie an das in Lateinamerika prominente Programm einer „Kirche der Armen“. Die in den dynamischen Zentren der ökonomischen Entwicklung nicht Gebrauchten, die an die Dynamik ökonomischer Innovation nicht Angepassten seien schließlich diejenigen, die am meisten auch unter der Klimakrise leiden: Sie verlieren ihre Ernten, ihre Anbaugebiete – viele von ihnen, entwurzelt, werden zur in die Peripherien der Global Citys gespülten „Abfallbevölkerung“.
An den Staatsgrenzen der entwickelten Welt werden Wirtschafts-, Klima- und Kriegsflüchtlinge nur mehr als „Sicherheitsprobleme“ wahrgenommen und behandelt. Papst Prevosts Hinweis auf die „moralische Pflicht“ zur Aufnahme von Klima- und Kriegs-, Wirtschafts- und politischen Flüchtlingen könnte angesichts von Präsident Trumps Einsatz von Mauern und Militär wider die Armutsmigration in die Vereinigten Staaten nicht deutlicher sein.
Otto Kallscheuer: Papst und Zeit
Matthes & Seitz Berlin, 956 Seiten, 44 Euro
Foto: PR
Der Arbeitsauftrag des Heiligen Geistes an den amerikanischen Bischof von Rom ist eindeutig: Es gilt, die soziale Dimension des Evangeliums unter den heutigen sozioökonomischen und -ökologischen Krisenbedingungen im Vordergrund der pastoralen Tätigkeit der Kirche zu halten – aber: ohne dabei die institutionelle Einheit und pastorale Einmütigkeit der katholischen Weltkirche zu gefährden, wie dies der mediale Aktivismus des populären Charismatikers Jorge Bergoglio zuweilen riskierte. Bisher hat Papst Prevost dieses Risiko weitgehend vermieden, er hat auch den konservativen Teilen der Bischofshierarchie symbolische Zugeständnisse gemacht (etwa in Sachen lateinischer Messe). Einige außenpolitische und „diplomatische“ Fehler von Papst Franziskus hat Leo XIV. bereits sanft korrigiert; er prangert den imperialistischen Charakter des russischen Eroberungskriegs gegen die Ukraine ebenso deutlich an, wie er sich weigert, für Donald Trumps Friedensrat zur Lösung des sich inzwischen regional ausweitenden Israel-Palästina-Konflikts ein katholisches Feigenblatt zu liefern. Zu Ostern hat er die Drohung des amerikanischen Präsidenten, das gesamte iranische Volk zu vernichten, sollte die Islamische Republik nicht auf seine Waffenstillstandsvorschläge eingehen, mit klaren englischen Worten als „inakzeptabel“ gebrandmarkt. Dennoch: Eine klare Linie in der vatikanischen Außenpolitik lässt Leo XIV. bisher vermissen. Dieser Papst nimmt sich vor wich-tigen Entscheidungen Zeit.
Otto Kallscheuer
geboren 1950, Politologe und Philosoph, lehrte und forschte an Universitäten in Deutschland, Italien, der Schweiz und den USA, als Autor schrieber für die wichtigsten deutschen Tageszeitungen. Sein letztes Buch „Papst und Zeit“ (2024, 2. Aufl. 2025) wurde von der Kritik als Opus magnum gewürdigt.
Foto: Michela de Giorgio





